Lichtkünstler
«Gräben, Mauern, Sümpfe – eine Annäherung an den Mythos von Morgarten»

Der Lichtkünstler Ueli Studer (60) aus Rüttenen beschäftigt sich mit dem Morgarten. Im vergangenen November wurde erfolgreich eine Licht-Performance am Ort, wo die Morgarten-Schlacht stattfand, realisiert.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Künstler Ueli Studer ist derzeit mit «Morgarten» beschäftigt.

Künstler Ueli Studer ist derzeit mit «Morgarten» beschäftigt.

Hanspeter Bärtschi

Zum vormittäglichen Kaffee bei Lichtkünstler Ueli Studer (60) treffen wir uns in seinem sonnendurchfluteten Atelier in Rüttenen, wo er auch wohnt. Zeichnungen, Skizzen, Materialien liegen auf Tischen, Bilder hängen an der Wand; solche von Studer selbst oder von Freunden und Bekannten. Ueli Studer, der grossgewachsene Mann mit dem sanften Gesicht, geht voraus in den Wohnbereich. Wir setzen uns an den grossen Küchentisch.

Studer nimmt die Kaffeemaschine in Betrieb, setzt sich und beginnt zu erzählen. Von einer kürzlich besuchten Historiker-Tagung zum Thema Morgarten und seine Mythen. Von Einheimischen und Experten, die er dort getroffen hat und die sich über die Wahrheit rund um die Schlacht vom Morgarten, die am 15. November 1315 stattfand, heute streiten. 700 Jahre ist das Ereignis her, und es wird dieses Jahr besonders in der Innerschweiz mit etlichen Veranstaltungen gefeiert. «Gedenkfeier» heisst das heute, sagt Studer. Das Wort «Schlachtfeier» will heute niemand in den Mund nehmen.

Letzinen sichtbar machen

Doch wie kommt der Rüttener Lichtkünstler dazu, sich mit dem Morgarten zu beschäftigen? Studer holt aus: «Vor gut drei Jahren las ich den Artikel über Historiker Jakob Obrecht – übrigens ein gebürtiger Oberaargauer –, der sich seit Jahren mit den mittelalterlichen Wehrmauern, den sogenannten Letzinen, beschäftigt. Er konnte nachweisen, dass insbesondere die alten Schwyzer ihre Ländereien mit diesen heute längst verschwundenen Letzinen absicherten. Wie ein ‹Ring› sollen sich diese Mauern um das alte Schwyz gelegt haben.»

Als Studer das las, schrillten bei ihm die Alarmglocken. Unsichtbare Mauern in der Landschaft: Sein Thema. Ein ähnlicher Grundgedanke lag 2000 seinem Projekt «Viniterra» am Bielersee zugrunde, mit dem er bekannt wurde. Das Land-Art-Thema beschäftigt ihn als Lichtkünstler bis heute. Studer nahm mit dem Historiker Kontakt auf.

Dieser war begeistert über seine Idee, die alten Letzinen mittels Lichtband wieder sichtbar zu machen, und er gab dem Künstler den Rat, sich beim Organisationskomitee der Gedenkfeiern Morgarten in Schwyz zu melden. Einige Besuche und ein paar Mails und Briefe später konnte Ueli Studer eine Lichtzeichnung am Pragelpass, zuhinterst im Muototal, umsetzen. «Am Pragelpass gibt es seit Jahrhunderten Gräben, welche von Menschenhand ausgehoben wurden und die als Hindernisse für das Vieh dienten. Gleichzeitig waren das Grenzmarkierungen, heute noch für die Alpgenossenschaften dort oben bindend.

Im Sommer 2014 konnten wir dort diese ‹Grenzziehung› in der eindrücklichen Berglandschaft mit einer Lichtzeichnung herstellen.» Damit hatte Studer die Schwyzer Morgarten-Verantwortlichen davon überzeugt, dass man eine solche Lichtzeichnung auch im Bereich Sattel, dort wo die Morgarten-Schlacht stattfand, durchführen könne.

Zum ersten Mal mit Menschen

Am vergangenen 25. November 2014 war es dann soweit: Auf gut 2,2 km Strecke, über Stock und Stein, Fels- und Sumpfgebiet wurde erfolgreich eine Licht-Performance Letzinen realisiert. «Performance», deshalb, weil diesmal 130 Helfer mit im Einsatz waren. «Da das Gelände teilweise unwegsam war, und man meine üblichen Wachslichter nicht hätte sehen können, haben diese Freiwilligen Fackeln in der Hand gehalten.

Eine Lichtzeichnung mit Menschen hatte Studer bisher noch nie gewagt: «Es war trotz ziemlich dichten Nebels ein sensationelles Erlebnis. Plötzlich flackerten die Lichter auf, begleitet vom Raunen der Mitwirkenden. Mir lief es kalt den Rücken hinunter», schildert Studer. Genau die gleiche Performance wird in der kommenden Gedenknacht der Morgarten-Schlacht, vom 14. auf den 15. November wieder stattfinden. Und gleichzeitig wird noch die alte Uferlinie des Ägerisees bei Morgarten aus dem 14. Jahrhundert mittels Lichtern nachgezeichnet.

«Gräben, Mauern und Sümpfe – eine Annäherung an den Mythos von Morgarten» bezeichnet Studer diese Arbeiten. Er freut sich besonders, dass er die richtigen Ansprechpersonen in der Innerschweiz gefunden hat, die seine Kunst mittragen und bei der Organisation helfen. Erreicht hat er diese Bereitschaft mit Geduld und Toleranz und er hebt hervor. «Ich zeige eine Landschaft, die den ansässigen Leuten wichtig ist. Ich interpretiere diese nicht. Es geht auch um einen Mythos und dieser hat eine Kraft, die man respektieren muss.» Landschaft gehöre eben jedem.

Generell werde es aber immer schwieriger, Landschaftsprojekte zu realisieren, sagt Studer noch. «Von zehn Ideen kann ich zwei in die Tat umsetzen. Unser Raum wird immer enger und damit sinkt die Toleranz der Bevölkerung.» Doch der verbindende und stark emotionale Aspekt seiner Lichtprojekte ist das, was Ueli Studer immer wieder antreibt.