Bern
Grosse Aufregung im «Paradies» – Gurten Theater feiert Premiere

Die Premiere des Gurten-Theaters mit «Paradies» gelang und wurde mit viel Applaus belohnt. Im Publikum waren jedoch auch nachdenkliche Gesichter zu sehen.

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Der Sans-Papier Jamal (Tarig Abdalla) hat viel Trauriges erlebt. Rita (Annemarie Morgenegg) und Marc (Fredi Stettler) sind geschockt.

Der Sans-Papier Jamal (Tarig Abdalla) hat viel Trauriges erlebt. Rita (Annemarie Morgenegg) und Marc (Fredi Stettler) sind geschockt.

studio z-arts.ch

Den Mikrokosmos Schrebergarten hat die Berner Regisseurin Livia Anne Richard zum Schauplatz des diesjährigen Gurten-Theaters gemacht. Grundlage ihres Stückes mit dem Titel «Paradies» ist Mano Khalils Dok-Film «Unser Garten Eden»; eine Momentaufnahme des Lebens verschiedener Bewohner in der Familiengartenanlage Bottigenmoos in Bern.

Im Theater auf dem Gurten geht es aber nicht bloss darum, das Zusammenleben der Menschen verschiedener Nationen, Religionen und Lebensanschauungen der Parzelleninhaber untereinander zu zeigen. Es geht bei «Paradies» auch um eine Familiengeschichte, um das alte Ehepaar Walter (René Blum) und Vreni (Nelly Kempter), um eine fast aussichtslose Liebesgeschichte, um vermeintliche Gutmenschen und die Vorurteile, die Menschen verschiedener Nationen einander entgegenbringen.

Alles nur Spass – solange sich alle an die Vorschriften halten, die der Schrebergarten-Präsident Giovanni (Sergio-Maurice Vaglio) mit viel Temperament und italienischer Grandezza durchzusetzen versteht. Seine grösste Sorge ist der gesetzeskonforme Gemeinschaftsgarten-Grill, auf dem die Serben ihr Schwein braten wollen und die Schweizer ihre Pouletflügeli. Österreicher, Japaner, Deutsche, Türken, Kurden ergänzen das Panoptikum der insgesamt 28 Hobby-Gärtner.

Im vermeintlichen Paradies taucht der Sans-Papier Jamal (Tarig Abdalla) unter, versteckt ausgerechnet von der Tochter des Vorstandsmitgliedes Rita (Annemarie Morgenegg). Doch man ist ja tolerant, lügt sogar noch die Polizeibeamten an, als sie Jamal in der Gartenkolonie vermuten. Als Tochter Eveline (Corinne Thalmann) den Rechtlosen dann aber heiraten will, hört die Toleranz der Mutter mit Randgruppen eben doch auf.

Dieses und noch so viele andere Klischées hat Richard in ihrer gut 95-minüten Geschichte mit viel Dialogwitz und Wärme für ihre Figuren auf die Gurten-Bühne gebracht. Für viel Gelächter beim Publikum sorgte insbesondere das Gehabe des Serben Dragan (André Ilg) oder das Happy-Life des Schwulenpärchens Remo (Stefan Etter) und Sven (Alois Kipfer).

Stimmungsvoll untermalt wurde die Handlung von der Life-Musik, mehrheitlich mit dem Akkordeon, von Christian Brantschen. Ob melancholisch, temperamentvoll oder Unheil androhend – diese musikalische, zusätzliche Spielebene verdichtet die Dramaturgie und hält das ganze Stück zusammen.

Etwas für die Augen ist auch das Bühnenbild von Fredi Stettler, der gleichzeitig als Ritas Ehemann Marc auf der Bühne zu sehen ist. Jeder Garten ist seine ganz eigene Welt und ist so hingestellt, dass man als Zuschauer das ganze Geschehen immer im Blick haben kann. Ob die Idylle des Schrebergartens auf dem Gurten wieder hergestellt wird und wer schlussendlich seinen Grill bekommt, kann noch bis 21. August miterlebt werden.
theatergurten.ch

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