Schlaflos
«Guter Schlaf ist, wenn man sich am nächsten Tag erholt fühlt» – zu Besuch in Solothurns Schlaflabor

Einen guten Schlaf zu haben ist keine Selbstverständlichkeit. Was tun, wenns damit hapert? Eine Tablette einwerfen, das war gestern... Im Schlaflabor am Bürgerspital Solothurn können Betroffene die Ursachen ihrer Schlaflosigkeit abklären und sich beraten lassen.

Daniela Deck
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Schlaflabor Buergerspital Am eigenen Körper erfahren: Die Autorin wird von Thi San Lemp, Fachfrau für Neurophysiologische Diagnostik, für die Nacht im Schlaflabor «verkabelt».

Schlaflabor Buergerspital Am eigenen Körper erfahren: Die Autorin wird von Thi San Lemp, Fachfrau für Neurophysiologische Diagnostik, für die Nacht im Schlaflabor «verkabelt».

Thomas Ulrich

Vor 50 Jahren war Schlaf etwas für Kinder – und für Erwachsene eine notwendige Banalität. Klappte etwas nicht, war ein Medikament schnell zur Hand. Heute hat sich der Schlaf zu einem Wundermittel der Gesundheit gemausert. Störungen werden in Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen behandelt und erforscht. In Solothurn und Olten profitiert die Bevölkerung von spezialisierten Sprechstunden und Ambulatorien zur Behandlung von Schlafstörungen. Das Bürgerspital Solothurn verfügt seit 2010 zudem über ein Schlaflabor mit zwei Plätzen, in dem rund 150 Patienten pro Jahr behandelt werden. Ein Augenschein.

Der Schlaf ist der Spiegel der Seele. Aus diesem Grund arbeiten am Bürgerspital der Gehirnspezialist, der Psychiater und der Lungenarzt Hand in Hand, um Schlafstörungen zu behandeln. Besonders bei Kindern stösst noch der Hals-, Nasen- und Ohrenarzt zum Team, um Ursachen wie Polypen aufzuspüren. Schlafforschung ist eine junge Disziplin, die Anfänge liegen in den Siebzigerjahren. Noch hat der Schlaf seine Geheimnisse nicht alle preisgegeben. Gene und Gewohnheiten ergänzen einander, Krankheiten, Stress und Schicksalsschläge können die Balance stören.

Individuelle Sache: «Normal» und «gesund» ist vieles

Robert Bühler, leitender Arzt Neurologie und Leiter Schlaflabor des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums (ISZ) und Martin Hatzinger, Chefarzt Psychiatrische Dienste und Leiter der Insomnie-Sprechstunde, erklären gemeinsam, wie Schlafstörungen im Kanton behandelt werden. Mit absoluten Angaben sind die Ärzte zurückhaltend.

Für Erwachsene können sechs Stunden Nachtschlaf ebenso normal sein wie zehn. «Guter Schlaf ist, wenn man sich am nächsten Tag erholt fühlt», nennt Bühler eine Faustregel. Hatzinger ergänzt: «Das Abweichen von einem Muster kann auf eine ernsthafte Störung hindeuten. Wenn ein erwachsener Mensch, der gewöhnlich siebeneinhalb Stunden schläft, zum Beispiel nur noch auf vier Stunden kommt, dann sollte man das untersuchen.»

Am eigenen Körper erfahren: Die Autorin wird von Thi San Lemp, Fachfrau für Neurophysiologische Diagnostik, für die Nacht im Schlaflabor «verkabelt».
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Im Schlaflabor der Solothurner Spitäler AG im Bürgerspital
Die Daten sind ausgewertet
Am Morgen danach: Besprechung der Nacht mit Martin Hatzinger, Chefarzt Psychiatrische Dienste der Solothurner Spitäler (l.), und Robert Bühler, Leiter des Schlaflabors am Bürgerspital Solothurn.

Am eigenen Körper erfahren: Die Autorin wird von Thi San Lemp, Fachfrau für Neurophysiologische Diagnostik, für die Nacht im Schlaflabor «verkabelt».

Thomas Ulrich

Früher dachte man, dass sich das Gehirn nachts ausknipst. Dank der Messung der Hirnströme ist heute bekannt, dass Schlaf eine Zeit reger Aktivität ist – und zwar für unterschiedliche Hirnareale. Grob lässt sich der Schlaf in zwei Phasen einteilen, in den Tiefschlaf, der vor allem in der ersten Nachthälfte vorherrscht, und in den Traumschlaf, bei dem sich die Augen schnell hin und her bewegen und der in der zweiten Nachthälfte häufiger wird. «Die Idee, dass der Schlaf vor Mitternacht der beste sei, gehört ins Reich der Fantasie», sagt Schlaflaborleiter Bühler. «Ein regelmässiger Tagesablauf mit festen Schlafzeiten ist viel wichtiger als die Frage, ob man um 22 Uhr oder um Mitternacht ins Bett geht. Das hängt davon ab, ob man eine Lerche (Frühaufsteher) oder eine Eule (Nachtmensch) ist, und ist genetisch festgelegt.»

