Arbeitsmarkt
Hat der Kanton Solothurn offene Stellen im Überfluss?

Die Handelskammer wirbt mit grosszügig ausgelegten Zahlen für eine Job-Plattform. Die Daten stammen von einem Thalwiler Dienstleistungsunternehmen. Es stellt sich die Frage, ob die grosse Anzahl freier Stellen tatsächlich stimmt.

Franz Schaible
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Eine Alternative zur traditionellen Jobsuche ist die Plattform www.solothurn-jobs.ch.

Eine Alternative zur traditionellen Jobsuche ist die Plattform www.solothurn-jobs.ch.

Oliver Menge

«Im Kanton Solothurn werden aktuell mehr als 6000 offene Stellen ausgeschrieben», heisst es auf der mit der Solothurner Handelskammer verlinkten Plattform www.solothurn-jobs.ch. Diese enorm hohe Zahl erstaunt und provoziert Nachfragen. Deren Beantwortung durch den zuständigen Mann bei der Handelskammer, Roland Simonet, relativiert die Aussage denn auch, aber Fakt ist: Im Kanton Solothurn sind viele offene Arbeitsplätze zur Besetzung ausgeschrieben. Doch der Reihe nach.

Die Daten sammelt das Dienstleistungsunternehmen x28 AG mit Sitz in Thalwil. Eine von ihr speziell entwickelte Suchmaschine durchforstet mehrfach täglich die Websites von schweizweit rund 300 000 Firmen und Personaldienstleistern nach offenen Stellen. Für den Kanton Solothurn sind demnach aktuell rund 6300 Stellen auf den Homepages der Firmen und Personaldienstleistern ausgeschrieben. Davon stammen rund 40 Prozent direkt von Arbeitgebern und 60 Prozent von Personaldienstleistern.

Doppelzählungen verfälschen Bild

Da kommt es unweigerlich zu Doppelzählungen, wie Roland Simonet und Cornel Müller von der x28 AG eingestehen. Im einen Fall vergibt der Arbeitgeber ein Mandat an ein Stellenvermittlungsbüro und schreibt die Stelle jedoch gleichzeitig auf seiner eigenen Website aus.

Im anderen Fall sucht der Personaldienstleister ohne Mandat auf Arbeitgeber-Webseiten nach offenen Stellen und kopiert diese dann in seine eigene Jobplattform. Ferner sei man bei der Erhebung der ausgeschriebenen Stellen angewiesen, dass die offenen Jobangebote gepflegt und aktualisiert werden. «Wenn nicht, können ‹Stellenangebots-Leichen› die Anzahl der offenen Stellen verfälschen.»

Talentmatch: Das Ziel ist noch nicht erreicht

Zusammen mit der Stellen-Plattform solothurn-jobs.ch lancierte die Handelskammer das Projekt «TalentMatch». Das in das Job-Portal integrierte Tool soll Unternehmen mit offenen Stellen und stellensuchende Fachkräfte zusammenbringen. Das «Matching» – der Vergleich von Jobangeboten mit Profilen der Stellensuchenden – basiere auf über 50 000 Suchbegriffen. Beide Seiten werden sofort per Mail orientiert, wenn «TalentMatch» eine hohe Übereinstimmung festgestellt habe, erläutert Projektleiter Roland Simonet von der Handelskammer. Die Registrierung ist für Unternehmen kostenpflichtig, für Stellensuchende ist der Service gratis. «Das Tool hat sich noch nicht wie gewünscht entwickelt», sagt Simonet. Der Grund liege in der eher geringen Anzahl von heute 388 Profilen, die Stellensuchende hochgeladen haben. Firmen machen aktuell deren 36 mit. «Wir verfügen über kein Werbebudget, um das Tool weit über die Solothurner Handelskammer hinaus bekannter zu machen.» Das Projekt wird im Rahmen der «Neuen Regional-Politik 2012-2015» von Bund und Kanton Solothurn zu je einem Drittel unterstützt. Den Rest bringen die Initianten und deren Partner auf. (FS)

Deutlich tiefere Zahlen

Wie hoch ist nun die Anzahl der tatsächlich offenen Stellen? Simonet und Müller rechnen vor: Die 40 Prozent der direkt auf den Arbeitgeber-Homepages erfassten Stellen sind real. Hinzu komme ein Drittel der 60 Prozent von den Personaldienstleistern ausgeschriebenen Stellen. Unter dem Strich sind also 60 Prozent der insgesamt auf www.solothurn-jobs.ch aufgelisteten 6300 Jobs oder rund 3800 effektiv offen. Das ist immer noch eine hohe Anzahl.

Deshalb muss sie noch einmal nach unten korrigiert werden. Auf www.solothurn-jobs.ch werden nämlich auch Jobs mit Arbeitsort (gemäss Stelleninserat) Mittelland, Deutschschweiz oder Nordwestschweiz übernommen. «Deshalb liegt die Zahl der effektiv offenen Stellen im Kanton Solothurn nochmals tiefer», sagt Simonet. Um wie viel bleibt offen. Eine weitere Annäherung bringt der ebenfalls von der x28 AG bewirtschaftete Jobradar. Demnach waren im zweiten Quartal 2900 Jobs im Kanton Solothurn ausgeschrieben. Jobradar bezieht sich nur auf Stellen, die nach der Postleitzahl eindeutig den Kantonen zugewiesen werden können.

Unabhängig von der «richtigen« Zahl sei die Webseite die einzige Job-Plattform, die alle Stellen im Kanton Solothurn publiziere. «Das ist ein starkes Argument für Stellensuchende in der Region», sagt Simonet und verweist auf die Besucherzahlen. Demnach wurden seit dem Start im September 2012 bis Juni 2013 insgesamt fast 94 000 Besuche registriert.

Angebot trifft Nachfrage nicht

Wie gesagt: Trotz mehrfacher Korrektur nach unten ist die Zahl der offenen Jobs im Kanton Solothurn hoch und zeigt auch, dass der hiesige Arbeitsmarkt einigermassen intakt ist. Dafür spricht auch der von der Handelskammer erhobene Solothurner Konjunkturindikator. «Dieser deutet für den Mai 2013 gegenüber dem Vorjahresmonat auf einen Anstieg der kantonalen Wirtschaftsleistung um 1,6 Prozent hin», teilte die Handelskammer kürzlich mit. Auch die Arbeitsmarktlage habe sich leicht verbessert.

Trotzdem waren Ende Juni rund 5900 Männer und Frauen als stellensuchend registriert. «Die auf dem Markt gesuchten Profile wie Kernkompetenzen, Alter, Pensum usw. stimmen nicht mit denjenigen der Stellensuchenden überein», begründet Simonet den Widerspruch zu den offenen Stellen. Die beschleunigte Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt zeige immer mehr ein Gefälle zwischen Arbeits-Angebot und -Nachfrage. Deshalb habe die Handelskammer gleichzeitig das Rekrutierungs-Tool «TalentMatch» lanciert (siehe Kasten).