Feldhasen-Monitoring
Hasenpopulation hat trotz des Wititunnels abgenommen

In drei ausgewählten Gebieten im Kanton Solothurn wird seit vielen Jahren das sogenannte Feldhasen-Monitoring durchgeführt. Statt Hasen zu schiessen, werden sie also von den Jägern gezählt. Wir waren mit dabei.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Feldhase in einer Pflugfurche.

Feldhase in einer Pflugfurche.

zvg

Erinnern Sie sich? Im Jahr 2002 wurde die Autobahn Solothurn–Biel eröffnet und dabei die Grenchner Witi knapp 2 km untertunnelt. Das hatte einen ganz bestimmten Grund: Die Aare-Ebene zwischen Solothurn und Grenchen wurde nämlich als «Hasenkammer» der Schweiz bezeichnet und deshalb vom Regierungsrat und nach einer Volksabstimmung unter Schutz gestellt.

Tatsächlich zählte man 1972 noch 65 Hasen auf 100 ha Land, eine Rekordzahl. Doch die Hasenpopulation hat trotz des Wititunnels in den vergangenen Jahren stets abgenommen. 1991, vor 24 Jahren, bekam die Vogelwarte Sempach vom Bund den Auftrag, den Besatz der Feldhasen, die auf der Roten Liste der bedrohten Arten stehen, in der ganzen Schweiz statistisch zu untersuchen. Jährlich erscheint deshalb der Bericht «Schweizer Feldhasen-Monitoring», in welchem sehr exakt die Zählergebnisse der verschiedenen, inzwischen 50 Zählgebiete in der Schweiz aufgelistet werden. Im Kanton Solothurn werden an drei Orten die Feldhasen mittels der «Scheinwerferflächentaxation» (s. Kasten auf Seite 58) gezählt: In der Grenchner Witi (totale Fläche 1160 ha), in der Selzacher Witi (366 ha) und nördlich von Kestenholz (1252 ha).

Wir begleiteten Mark Struch, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Amt für Wald, Jagd und Fischerei, bei der Feldhasenzählung. Zusammen mit 16 Freiwilligen der Jagdreviere Grenchen Süd und Bettlach machte man sich bei Dunkelheit, Schneetreiben und starkem Wind im Abschnitt Grenchner Witi zum Monitoring auf. Treffpunkt war das Flugplatzrestaurant in Grenchen. Alle Mitmachenden wurden in Vierergruppen auf vier allradbetriebene Autos verteilt. Auf den hinteren Plätzen nahmen je zwei Personen mit mobilen Halogen-Scheinwerfern Platz. Ihre Aufgabe war es, während der vorher abgemachten Route mit ihrem Scheinwerfer, der rund 200 Meter Reichweite aufweist, möglichst lückenlos die Umgebung auszuleuchten. Der Fahrer fährt im Schritttempo, und ein Beisitzer protokolliert mittels Karte die angeleuchteten Tiere. Er kontrolliert auch, wenn nötig mit dem Feldstecher, was sich genau dort draussen bewegt.

Bei Wind und Wetter suchten Freiwillige in der Grenchner Witi mit dem Scheinwerfer nach Feldhasen. So wird seit 24 Jahren an insgesamt 50 Standorten der Hasenbestand in der ganzen Schweiz eruiert.

Bei Wind und Wetter suchten Freiwillige in der Grenchner Witi mit dem Scheinwerfer nach Feldhasen. So wird seit 24 Jahren an insgesamt 50 Standorten der Hasenbestand in der ganzen Schweiz eruiert.

Tina Dauwalder/Thomas Ulrich

Die Fahrt geht zunächst über einen pitschnassen Feldweg. Gespannt sitzen alle auf ihren Plätzen – es tut sich nichts. Hin und wieder wird ein grösseres weissliches Etwas auf einer Wiese oder einem Acker angeleuchtet «Nur ein Stein», sagt Struch, der Mann mit dem Feldstecher. Doch dann bewegt sich was. Tatsächlich, da hoppelt ein Hase über das Feld. «Ein kleineres Exemplar» wird festgestellt und sofort notiert. Nach ein paar Minuten: «Da, noch einer». Ein grösserer diesmal. Wenn ein Abschnitt abgefahren ist, geht es auch mal durch Quartierstrassen zum nächsten Abschnitt. Dann werden die Scheinwerfer natürlich ausgeschaltet. «Ich informiere jedes Mal die Alarmzentrale der Kantonspolizei, wenn wieder ein Monitoring durchgeführt wird», sagt Struch. So können besorgte Anrufer gleich informiert werden. Im Gebiet Eichholz – Römerbrunnen wäre schönstes Hasenland, denkt sich der Laie beim Durchfahren. Doch kein einziges Exemplar ist hier zu entdecken. «Es hat einfach zu viele Spaziergänger mit freilaufenden Hunden hier», meinen die beiden älteren Jäger im Auto, und sie berichten, wie gross in diesem nur kleinen Gebiet noch in den Achtzigerjahren der Hasenbesatz war. Weiter geht die Fahrt über die Witi-Ebene, dort, wo unterirdisch die Autobahn braust. Hier sind immer mal wieder Hasen zu zählen, einmal gleich drei zusammen. Aber es rücken auch andere Wildtiere ins Scheinwerferlicht: Füchse, Enten, Schleiereulen. Struch notiert fleissig. «Die drei haben wir vergangene Woche doch auch hier gesehen», sind sich alle sicher und freuen sich über die alten Bekannten.

