PCs und VMs (virtual machines) aufsetzen und konfigurieren, Router und Switches konfigurieren, Netzwerke aufbauen und dafür sorgen, dass sie auch laufen, Geräte wie Tablets und Laptops für den Einsatz bereitstellen – das und noch mehr macht Timo Lier bei der Kantonspolizei Bern, wo er im 3. Ausbildungsjahr Informatik Richtung Systemtechnik steht.

74 Berufskolleginnen und -kollegen haben sich für die Qualifikationen der Swiss Skills angemeldet, der Berufsmeisterschaften, die momentan in Bern stattfinden. Nur 25 konnten sich qualifizieren. Timo Lier war einer von ihnen, der den heiklen Prüfungsaufgaben gewachsen war. Gestern Freitag musste er antreten und einen ganzen Tag lang sein Können und Wissen unter Beweis stellen.

Hirninfarkt mit 6 Jahren

Die Tatsache, dass der 22-Jährige überhaupt so weit kam, ist allerdings alles andere als selbstverständlich. Denn im Alter von 6 Jahren erlitt Timo Lier einen heftigen Hirninfarkt, aus heiterem Himmel. Seine Mutter Irene erzählt: «Timo war am Spielen, und plötzlich rief er mich und sagte ‹Mami, i ha Hirniweh›. Im nächsten Augenblick sackte er zusammen und konnte jede meiner Fragen nur noch mit ‹Ja› beantworten. Auch als ich ihn fragte, ob er nur noch Ja sagen könne, aber ich sah in seinen Augen, dass er eigentlich etwas anderes sagen wollte.»

Die Mutter trug den inzwischen schon halbseitig Gelähmten, dessen rechten Mundwinkel schlaff nach unten hing – das Alarmzeichen für seine Mutter –, nach oben aufs Sofa und rief die Ambulanz. Der Rettungsdienst Grenchen war innerhalb weniger Minuten da und organisierte umgehend die Rega, die den Knaben mitsamt Mutter ins Inselspital flog.

Nach einer Nacht auf der Intensivstation wurde Timo Lier ins Bettenhaus der Insel verlegt, wo er einen ganzen Monat mit intensiver Reha verblieb. Was für den Hirninfarkt verantwortlich war, konnte nicht eruiert werden. Man konnte bloss noch sehen, dass ein Teil des Hirns infolge Unterversorgung abgestorben war. Timos ganze rechte Seite war gelähmt, er hatte die Sprache verloren.

Timo verbrachte anschliessend vier Monate in einem Reha-Center in Affoltern am Albis, spezialisiert für Kinder. Der Knabe sprach sehr gut an auf die diversen Therapien, aber um nach Hause gehen zu dürfen, musste die Familie sicherstellen, dass die nötigen Therapien weitergeführt werden. «Das bedeutete während sieben Jahren zweimal Ergotherapie, zweimal Physiotherapie und einmal Logopädie pro Woche.

Ein Riesenaufwand, der sich aber letztendlich gelohnt hat», sagt seine Mutter. Denn Timo lernte wieder sprechen, gehen und gewann einen grossen Teil seiner Grobmotorik wieder zurück. Doch die rechte Körperhälfte ist noch immer eingeschränkt. «Das sind meine Bräschte», wie er selber sagt. Die Finger der rechten Hand kann er fast nicht benutzen, das rechte Bein wuchs nicht richtig mit und es musste mit einer Streckschiene nachgeholfen werden. Er kann noch heute seinen rechten Fuss nicht nach oben ziehen.

Ein sehr guter Schüler

Zum Zeitpunkt des Schlaganfalls besuchte Timo den Kindergarten. Der geborene Rechtshänder lernte innerhalb kürzester Zeit, links zu schreiben. Seine überdurchschnittliche Intelligenz half ihm, weiterzukommen. Nach der Zeit in der Reha in Affoltern am Albis wurde er in die Ergänzungsklasse eingeteilt, also die Klasse, in der man innert zweier Jahre den Stoff der 1. Klasse absolviert. Aber schon nach einem halben Jahr riefen die Schulverantwortlichen die Eltern von Timo an, er sei unterfordert und könne sofort in die 2. Klasse wechseln.

Der Knabe besuchte bis zum 6. Schuljahr die Primarschule Eichholz, besuchte dann die Vor-Bez und kam prüfungsfrei in die Kantonsschule in Solothurn, die er erfolgreich abschloss. Ihm half sein Wille, nie aufzugeben, wie seine Mutter betont. Aber auch ihre Hartnäckigkeit, wie Timo erwidert. «Es war nicht immer einfach, denn wenn die Klasse mit dem Velo irgendwo hinfuhr, musste ich ihn mit dem Auto bringen», erzählt seine Mutter.

Timo sei während seiner ganzen Schulzeit auch nie gehänselt oder ausgelacht worden. Seine Kameraden hatten immer grossen Respekt und nahmen Rücksicht auf ihn. Doch die vielen Therapien forderten auch ihren Tribut: Timo hatte nie so viel Zeit zur Verfügung wie seine Kollegen. Folglich waren Freundschaften auch eher selten. Den grössten Teil seiner freien Zeit verbrachte er in Therapie oder mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Nico.

Nach sieben Jahren intensiver Therapien wurden die Fortschritte immer kleiner. Timo wechselte ins Zentrum für Entwicklungsförderung und pädiatrische Neurorehabilitation der Stiftung Wildermeth in Biel mit Leiter Ralph-Ingo Hassink, der ein neues und angepasstes Therapieprogramm für Timo ausarbeitete. Dieses war auch nicht mehr so zeitintensiv.

Steckenpferd Informatik

Nach dem Gymnasium informierte sich Timo Lier über diverse Berufsausbildungen. Da ihn Informatik schon immer interessierte, bewarb er sich und hatte gleich zwei Stellenangebote zu Auswahl. Wohlgemerkt nicht etwa solche, die speziell für behinderte Menschen vorgesehen waren. Sondern auf ganz normalem Weg im 1. Arbeitsmarkt.

Im Frühling hatte ihn ein Lehrer der Gewerbeschule Bern, die er während seiner Ausbildung besucht, angesprochen, ob er interessiert sei, bei den Regional Skills mitzumachen. Nach einer kurzen Überlegungsphase hat Timo entschieden, sich anzumelden. Er schaffte die Qualifikation und nimmt nun bei Swiss Skills in Bern teil. Timo Lier bereitete sich die letzten Monate ganz alleine für die Meisterschaften vor. Er investierte jede freie Minute. «Ich habe mir die Prüfungen früherer Swiss-Skills-Wettbewerbe beschafft und gelöst, die geforderten Netzwerkprogrammierungen studiert. Auch waren auf Youtube interessante und lehrreiche Anleitungen zu finden.»

Sein Arbeitgeber, die Kapo Bern, ermöglichte ihm, sich auch während der Arbeitszeit auf den Wettbewerb vorzubereiten. Ein grosser Teil seines Lehrlingslohnes ging für Technik drauf, die er sich auf Ricardo ersteigerte, um die notwendigen Bauteile zur Verfügung zu haben, mit denen er trainieren konnte.

Gestern Freitag war der grosse Tag. Wie Timo Lier abgeschnitten hat, wird erst heute Samstagabend bekannt. Der ehrgeizige junge Mann, der als einer der wenigen noch vor Abschluss seiner Ausbildung an den Berufsmeisterschaften teilnimmt, war zwar im Vorfeld nervös, aber dennoch guten Mutes. «Einfach nur nicht Letzter werden, das ist mein Ziel», meinte er lachend.