Um diesen Fall zu verstehen, braucht es einen Blick zurück: Im Sommer 2009 soll ein 27-jähriger Tamile eine minderjährige Tamilin in der Breitenbacher Asylunterkunft vergewaltigt haben. Zwei Zeugen bestätigten, dass ihnen Chinthuja R.* kurz nach der Tat davon erzählt hatte.

So wurde Viswanathan A.* im Mai 2012 vom Amtsgericht Dorneck-Thierstein zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und acht Monaten verurteilt. Viswanathan A., der immer seine Unschuld beteuert hatte, ging in Berufung, weshalb das Solothurner Obergericht im Dezember 2013 den Fall neu beurteilen musste. Damals tauchten neue Beweismittel auf, die dafür sprechen, dass die Vergewaltigung erfunden sein könnte.

Die Familie von Viswanathan kontaktierte nämlich nochmals die Belastungszeugen. Die eine Zeugin, eine Kollegin des Opfers, stellte der Verteidigung aufgezeichnete Facebook-Gespräche zur Verfügung. In diesem «Chat» bat Chinthuja R.: «Sage, was ich Dir erzählt habe, dass er mich auf dem Schulweg entführen wollte.» Ein anderer Belastungszeuge, ein ehemaliger Freund des Opfers, widerrief in einem Brief an das Obergericht seine Aussage. «Einige Zeit nach dem Urteil erzählte sie mir, dass sie das nur gemacht habe, um sich zu rächen. Weil er sie zurückwies, wollte sie, dass er Probleme mit seiner Frau bekommt», stand in dem Brief geschrieben. Das Obergericht entschied damals, die Verhandlung zu verschieben.

Wer hat recht und wer lügt?

Am Dienstag nun war es so weit. Oberrichter Hans-Peter Marti befragte zuerst die frühere Kollegin des Opfers. Thema waren die Auszüge aus dem Facebook-Chat. «Hat sie jemals sexuelle Übergriffe erwähnt?», fragte Marti. Die Zeugin verneinte. «Es war nur die Rede davon, dass er sie auf dem Schulweg belästigte, und versuchte, sie zu kidnappen.»

Als zweiter Zeuge war der ehemalige Freund von Chinthuja R. vorgeladen. Marti kam gleich auf den Punkt. «Haben Sie während der Verhandlung vor dem Amtsgericht die Wahrheit gesagt?» Der Zeuge verneinte, fügte aber sogleich an, dass er damals meinte, es sei die Wahrheit. Marti wollte wissen, wie es zu dem Brief kam. Der Zeuge holte aus: «Nach dem Verfahren in Dornach hat sich Chinthuja bei mir bedankt und mir erzählt, dass sie sich an Viswanathan rächen wollte.» Marti wollte mehr wissen: «Hat sie gesagt, dass alles erlogen war?» Der Zeuge bejahte und erklärte, wie es zum Brief kam. «Viswanathan hatte von allem erfahren und ist bei meinem Arbeitsplatz erschienen. Er fragte mich, ob ich bereit wäre, nun die Wahrheit zu sagen.» Den Brief habe die Ehefrau von Viswanathan auf Deutsch verfasst. «Ich habe ihn dann mit einem Freund überprüft und unterschrieben», so der junge Tamile.

Dann wurde Chinthuja R. in den Zeugenstand geholt. Marti: «Haben Sie bisher die Wahrheit gesagt?» Chinthuja R. bejahte. Marti sprach sie auf den Brief an. Sie sagte, dass sie von dem Brief wisse, was darin stehe, stimme aber nicht. «Der Zeuge hat gelogen?», wollte Marti wissen. «Er hat mir am Telefon erzählt, dass bei seinem Arbeitsplatz Leute auftauchten und ihn bedroht haben, diesen Brief zu unterschreiben.» Marti richtete sich an den Zeugen, der inzwischen auf den Zuschauerrängen Platz genommen hatte. «Sie sagt, Sie lügen?» – «Ich habe ihr am Telefon gesagt, ich sei von ihrem Vater bedroht worden und habe darum unterschrieben.» Marti fragte den Zeugen noch einmal: «Stimmt der Inhalt des Briefes.» Er bejahte. Chinthuja R. begann zu weinen. Zum Schluss wurde dann auch noch Viswanathan A. selbst befragt. Er beteuerte weiterhin seine Unschuld und unterstrich dies mit Sätzen wie «Sie hat das Ganze geplant, sie hat eine Geschichte erfunden», oder «Sie hat allen vorgesagt, was sie zu erzählen haben.»

Staatsanwalt Lukas Büttiker verteidigte das Urteil der Vorinstanz. «Das Opfer hat kein Motiv, diese Vergewaltigung zu erfinden. Sie hat seit dem Vorfall eine posttraumatische Belastungsstörung und Probleme in ihrem Kulturkreis.» Zudem gebe es keinen Grund zur Annahme, dass ein 17-jähriges Mädchen überhaupt fähig wäre, ein solches Komplott über Monate zu planen. Er bezeichnete eine Freiheitsstrafe von 48 Monaten als angemessen. Verteidiger Lukas Breunig meinte zum Urteil der Vorinstanz: «Widersprüche bei den Aussagen des Opfers seien nicht gewürdigt worden, Widersprüche bei den Aussagen des Angeklagten hingegen schon.» Er warf Chinthuja R. vor, viele kleine Lügen vorgebracht zu haben. Der ehemalige Freund sei nur ihr Instrument gewesen, das habe er mit dem Brief bewiesen. «Mit seiner Aussage fällt das Kartenhaus der Anklage zusammen.» Er forderte einen Freispruch für seinen Mandanten. Das Urteil des Obergerichts wird heute Mittwoch erwartet.

*Namen von der Redaktion geändert