Meldestelle? Das tönt doch eher nach einer amtlichen Einrichtung. Ist es aber nicht, sondern es ist eine Stelle, bei der man berichten kann, dass zum Beispiel die Tochter nach einer Krise in der Schule wieder gute Noten macht. Oder dass die Gesangsprobe gestern Abend wunderbar war.

Es geht also nicht um das grosse Glück, sondern um Momente im Alltag, in denen man sich freut und darum, sich dessen bewusst zu werden. Dafür ist die Meldestelle für Glücksmomente gedacht. Die Idee dazu hatte Mark Riklin, Sozialwissenschafter aus St. Gallen, wo er 2003 eine Meldestelle eröffnet hat. «Glück zu haben allein reicht nicht, man muss es auch noch merken», lautet Riklins Devise.

Einfaches Rezept

Bald wurde seine Idee auch andernorts in die Tat umgesetzt, zum Beispiel in Solothurn bei der «Perspektive Region Solothurn-Grenchen», dies auf Initiative von Geschäftsleiterin Karin Stoop. «Das Rezept ist dermassen einfach und die Wirkung kann so gross sein, dass man nur so staunt», sagt sie. Sie hat es zusammen mit Mitarbeitenden ausprobiert. Ausgerüstet mit einem kleinen Pult und einer schönen alten, mechanischen «Underwood»-Schreibmaschine machten sie Station an mehreren Plätzen in Solothurn und tippten auf Papier, was die Leute bezüglich Glücksmomente zu berichten wussten.

Weil diese mechanische Meldestelle logischerweise nicht ständig geöffnet hat, wurde eine virtuelle eingerichtet unter www.gluecksmomente-so.ch, ebenfalls betreut durch die «Perspektive». Im Interview berichtet Karin Stoop, wie und warum sie auf die Meldestelle für Glücksmomente aufmerksam geworden ist.

Karin Stoop, die Institution Perspektive setzt sich für Menschen mit Suchtproblemen und Misserfolgen ein. Wie passt da eine Meldestelle für Glücksmomente dazu?

Karin Stoop: Die passt sehr gut dazu, denn wir sind ja auch in der Prävention und Gesundheitsförderung aktiv. Das bedeutet Risikofaktoren verhindern, Schutzfaktoren stärken. Wahrnehmen, was gut läuft, das ist ein Schutzfaktor. Wir wollen die Menschen, auch jene, die keine Suchtprobleme haben, darauf sensibilisieren, auf das Gute, auf das Gesunde zu schauen. Genau das passiert, wenn Sie von einem Glücksmoment berichten.

Sie und einige Ihrer Mitarbeitenden waren mit der Meldestelle für Glücksmomente in der Stadt und an der HESO unterwegs. Wie haben die Leute reagiert?

Meistens waren sie kurz irritiert, lächelten dann aber. So konnten wir sie für ein Gespräch gewinnen.

Aus der Meldung über einen Moment entstand dann also ein Gespräch?

Ja, denn es reicht nicht, wenn eine Person sagt: «Als ich in die Berge Wandern ging, erlebte ich Glücksmomente.» Sie soll mir erzählen, was das Besondere daran war, was für Gefühle ausgelöst wurden zum Beispiel bei einer besonders schönen Aussicht.

Grenzt das nicht schon fast an Manipulation?

Nein, ich manipuliere nicht. Ich frage ja nur, warum diese Aussicht für sie so besonders war. Und am Schluss des Gesprächs bitte ich nicht um eine Spende oder um den Beitritt in eine Organisation. Mein Ziel ist, dass die Person nach dem Gespräch realisiert, dass sie in ihrem Leben, auch im Alltag, Glücksmomente hat und, dass sie diese nur zu sehen, ihnen Beachtung und Wert zu geben braucht.

Und das funktioniert?

Probieren Sie es aus! Je öfter Sie hinschauen und realisieren, was gut läuft, desto grösser ist die Wirkung und desto mehr werden Sie auch Gutes sehen.

