Politische Symbole

Hammer und Sichel – für die Junge SVP ein Affront

Das erste Plakat-Sujet zum Jubiläum 125 Jahre SP Kanton Solothurn (hier im Bahnhof Schönenwerd) reizte die Junge SVP zu Widerspruch.

Das erste Plakat-Sujet zum Jubiläum 125 Jahre SP Kanton Solothurn (hier im Bahnhof Schönenwerd) reizte die Junge SVP zu Widerspruch.

Die Junge SVP stört sich an einem Jubiläums-Plakat der Solothurner SP. Hammer und Sichel erinnerten sehr stark an das Symbol der damaligen Sowjetunion und deren totalitäre, menschenverachtende Politik.

Hammer und Sichel in Solothurner Bahnhöfen und Fussgängerzonen! Auf einem historischen Plakat zum 125-Jahr-Jubiläum der SP Kanton Solothurn war das Symbol in den letzten drei Wochen zu erkennen – jedenfalls, wenn man gut hinschaute. «Das geht gar nicht!», findet die politische Konkurrenz von der Jungen SVP.

«Affront gegenüber den Opfern»

«Die Ideologie des Kommunismus beziehungsweise die sympathisierenden Staaten töteten bis heute Millionen von Menschen», schrieb Pascal Käser (Rüttenen) als Präsident der SVP-Jungpartei letzte Woche in einer Mitteilung an die Medien. «Es ist daher aus der Sicht der Jungpartei ein Affront gegenüber den Opfern zu jener/zur heutigen Zeit. Hammer und Sichel erinnern sehr stark an das Symbol der damaligen Sowjetunion.»

Die Junge SVP findet Hammer und Sichel im Jubiläums-Plakat der SP «unpassend und nicht der Zeit entsprechend» und fordert die SP auf, «in Zukunft solche ideologischen Spielereien zu unterlassen». Schliesslich gebe es in der Schweiz auch heute Probleme mit Linksextremisten, meint JSVP-Präsident Käser mit Verweis auf die Stadt Bern.

Tatsächlich hatten Lenins Bolschewisten bald nach ihrer Machtübernahme 1917 Hammer und Sichel als Symbol ihres Sowjetstaates gewählt. Die Staatsfahne der Sowjetunion (1923–1991) machte Hammer und Sichel mit Stern – in Gold auf rotem Grund – weltweit zum Markenzeichen für Staat, Partei und Ideologie der sowjetischen Kommunisten – und ihrer totalitären, menschenverachtenden Politik. In einzelnen Staaten, die bis 1991 zur Sowjetunion gehörten, ist dieses Symbol deshalb noch heute verboten.

Arbeiter, Bauern und Gebildete

Doch das von der Solothurner SP verwendete Plakat gehört zu einer Strömung, die um Jahrzehnte älter ist als die russische Revolution – und vor allem sehr schweizerisch: Zum 1838 gegründeten Grütliverein («Grütli» ist eine Variante von «Rütli»). Laut dem Oltner Historiker und früheren Stadtarchivar Peter Heim, der an der Gestaltung der Materialien zum 125-Jahr-Jubiläum der SP Kanton Solothurn mitwirkte, stammt das von der Jungen SVP kritisierte Plakat von einem Briefkopf des Schweizerischen Grütlivereins aus der Zeit um 1900. Es zeigt bildhaft die Grundidee der Grütlianer, deren Motto «Durch Bildung zur Freiheit» lautete: «Arbeiter, Bauern und Wissenschafter werden die drei Eidgenossen auf dem Grütli der Zukunft sein!» Ein neuer «Rütlischwur» der drei «Stände» Arbeiter, Bauern und Gebildete sollte der Schweiz den Weg in die Zukunft weisen.

Liberal – und sozialdemokratisch

Wie Heim in einem Video auf der Jubiläums-Website der SP (125jahre.sp-so.ch) erläutert, wurde der Grütliverein als liberaler Bildungsverein von Handwerkern gegründet. Er war lange Zeit ein Teil der liberalen (freisinnigen) Kräfte in der Schweiz. Als sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Interessengegensätze zwischen Arbeitern und Fabrikanten verschärften, wurden die örtlichen Grütlivereine oft zu Vorläufern der neuen Sozialdemokratischen Partei: Die schweizerische SP wurzelt – unter anderem– im Schweizer Freisinn.

Als sprechendes Beispiel führt Peter Heim die heute im Historischen Museum Olten verwahrte Fahne der SP Hägendorf aus dem Jahr 1914 an. Sie zeigt, fast identisch mit dem Briefkopf von 1900, die «Dreieinigkeit» der Grütlianer: Arbeiter mit Hammer, Bauer mit Sichel, Wissenschafter mit Buch.

Dass Hammer und Sichel nach 1917 von einer Ideologie vereinnahmt wurden, die Millionen von Menschenleben opfern sollte, konnte kein Grütlianer ahnen. Die Symbole der Schweizer Grütlivereine mit Verbrechen von Kommunisten in Russland und anderswo in Verbindung zu bringen, ist Unsinn.

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