Je älter wir werden, desto anfälliger sind wir

Risikofaktoren für gestörten Schlaf gibt es viele. Der wichtigste ist das Alter. Mit 80 Jahren sind Schlafstörungen doppelt so häufig wie mit 20. Frauen sind etwas häufiger von Schlafstörungen betroffen als Männer, ungefähr im Verhältnis drei Fünftel zu zwei Fünftel. Menschen mit wenig Bildung sind stärker betroffen als Hochgebildete, weil sie mehr rauchen und eher zu Alkoholmissbrauch neigen. Hingegen wälzen sich Perfektionisten häufiger schlaflos im Bett als Leute, die nicht immer das Optimum anstreben, weil diese leichter abschalten können. Auch Schichtarbeit und häufige Langstreckenflüge (Jetlag) können Schlafstörungen nach sich ziehen. Dasselbe gilt für psychische Krankheiten, besonders Depression.

Gestörte Nächte machen sich nicht nur im Wachliegen bemerkbar. Schlafwandeln, strampelnde Beine und Zahnfleischbluten aufgrund verkrampfter Kiefer sollten behandelt werden. In diese Kategorie gehört auch die Schlaf-Apnoe, die Atemaussetzer, die zum Beispiel von Übergewicht begünstigt werden. Schlechter Nachtschlaf stört nicht nur die Konzentration und das Wohlbefinden allgemein, sondern erhöht das Risiko, tagsüber einzunicken. Geschieht so etwas am Steuer, kann die Folge ein (tödlicher) Unfall sein.

Zehn Tipps für einen Tiefen, guten Schlaf

1. Körperliche Tätigkeit fördert Müdigkeit. Keine Spitzenleistungen, dafür Abendspaziergang;

2. Abends nur leichte Mahlzeiten;

3. Vegetatives Nervensystem trainieren: Abwechselnd warm und kalt duschen

4. Kaffee, Tee und andere Stimulanzien stören, Alkohol erleichtert das Einschlafen, beeinträchtigt aber den Schlafrhythmus;

5. Schlafzimmer: bequemes Bett, Dunkelheit, Ruhe;

6. Schlafzeit knapp bemessen: Schlafdefizit ist zwar unangenehm, aber ungefährlich. Das Mittagsschläfchen programmiert die abendliche Schlafstörung;

7. Regelmässigkeit: Zur gleichen Zeit ins Bett gehen und am Morgen aufstehen. Einschlafritual: Monotonie hilft einschlafen;

8. Lieber aufstehen und lesen, als sich stundenlang im Bett zu wälzen;

9. Durchbrechen des Terrors der Erwartungshaltung durch Paradoxie: «Ich will gar nicht einschlafen.»

10. Schlafmittel programmieren Schlafstörungen.

(Quelle: Schlaflabor BSS)

Wiederkehrende Albträume als Frühwarnsystem

«Schlaf kann man sich wie ein Stellwerk der Bahn vorstellen. Unzählige Faktoren spielen zusammen, von denen manche angeboren und manche antrainiert sind. Wir verstehen erst einen kleinen Teil davon. Das macht die Zusammenarbeit im Schlafmedizinischen Zentrum so spannend», sagt Robert Bühler. «Erfreulich dabei: Schlechte Gewohnheiten lassen sich durch gute ersetzen.» Martin Hatzinger weist darauf hin, dass hierzulande die Hemmschwelle, einen Psychiater zu konsultieren, noch immer hoch liegt. Das Zentrum trägt dem Rechnung, indem die Insomnie-Sprechstunden der Psychiatrie in Solothurn im Bürgerspital stattfinden. In Olten ist die Psychiatrische Ambulanz auf dem Areal des Kantonsspitals untergebracht.

Dass Krankheiten wie Alzheimer den Tagesrhythmus durcheinanderbringen, ist schon lange bekannt. Zu den neusten Erkenntnissen gehört gemäss Hatzinger, dass nach der Lebensmitte wiederkehrende Albträume, angegriffen oder überfallen zu werden, ein frühes Symptom zum Beispiel einer Parkinson-Erkrankung sein können. Dies vor etwa dem Zittern der Muskeln.
«Noch ist nicht genau geklärt, warum wir schlafen. Fest steht, dass der Schlaf mit unserem Gedächtnis zu tun hat und dass wir ohne Schlaf sterben.»

Beide Ärzte freuen sich auf den Spitalneubau 2020. Dann wird das Schlaflabor, das heute erst ein Provisorium aus zwei Spitalzimmern mit Vorraum im Bettenhochhaus ist, durch speziell konzipierte schallisolierte Räume ersetzt und auch über eigene Duschen verfügen. Derzeit müssen die Patienten zum Duschen noch in ein anderes Stockwerk wechseln.

Überwachung sowohl tagsüber als auch nachts möglich

Geöffnet ist das Schlaflabor seit der Einrichtung vor sieben Jahren während dreier Nächte pro Woche. Zuvor mussten die Patienten nach Bern überwiesen werden. Patienten können auch tagsüber permanent überwacht werden. So lässt sich feststellen, wann und wie oft sie eindösen. Wer ins Schlaflabor eingewiesen und wer ambulant behandelt wird, ist abhängig vom Krankheitsbild geregelt. Sind die Voraussetzungen gegeben, zahlt die Krankenkasse die stationäre Überwachung in der Grundversicherung.
«In der Schlafforschung ist das Schlaflabor weltweit quasi der Goldstandard. So gesehen sind wir im Kanton Solothurn schon sehr gut aufgestellt», erklärt Robert Bühler. «Mit dem Neubau wird sich die Ausgangslage nochmals deutlich verbessern.»

Insomnie-Sprechstunde: Kantonsspital Olten und Bürgerspital Solothurn.
Schlafmedizinisches Zentrum, Bürgerspital Solothurn, Telefon 032 627 35 17,
E-Mail: isz.bss@spital.so.ch