Kanton Solothurn

Google Translate in der Arztpraxis: Wenn der professionelle Dolmetscher zu teuer ist

Beim Arzt ist die richtige Verständigung essenziell. Oft helfen auch Kinder beim Übersetzen – das reicht aber nicht immer.

Beim Arzt ist die richtige Verständigung essenziell. Oft helfen auch Kinder beim Übersetzen – das reicht aber nicht immer.

Dolmetscherinnen und Dolmetscher sind heute wohl so gefragt wie noch nie im Kanton Solothurn. Sie haben Einsätze in Spitälern, auf dem Sozialdienst, und in Schulen. Doch das kostet - und noch nicht überall, wo es eine Fachperson bräuchte, werden Dolmetschende auch eingesetzt.

Englisch sprechende Eltern, die mit dem Kind zum Elterngespräch kommen, dürften für die Lehrperson kein Problem sein. Die Französischsprachige auf dem Jugendamt ebenso wenig. Und vielleicht auch der Patient beim Hausarzt nicht, der besser Italienisch als Deutsch spricht. Die Eltern könnten aber auch Portugiesisch sprechen, die Sozialhilfebezügerin Arabisch, der Patient Tigrinya. Dann stossen Lehrpersonen, aber auch Sozialdienstpersonal und Ärzteschaft wohl an ihre Grenzen. Eine Dolmetscherin oder ein Dolmetscher muss her.

2019: Einsatzstunden steigen um 24 Prozent

Laut kantonaler Statistik sprechen zwar fast 90 Prozent der Bevölkerung Deutsch als Hauptsprache. Es gibt im Kanton Solothurn gemäss Bundesamt für Statistik aber auch rund 8500 Personen mit Hauptsprache Albanisch, über 5600 mit Hauptsprache Serbokroatisch und über 5000 Menschen, die hauptsächlich Türkisch sprechen.

«Die Nachfrage nach Dolmetscherinnen und Dolmetschern im Kanton steigt jedes Jahr», sagt Susanne Seytter vom Dolmetscherdienst des HEKS Linguadukt Aargau-Solothurn. Das Hilfswerk stellt in den beiden Kantonen in den Bereichen Gesundheit, Soziales und Bildung Dolmetscherinnen und Dolmetscher zur Verfügung. Deren Einsatzstunden sind 2019 um 24 Prozent gestiegen, so Seytter weiter. Gefragt seien vor allem die Sprachen Arabisch, Tigrinya, Italienisch und Albanisch.

Rund 150 Personen befinden sich im Dolmetscherpool, 53 sind aus dem Kanton Solothurn. So können 40 Sprachen abgedeckt werden.

Entlöhnt werden diese Dolmetscherinnen und Dolmetscher vom HEKS. Für die Einsätze bezahlt die Kundschaft – Spitäler und Schulen etwa. Der Mindestansatz pro Stunde liegt bei 88 Franken.

Aber: «Wir gehen davon aus, dass nach wie vor viel zu oft mit behelfsmässigen Lösungen gearbeitet wird», so Michael Müller, Geschäftsleiter von Interpret – der schweizerischen Interessensgemeinschaft für interkulturelles Dolmetschen und Vermitteln. Laut Statistik werden im Kanton unterdurchschnittlich oft Dolmetschende eingesetzt.

Ärzte und Spital müssen Einsätze «privat» finanzieren

Die Gründe dafür sind vielfältig; eine Schule oder ein Behördenmitglied entscheidet selbstständig, ob ein Dolmetscher-Einsatz nötig ist. Eine Hürde dürfte aber gerade im Gesundheitswesen die Finanzierung darstellen: Während Gemeinden und Kanton für Dolmetschereinsätze an Schulen oder der Verwaltung aufkommen, müssen Spitäler und Praxen diese selber zahlen. Übersetzungen können nämlich nicht über die Krankenversicherung abgerechnet werden, da Dolmetscher-Einsätze nicht als medizinische Leistung gelten.

