Er handelte mutig und entschieden. Als der Rumisberger Bauer Hans Roth 1382 in einem Wiedlisbacher Gaststube mithörte, dass die Kyburger die Stadt Solothurn angreifen wollen, marschierte er zu Fuss los und verriet die Überfallpläne in Solothurn. Seine Schuhe zog er trotz des langen Marsches verkehrt an, damit niemand im Schnee seinen Gang nach Solothurn bemerken konnte.

Für diese rettende Tat zeigt sich der Staat Solothurn bis heute dankbar: Seit Jahrhunderten bezahlt er einem Nachfahren von Hans Roth eine jährliche Pension – heute sind es 1000 Franken – und spendiert ihm ein Ehrenkleid in den Standesfarben rot und weiss. Dafür repräsentiert der Ehrenkleidträger den Kanton Solothurn an diversen Anlässen und hält so die Erinnerung an die Tat von Hans Roth aufrecht.

Zwei bis drei Einsätze pro Jahr

Tatsächlich aber gibt es kaum noch Auftritte für den Ehrenkleidträger. Seit März 2016 hält der Langendörfer Hanspeter Roth das Ehrenamt inne. In seinen drei Amtsjahren ist er allerdings nur selten ins rot-weisse Gewand gestiegen. «Es sind pro Jahr zwei bis drei Einsätze, die ich habe», sagt der Pensionär. 

Roth wird jeweils vom Rathaus aufgeboten, wenn ein Anlass ansteht, der aus Sicht der Staatskanzlei wahrgenommen werden könnte odeer sollte. Laut Staatsschreiber Andreas Eng gibt es heute allerdings nur noch einen fixen Anlass, an dem man den Ehrenkleidträger aufbietet: Mitte/Ende Juli findet jeweils in Dornach die Gedenkfeier an die Schlacht bei Dornach 1499 statt. Andere Pflichteinsätze gibt es nicht mehr.

Auch wenn der Kanton Solothurn im Sommer an der Fête des Vignerons in Vevey teilnehmen wird, ist für den Mann mit dem auffälligen Gewand kein offizieller Einsatz vorgesehen. Den Ehrenkleidträger werde man nicht aufbieten, sagt Eng. Man könne die Geschichte nicht in die geplante Choreographie einbinden.

Der Waffenlauf verschwand

Zu Anlässen einladen kann den Ehrenkleidträger eigentlich jeder, entweder direkt über Hanspeter Roth oder via Staatskanzlei. Roth ist zwar frei, welche Anlässe er besucht. Laut der Staatskanzlei aber sollten es «würdige Anlässe sein» mit möglichst historischem, militärischem oder staatstragendem Charakter. Als Auftritte, an denen er teilgenommen hat, nennt Hanspeter Roth etwa eine Einladung der Margrithenbruderschaft in der Solothurner Vorstadt oder der Besuch des kantonal-bernischen Musikfestes in Hans Roths Heimat Rumisberg. Für ihn sei die Zahl der Auftritte in Ordnung, sagt Roth. Die Tradition dürfe schliesslich auch nicht durch x-beliebige Auftritte verwässert werden.

Dass die Tradition am Schwinden ist, führt Staatsschreiber Eng darauf zurück, «dass es fast keine vaterländischen Feiern mehr gibt». Schlacht- und Erinnerungsfeiern gehören kaum mehr zur modernen Erinnerungskultur. Dem Bekanntheitsgrad von Hans Roth zugesetzt haben dürfte auch das Ende der Waffenlauftradition. Noch bis 2008 – und seit 1954 – führte der Hans-Roth-Waffenlauf von Wiedlisbach nach Solothurn und wieder zurück; ein Pflichtanlass für den Ehrenkleidträger.

Zwar hat mit dem vielfrequentierten Pub Red John (englisch für Hans Roth) am Aaremürli ein Gastrobetrieb der Figur eine Referenz erwiesen. Tatsächlich aber fühlt sich heute, anders als in den 1880er-Jahren, niemand mehr dazu berufen, ein «vaterländisches Schauspiel» über Hans Roth zu schreiben.

Die älteren Leute würden die Geschichte noch kennen, sagt Hanspeter Roth. Bei den Jüngeren sei das Wissen über seinen «Ahnen» seltener vorhanden. «Es verschwindet», so Roth. Sobald er jedoch im rot-weissen Kleid auftrete, sei das Interesse jeweils gross und er werde rege angesprochen. Ehrenkleidträger Roth zeigt sich zuversichtlich für die Zukunft: Im kommenden Jahr wird die Stadt Solothurn ihr 2000-Jahr-Jubiläum feiern. «Dies könnte den einen oder anderen Anlass mehr geben.»