Die Polizei holt den Papi ab. Das Mami sitzt weinend auf dem Sofa. Daneben steht das Kind – und versteht die Welt nicht mehr. Die Fälle häuslicher Gewalt im Kanton haben 2017 mit knapp 700 Meldungen etwas abgenommen. In den letzten fünf Jahren stieg die Zahl von rund 600 auf zirka 800. Und das sind nur die Fälle, die bei der Polizei registriert sind. Drohungen, Körperverletzung, Tötungsversuche – diese Delikte werden in der Statistik jeweils unter häuslicher Gewalt zusammengefasst.

Laut Helga Berchtold kann man aber davon ausgehen, dass im Kanton über 1000 Kinder von häuslicher Gewalt betroffen sind – weil die Dunkelziffer hoch sein dürfte. Die Walliserin ist eine der Sozialarbeiterinnen im Kanton, die sich mit den Schicksalen befasst, die hinter den Zahlen stecken. Sie leitet den Fachbereich Kindes- und Erwachsenenschutz in der Sozialregion Dorneck und sitzt in der kantonalen Fachkommission Kind, Jugend und Familie. Kinder seien zudem immer betroffen; Egal, ob sie geschlagen werden oder zusehen, wie ein Elternteil geschlagen wird. Egal, ob sie bei einem Streit im Zimmer sitzen oder von einem anderen Raum aus zuhören.

Von der Therapie bis zur Kesb

«Kinder kriegen Gewalt zu Hause immer mit», sagt Berchtold. Hinzu kommen Schuldgefühle – «wenn ich mich besser benehmen würde, würde es keinen Streit geben». Und grosse Verantwortung – «wenn ich von der Schule heimkomme, muss ich zuerst schauen, wie es den Eltern geht». Das habe fatale Folgen: Kinder werden depressiv, sind später abhängig von Beziehungen, in denen sie selbst Gewalt erleben. Oder sie schlagen selber zu. «Oft sind Paare, in deren Beziehung Gewalt vorkommt, zudem so mit sich selbst beschäftigt, dass sie ihr Kind vernachlässigen», so die Sozialarbeiterin. «Dabei muss die Not der Kinder gesehen und gehört werden. Nur so können sie sich möglichst gut entwickeln.»

Laut Berchtold müssen Fälle häuslicher Gewalt deshalb immer früh gemeldet und behandelt werden. Einerseits gibt es im Kanton Präventionsprogramme in Form etwa von Schulbesuchen. Zur Prävention sollen auch die Aktionstage Psychische Gesundheit beitragen, die dieses Jahr zum zehnten Mal stattfinden (siehe auch Interview rechts). Für Familien, in welchen häusliche Gewalt vorkommt, gibt es dann verschiedene Möglichkeiten: Freiwillige Paarberatungen und Gewaltprogramme, deren Erfolg laut Berchtold abhängig von der Bereitschaft der Familie ist, etwas an sich zu ändern. Oder aber Fälle fürs Frauenhaus und Fremdplatzierungen durch die Kesb für Familien, in denen es zu schwerer Gewalt kommt und wo strafrechtlich ermittelt wird.

Hinschauen – nicht verurteilen

Die Angebote für Betroffene unterscheiden sich je nach Gemeinde und Sozialregion. Das ist ein Punkt, den Berchtold kritisiert: Während es in Städten zum Teil mehrere Anlaufstellen gibt, gibt es ländliche Bezirke, in denen Angebote über mehrere Gemeinden hinweg ganz fehlen. «Der Kanton braucht flächendeckende und kostenlose Familien- und Erziehungsberatungsstellen, die diesen Namen auch verdienen», fordert Berchtold. Also auch mobile Angebote in ländlichen Gebieten. «Oder soll eine Familie freiwillig eine Stunde Weg bis zur nächsten Beratungsstelle auf sich nehmen – inklusive dreimal umsteigen mit Kinderwagen? Unmöglich.» Die Hürden seien ohnehin schon genug hoch für Betroffene, sich frühzeitig oder überhaupt Hilfe zu holen, da dürfe man diese nicht noch verstärken.

Gleichzeitig müsse auch das Hindernis «Stigma» abgeschafft werden: «Das ist rund ums Thema häusliche Gewalt immer noch extrem.» Jeder und jede müsse genau hinschauen: «Wir dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken.» Das betreffe etwa Nachbarn, die Streit mithören, Kita-Leiterinnen und Hausärzte, denen Kinder auffallen. Dabei müsse jeder wissen, was seine Rolle ist, Fälle melden – und nicht auf eigene Faust etwa Abklärungen machen wollen. Und verurteilen, sagt Berchtold, dürfe man sowieso auf gar keinen Fall – auch wenn das schwierig sei. Aber: «Ein gewaltausübender Mensch besteht nicht nur aus seinen Taten. Er hat auch ganz andere Seiten.» Und oft selber Probleme, so die Expertin: In der Hälfte der Fälle steckt laut Statistik eine Sucht hinter häuslicher Gewalt. Oft seien von der Gesellschaft abgestempelte «Rabeneltern» einfach auch Menschen, die als Kinder selbst Gewalt erfahren hätten – und nicht rechtzeitig Hilfe erhielten.

Heute starten die Aktionstage psychische Gesundheit Kanton Solothurn. Verschiedene Anlässe widmen sich psychischen Erkrankungen – auch häusliche Gewalt ist dieses Jahr ein Thema.

www.psychische-gesundheit-so.ch

Statistik häusliche Gewalt im Kanton Solothurn