Als «grosse Herausforderung» bezeichnet Simone Eugster, Hausärztin in Zuchwil und Co-Präsidentin von «Haus- und Kinderärzte Solothurn», die «korrekte sprachliche Verständigung in der Praxis». Zuchwil ist eine Gemeinde mit hohem Ausländeranteil; von den rund 9100 Einwohnerinnen und Einwohnern sind 4000 ausländischer Herkunft. In ihrer Praxis, so Eugster, könne man Deutsch, Italienisch, Französisch, Englisch und Spanisch abdecken. Ansonsten würden Familienmitglieder mithelfen – oder technische Übersetzungsmittel wie Google Translate.

Damit könne man oft aber nur einzelne Begriffe oder Sätze klären. Und auch das Übersetzen durch Familienmitglieder laufe nicht immer problemlos – etwa wenn Kinder für Eltern übersetzen müssen und es um persönliche Fragen geht. Einen professionellen Übersetzer beizuziehen, ist aber nur selten möglich: «Gelegentlich wird eine Fachperson vom Sozialdienst bezahlt – ansonsten zahle ich privat dafür», so Eugster.

Die Situation unterscheidet sich von Gemeinde zu Gemeinde. So heisst es aus einer «eher ländlichen» Praxisgemeinschaft in Oensingen (34 Prozent ausländische Bevölkerung): «Professionelle Dolmetscherinnen und Dolmetscher sind bei uns fast kein Thema.» Man decke nebst den Landessprachen auch Englisch, Ungarisch und Albanisch ab, so Arzt Christian Rohrmann. «Ansonsten sind meist sprachkundige Familienangehörige dabei.» Alltägliche Probleme – zu hoher Blutdruck etwa – könne man so gut lösen.

Auch bei der Solothurner Gemeinschaft für Alters- und Pflegeheime sind Dolmetschereinsätze kein Thema. Schwierige Situationen könne man gemeinsam mit Angehörigen lösen, so Präsident Tony Broghammer.

Anders sieht die Situation im Spital aus. Die Solothurner Spitäler AG (soH) verfügt über einen internen Dolmetscher-Pool mit rund 50 Mitarbeitenden. Rege genutzt werde zudem ein Telefondolmetschdienst, so Nadia Di Bernardo Leimgruber, Beauftragte Integration bei der soH. Von 2017 bis 2019 habe man als «eines der ersten Spitäler der Schweiz» auch Videodolmetschen getestet; das habe sich aber nicht etabliert. Bei komplexen Gesprächen mit medizinischem Inhalt setze man auf externe Fachpersonen vom HEKS.

Auch das Spital muss dafür selbst zahlen: Die Kosten dafür bewegen sich jährlich im «tiefen sechsstelligen Bereich». Die soH verweist auch auf ein Schreiben des Netzwerks «Swiss Hospitals for Equity». Dort heisst es, Verständigungsschwierigkeiten könnten zu «Über-, Unter- oder Fehlversorgung» und unnötigen Kosten führen. Das Netzwerk empfiehlt eine nationale Finanzierungslösung – und dass Dolmetscherdienste im Gesundheitswesen als Leistung anerkannt werden.

Anpassungen sind nötig; auch auf nationaler Ebene

Auch Reto Steffen vom Amt für soziale Sicherheit schreibt: «Das Dolmetscherwesen muss in den Sprachregionen der Schweiz effektiver organisiert und umgesetzt werden.» Der Kanton setze sich in nationalen Fachgremien «für eine Stärkung des qualifizierten interkulturellen Dolmetschens» ein. Resultate gibt es noch nicht. Auf kantonaler Ebene gab es 2019 im Bereich Justiz Anpassungen.

Wie die Finanzierung führt aber auch die Qualität nicht überall zu Problemen. Erneut das Beispiel Zuchwil: Laut Schulleiter Stephan Hug gehört der Einsatz von Dolmetschenden «schon lange dazu». Die Schule führt eine eigene Liste mit Dolmetschenden; bei der Gemeinde gibt es einen eigenen Budgetposten für die Einsätze.

Zur Schule gehen in Zuchwil 870 Kinder, wovon etwa 600 fremdsprachig sind. Lehrpersonen können nicht nur Italienisch, Spanisch oder Portugiesisch – sondern vermehrt auch Türkisch, Albanisch und Tamil übersetzen. Und: «Die Willkommenskultur der Gemeinden führt dazu, dass fremdsprachige Eltern früher und intensiver Deutschkurse besuchen und man die Schul- und Elterngespräche in Deutsch führen kann.»

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