Wie kamen Sie auf die Meldestelle und darauf, sie in der «Perspektive» zu integrieren?

In einer Zeit, in der es mir wegen eines einschneidenden Ereignisses persönlich gar nicht gut ging, entdeckte ich beim Warten auf dem Bahnhofplatz Luzern einen hübsch zurechtgemachten Oldtimerwohnwagen mit der Aufschrift «Meldestelle für Glücksmomente». Dort sprachen zwei Frauen mit Passanten und ich stellte fest, dass diese Passanten dann mit einem Lächeln weitergingen. Ich ging zu den Frauen hin und erfuhr von der einen, dass sie früher in der Prävention tätig gewesen war und nach der Pensionierung zusammen mit ihrer Kollegin etwas unternehmen wollte, das den ständigen Negativmeldungen entgegenhält. Dass man vom Schönen spricht.

Gingen Sie dann auch mit einem Lächeln wieder weiter?

Jedenfalls war ich erleichtert, vor allem aber begeistert von der Meldestelle. Das ist doch etwas für unsere Präventionsstelle, dachte ich mir und berichtete anderntags in der «Perspektive» davon. Alle fanden das super und waren dafür, die Meldestelle gleich an der HESO einzurichten. Dies natürlich nach Absprache mit Mark Riklin, dem Begründer der Meldestelle. Die HESO bot sich an, weil wir dort jeweils ohnehin vertreten sind. Und weil wir dabei halt nicht darum herumkommen, von Problemen zu berichten, erschien uns die Meldestelle für Glücksmomente als ein gelungener Kontrast dazu. Der Erfolg gab uns Recht.

Hatte dieser Erfolg auch eine nachhaltige Wirkung?

Ja, für uns war klar, es soll nicht bei dieser HESO-Aktion bleiben. Der Inhalt und vor allem die innere Haltung, die sich daraus entwickeln lässt, sind einsetzbar in unserer täglichen Arbeit. Wir arbeiten ja schon grundsätzlich dahingehend, was gut läuft, zu fördern. Da passt die Idee der Glücksmomente nicht nur gut dazu, sondern wirkt verstärkend.

Wie zeigt sich das im Alltag?

Wir setzen diese Haltung ein in den Gesprächen und der Beratung. In der Beratungsstelle in Grenchen gibt’s im Eingangsbereich eine Wand mit Meldungen von Glücksmomenten. Wir sind aber auch öfters unterwegs in Grenchen und in Solothurn mit unserer mobilen, realen Meldestelle.

Haltungen und Einstellungen können mit der Zeit nachlassen. Wie sieht es diesbezüglich aus?

Wir haben einen Tipp vom Begründer der Meldestellen, Mark Riklin, umgesetzt. Er gab uns den im Zusammenhang mit der Einführung zur Meldestelle für Glücksmomente. Bei unseren Teamsitzungen heisst jeweils das erste Traktandum: «Was ist jedem von uns seit der letzten Sitzung gut gelungen?» Wenn man das alles protokolliert, so hat man Ende Jahr fast ein Buch zusammen.

Besteht nicht die Gefahr, dabei ins Plaudern zu verfallen?

Möglich, ja. Aber das ist eine Frage der Sitzungsführung.

Kann man übrigens die real existierende Meldestelle auch ausleihen?

Natürlich, aber es muss jemand von der «Perspektive» dabei sein. Es ist zwar keine Hexerei, aber es braucht schon ein Grundwissen darüber, was dahinter steckt.

Wäre es denkbar, an geeigneter Stelle, in der Stadt vielleicht, eine reale Meldestelle samt schöner alter Schreibmaschine, Pult und Stuhl einzurichten?

Ja, warum eigentlich nicht? Wir werden darüber nachdenken.

Noch eine persönliche Frage: Sind Sie glücklich?

Ich bin ein Mensch, der es schafft, jene Sachen, die gut laufen, zu sehen. Die nehme ich wahr und schätze ihren Wert. Und durch das bin ich ein sehr positiv eingestellter Mensch.