Oensingen/Härkingen
Güterwagen erzeugen Kühl-Strom selbst

Die Erwartungen, die Coop mit einer Einladung ins Gäu geweckt hatte, waren gewaltig: Nicht weniger als eine «Weltneuheit» kündigte die Detailhändlerin an. Was steckt dahinter?

Hans Peter Schläfli
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Die Railcare AG mit CEO Philipp Wegmüller hat ein System entwickelt, das Dieselaggregate überflüssig macht. Bruno Kissling

Die Railcare AG mit CEO Philipp Wegmüller hat ein System entwickelt, das Dieselaggregate überflüssig macht. Bruno Kissling

Bruno Kissling

Ein flacher Aluminiumaufbau auf dem Eisenbahnwagen, in den sechs kleine Kisten eingelassen sind, und ein schwarzer Aufsatz mit ein paar Hydraulikschläuchen auf einer der Achsen: Was da gestern präsentiert wurde, machte rein optisch nicht viel her.

Doch was sich hinter dem «rCE-Powerpack» der Railcare AG versteckt, ist tatsächlich bemerkenswert. Einfach und effizient ist das Gerät, mit dem die Coop-Tochterfirma mit Sitz in Härkingen 475 000 Liter Diesel pro Jahr einsparen will.

Statt eines lärmigen Dieselgenerators wird der Strom, den die Kühlaggregate der Transportfirma benötigen, über einen hydraulischen Dynamo von der Achse des Eisenbahnwagens geliefert. Damit kann auf einen Schlag etwa so viel vom Treibhausgas CO2 eingespart werden, wie 2000 mit Öl geheizte Häuser ausstossen.

Ob auf Lastwagen oder mit der Bahn: Heute liefern lärmige Dieselgeneratoren den Strom für die Kühlcontainer, die durch die Schweiz transportiert werden. Bis Ende 2018 soll sich das bei Railcare ändern: Bis dann sollen sämtliche 84 Eisenbahnwagen mit dem neuen «rCE-Powerpack» ausgerüstet sein.

Die beiden ersten Eisenbahnwagen, auf denen je vier Container transportiert werden können, stehen bereits im Einsatz. «Sie haben ihre Alltagstauglichkeit bewiesen», sagt Philipp Wegmüller, CEO der Transportfirma.

Steuerung mit GPS

Vorne greift eine Lokomotive Strom aus dem Kabel ab und wandelt diesen in Bewegungsenergie und Abwärme um. Hinten zieht ein Dynamo Bewegungsenergie aus einer der Achsen, verwandelt diese wieder zurück in Strom, der in Batterien gespeichert wird. Dabei entsteht immer noch mehr Abwärme. Und dann bezieht ein Kühlaggregat den Strom aus der Batterie.

Wäre es nicht viel effizienter, den Strom direkt aus der Fahrleitung der SBB zu beziehen? Philipp Wegmüller findet nicht: «Auf jedem einzelnen Wagen eine teure Anlage zu installieren, mit der die lebensgefährlichen 15 000 Volt der Fahrleitung auf die 400 Volt eines Aggregats transformiert werden, das wäre zu teuer.»

Zudem helfe die intelligente Steuerung des «rCE-Powerpacks», Energieverluste zu reduzieren. «Das System liefert den Strom wenn immer möglich direkt an das Kühlaggregat. Der hydraulische Dynamo wird dank eines GPS-Navigationssystems eingeschaltet, wenn der Wagen gebremst wird. So wird Energie zurückgewonnen. Die Batterien werden vor allem dann gebraucht, wenn der Wagen steht», sagt Wegmüller.

Der Mehrverbrauch an Strom sei klein. Der maximale Bremswiderstand des Dynamos eines «rCE-Powerpacks» betrage 20 kW. «Das ist im Vergleich wirklich sehr wenig. Eine Lokomotive leistet 6400 kW.»

Auch weniger «Manpower»

Laut Philipp Wegmüller ist das System preiswert in der Beschaffung und ermöglicht grosse Einsparungen. «Auf der Schiene sind wir bald zu 100 Prozent elektrisch unterwegs und auf dem ganzen Transportweg von Tür zu Tür verbrauchen wir 75 Prozent weniger Diesel.» Das bedeute etwa 475 000 Liter weniger Brennstoff.

Jede heutige Container-Wechselbrücke mit einem Dieselaggregat muss betankt werden. Auch dieses Handling fällt weg. Wegmüller: «Wir sparen also nicht nur Brennstoffkosten, sondern auch Manpower. Elektromotoren brauchen viel weniger Wartung und wir gewinnen somit zusätzliche Einsatzzeit der Wagen.»