Wer in Solothurn in den Zug Richtung Moutier steigt, erlebt eine Reise in eine andere Welt. Die Bahnlinie führt über die deutsch-französische Sprachgrenze und verbindet das Mittelland mit der anderen Seite des Weissensteins, mit abgelegenen Juradörfern und mystischen Wäldern. Ebendiese Bahnlinie wurde am 3. August vor 110 Jahren eröffnet, erbaut durch die Eisenbahngesellschaft Solothurn-Münster-Bahn (SMB).

Bereits in den 1840er Jahren sei der Gedanke einer Strasse für Fuhrwerke von Solothurn nach Gänsbrunnen aufgetaucht, schrieb Oskar Grossenbacher im 1998 erschienen Buch «Oberdorf». Erst später entwickelte sich die Idee eines Bahntunnels. Etliche Projekte wurden geplant und wieder verworfen, bis man sich auf eine Bahnlinie von Solothurn nach Moutier und den Bau des Weissensteintunnels einigte. 1903 erfolgte der Spatenstich in Oberdorf, 1906 der Durchschlag des 3,7 km langen Tunnels.

Viele Gastarbeiter aus Italien haben während dreier Jahren bei den Bohrungen am Tunnel mitgearbeitet, in Oberdorf neben der heutigen Talstation der Seilbahn sei gar ein «Italienerdorf» entstanden. Es musste eine italienische Schulklasse für die Kinder der Arbeiter errichtet werden, berichtet der Chronist Oskar Grossenbacher.

Wassereinbruch und Erdrutsch

Doch der Bau der Bahnlinie stellte die Baufirma Albert Buess und Co. immer wieder vor Herausforderungen: Auf der Südportalseite hatte man mit enormem Wassereinbruch zu kämpfen, während sich auf der Nordseite der Boden um knapp 12 Meter absenkte. Dies hatte zur Folge, dass der Rausbach bei Gänsbrunnen in den Tunnel floss und ein Grossteil der Tunnelröhre ausgemauert werden musste. Die Eröffnung der Linie wäre eigentlich 1907 geplant gewesen.

Sie musste aber wegen eines Erdrutsches im Jahre 1905 verschoben werden, da Teile des steinernen Geissloch-Viadukts bei Bellach zerstört worden waren. Nach dessen Wiederaufbau bewilligte der Bund am 1. August 1908 die Inbetriebnahme. «Ein festlich geschmückter Zug fuhr von Solothurn nach Münster und wieder zurück und überall wurden die Ehrengäste jubelnd empfangen», beschrieb Grossenbacher die Eröffnungsfahrt am 3. August.
Doch der Traum einer wichtigen Güterverkehrsachse war bald ausgeträumt. Erst recht, als Frankreich während des Ersten Weltkrieges den Güterverkehr nach Basel umleitete, und nicht mehr über das französische Delle. Damit verlor die Linie an internationaler Wichtigkeit. Ob sie ohne Abgeltung des Bundes heute überhaupt noch existieren würde, ist fraglich.

Sanieren oder stilllegen?

Unlängst stand die Bahnlinie auf der Kippe, das Bundesamt für Verkehr (BAV) musste sich für eine Sanierung des Tunnels oder die Stilllegung entscheiden – und sprach sich 2017 schliesslich für die Tunnelsanierung und einen Weiterbetrieb der Linie für 25 Jahre aus. Das BAV nehme mit dem Beschluss die Anliegen der betroffenen Regionen auf. «Diese wollen die bisherigen Reisezeiten im öffentlichen Verkehr und den Anschluss an den Schienenverkehr beibehalten», hiess es damals.

Laut BAV werden diese Anliegen höher gewichtet als wirtschaftliche Überlegungen. Für die Sanierung wird der Tunnel in den Jahren 2020 und 2021 gesperrt – ob die Linie über 25 Jahre hinaus erhalten bleibt, ist offen. Auch die heutige Besitzerin der Linie, die BLS AG, ist laut Mediensprecherin Helene Soltermann sehr interessiert daran, die Linie weiterhin zu betreiben. «Diese wird aber durch den Bund finanziert. Ob sie weiterbestehen wird, liegt nicht in unseren Händen».