Und so dauert die Fahrt durch das zugeteilte Gebiet von ca. 230 ha gute zwei Stunden. Alle Passagiere sind warm angezogen, denn die Fenster müssen während der Fahrt offen bleiben. Der Regen und der Wind peitschen an diesem Abend sogar durchs Auto. Den erwachsenen Hasen soll das aber nichts ausmachen, sagt Struch. Allerdings reagieren frisch gesetzte junge Hasen sehr empfindlich auf Kälte und Nässe; bei zu lang anhaltender nasskalter Witterung gehen denn auch ein paar Junghäschen ein. «Im Februar-März ist Rammelzeit. Da sind die Hasen – neben der Nahrungssuche – auch noch in anderer Mission unterwegs. Deshalb ist jetzt im Vor-Frühling auch die richtige Monitoring-Zeit.»

Und welche Ergebnisse brachten die beiden Zählabende in diesem Jahr? Insgesamt wurden einmal 89 und einmal 95 Hasen vermerkt. Dies entspricht etwa einer Hasendichte von 9 Hasen auf 100 Hektaren Land. Wie dramatisch der Rückgang in jüngster Zeit war, belegen folgende Zahlen: 2006 waren es noch 12 Hasen (höchster Stand seit dem Monitoring), 2014 zählt die Statistik noch 5 Exemplare pro 100 ha. Mark Struch sagt: «Nach eher schwierigen Jahren scheint sich der Bestand wieder etwas erholt zu haben.» Dies könne verschiedene Gründe haben: «Einerseits führte der eher kalte und regnerische Sommer 2014 vermutlich dazu, dass die Bauern weniger Grasschnitte durchführen konnten. Das wirkt sich sofort auf die Nachzucht der Hasen aus, denn durch eine reduzierte Grasmahd überleben viel mehr Junghasen.» Aber auch, dass die Füchse seit einigen Jahren unter Räude und Staupe litten und ihr Bestand zusammenbrach, war ein weiterer «Vorteil» für die Hasenpopulation. Denn: «Zu viele Füchse sind des Hasen Tod». Grundsätzlich sei es aber schon so, dass die intensive Landwirtschaft der grösste «Feind» der Feldhasen sei, sagt Struch dann bei der Rückkehr. Interessant sei deshalb ein Versuch, der momentan in der Selzacher Witi laufe. Mit weit-reihiger Weizenaussaat hätten die Feldhasen überhaupt erst Gelegenheit, die Weizenfelder aufzusuchen und darin Schutz zu suchen. Da die Weizenernte erst im August sei, verbessern sich die Überlebenschancen. «Die Zählungen in der Selzacher Witi sind denn auch sehr vielversprechend», sagt Struch und betont, dass den mitmachenden Landwirten die entgangenen Weizenerträge natürlich entschädigt würden.

Ein neues Modell, welches ganz den geforderten Massnahmen entspricht, welche die Projektleiterin «Feldhasenmonitoring» der Vogelwarte Sempach, Judith Zellweger-Fischer, fordert. In ihrem Fazit zum Feldhasenmonitoring im vergangenen Jahr schreibt sie nämlich: «Der anhaltend negative Trend beim Feldhasen zeigt, dass die bisherigen Massnahmen nicht ausreichen, um die Hasenbestände zu erhalten und zu fördern. Es fehlt an ausreichender Fläche, an der nötigen Qualität und an einer geeigneten räumlichen Verteilung der ökologischen Ausgleichsflächen. Die Agrarpolitik ist gefordert, die dazu notwendigen Instrumente und Massnahmen deutlich zu verbessern. Ausserdem müssen offene Landschaften vor weiterer Überbauung und Zersiedelung bewahrt werden.»