Der geständige und kooperative Mann wurde zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Das «Damoklesschwert» der langen Bewährungsfrist von vier Jahren sei die bessere Methode, ihn von weiterer Delinquenz abzuhalten, sagte Gerichtspräsident Rolf von Felten in der Urteilsbegründung.

Andreas M.* ist von den Drogen gezeichnet: Mit 13 Jahren rauchte er seinen ersten Joint, als 15-Jähriger spritzte er sich Heroin. Seit 1984 nimmt er an einem Methadon-Programm teil. Sein Bruder starb an einer Überdosis. «Seit einer mittlerweile kurierten Hepatitis funktioniert nur noch die halbe Leber», beschrieb der 54-jährige IV-Bezüger, der bereits einen greisen Eindruck hinterlässt, seinen Gesundheitszustand. Einen Entzug zu machen und vom Heroinersatz Methadon frei zu kommen, das lehnt er aber geradeheraus ab. «Das macht in meinem Alter keinen Sinn mehr, das will ich mir nicht antun.»

«Kokain nehmen sie heute keines mehr?», fragte Amtsgerichtspräsident Rolf von Felten. Andreas M. antwortete entwaffnend ehrlich: «Ich müsste lügen, wenn ich Nein sage. Aber in diesem Jahr kann man das an einer Hand abzählen. Ich nehme nur noch Kokain, wenn ich dazu eingeladen werde.» Er habe schlicht kein Geld, um sich etwas zu kaufen.

Das Kokain, das Andreas M. von Nigerianern bekam, die ihre Basis im Aargau aufgeschlagen hatten, verkaufte er ab 2006 auf den Grenchner Strassen zu 80 bis 100 Franken die Portion. Von 2011 bis 2013 stellte er den Dealern aus Afrika sogar seine Wohnung zur Verfügung. Das Telefon klingelte und er lieferte das Kokain per Velo. «Man kannte mich in der Szene der Drögeler und die Qualität war immer gut. Ich war froh, dass ich dafür nicht mehr zu den Schwarzen nach Solothurn musste.»

Sieben Kilo Kokaingemisch

Samuel, Hassan, Marco, Mike, Steve – die Liste der «Künstlernamen» der Afrikaner, die Andreas M. mit Kokain belieferten, war lang. «Sie haben mir das Rüebli vor die Nase gehalten. Als die Schwarzen mir das Kokain ins Haus bringen wollten, konnte ich nicht Nein sagen, das war so bequem für mich. Ich habe aber nie Geld bekommen. Ich wurde mit Kokain bezahlt. Dieses habe ich immer sofort konsumiert, nie weiter verkauft.»

Über die vielen Jahre gingen so über sieben Kilo Kokaingemisch durch die Hände des Angeklagten. «Er befand sich zwar in der Hierarchie ganz unten, aber er war ein wichtiges Element im Grenchner Drogenhandel», sagte Staatsanwältin Claudia Scartazzini in ihrem Plädoyer. Sie fand aber auch Positives: «Ich bin erfreut, dass er seit drei Jahren der Polizei nicht mehr negativ aufgefallen ist.» Die Staatsanwaltschaft beantragte eine teilbedingte Freiheitsstrafe von drei Jahren. Ein Jahr davon sei unbedingt zu verbüssen.

Die Verteidigung bemängelte die vage gehaltene Anklageschrift. «Es ist von Strafe abzusehen und stattdessen eine ambulante Therapie anzuordnen», beantragte Rechtsanwalt Marc Siegenthaler. «Alles ist pauschal und summarisch beschrieben. Auf eine solche Anklage kann man als Verteidiger gar nicht richtig Stellung beziehen.»

Milde dank Kooperation

Das Amtsgericht anerkannte zwar Schwächen in der Anklageschrift, aber nicht im Umfang wie von der Verteidigung moniert. «Ob der Drogenhandel bandenmässig oder gewerbsmässig zu qualifizieren ist, kommt tatsächlich nicht explizit in der Anklageschrift vor und das Gericht darf deshalb darüber auch nicht mutmassen. Aber über die mengenmässige Qualifikation gibt es anhand der Zahlen keinen Zweifel.»

So wurde Andreas M. des mengenmässig qualifizierten Verbrechens gegen das Betäubungsmittelgesetz schuldig gesprochen und zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Eine Therapie wurde nicht angeordnet, weil das Gericht keine Chance auf Erfolg sieht.

Strafmildernd sei die Kooperation angerechnet worden. «Es ist ihm alleine zu verdanken, dass die sechs Mittäter ihrer harten und gerechten Strafe zugeführt werden konnten», sagte der Gerichtspräsident und stellte eine rhetorische Frage: «Macht es Sinn, dass man Andreas M. ins Gefängnis steckt? Das Gericht hat das Gefühl, dass er im Strafvollzug nur andere Drogendealer kennen lernen würde.» Eine lange Bewährungsfrist habe mehr Wirkung. Dann wandte er sich direkt an Andreas M.: «Es ist Ihre letzte Chance. Die kleinste Widerhandlung gegen das Gesetz wird einen Widerruf zur Folge haben und dann müssen Sie wirklich ins Gefängnis.»
* Name von der Redaktion geändert.