Dieser Moment lässt niemanden kalt: Peter Bichsel teilt das blau-gelbe Band mit der Schere in zwei Teile. Die Fanfare der Alphörner knallt, die 250 Gäste bei der Talstation in Oberdorf klatschen. Eine Traube aus Menschen schart sich für Erinnerungsfotos um Bichsel. Der Schriftsteller, der wohl berühmteste Solothurner, er scheint von dem ganzen Trubel ziemlich überrascht. Manche haben Tränen in den Augen. Selbst Rolf Studer, der Vizepräsident und prägende Kopf hinter der Bahn, ist jetzt von Freude, ja Erleichterung übermannt. «Endlich, endlich, endlich», wird er später sagen.

Das ist also die offizielle Einweihung der Weissenstein-Gondelbahn, Samstagmorgen kurz nach elf Uhr. Ein Moment, von dem nicht nur Studer lange träumte und von dem viele fürchteten, er würde nie kommen. Urs Allemann will ihn als «einmalig und historisch» verstanden wissen. Auf der Bühne spricht der Verwaltungsratspräsident nochmals über die vergangenen Jahre. Davon, wie die Gondelbahn nach dem langen juristischen Seilziehen um den alten Sessellift doch noch gebaut wurde. Man habe Zeit geschenkt bekommen, die nie auf der Wunschliste stand. «Aber jetzt wird am Berg nicht mehr gerattert, sondern geschwebt», so Allemann. Und in der Zwischenzeit weiss das wohl auch jeder Flachland-Solothurner.

Wer Rang und Namen hat im Kanton Solothurn, drängelt sich im Festzelt zwischen Lautsprechern und Blumen. Grosses Händeschütteln. Regierungsräte und Wirtschaftsführer recken ihre Hälse, Kameras klicken. Alt-Bundesrat Samuel Schmid plaudert eifrig mit dem Solothurner Bildungsdirektor Remo Ankli, über vierzig Kantonsräte sitzen auf den Festbänken und geben sich die Ehre.

Immer wieder «Ahs» und «Ohs» bei den Gästen. «Wow!», platzt es aus Schriftsteller Pedro Lenz heraus. Draussen blickt Kulturfabrik-Chef Pipo Kofmehl mit halb offenem Mund zu den ersten Bahnmasten. Ein grauhaariger Mann betrachtet derweil die Talstation und prophezeit: «Dafür gibt es einen Preis.» Der Holzbau mit der kühn geschwungenen Dachlinie hat es ihm angetan. Architekt Guido Kummer bemerkt freudig, dass da eben kein Zweckbau stehe. Das war ja die grosse Angst.

Neue Gondelbahn auf Weissenstein

Neue Gondelbahn auf Weissenstein

Sogar das Wetter spielt gut mit, der Himmel blau, viele vermissen allerdings den Schnee. Doch die Gondeln schaukeln am Berg. Und es scheint, konstatiert man bald freudig, als sei das schon immer so gewesen. «Jetzt ist es so weit», kommentiert Staatsschreiber Andreas Eng, «ein neues Zeitalter bricht an.» Von Wehmut will man nichts wissen. Nicht hier, nicht heute. Die Erleichterung, dass nun alles geklappt hat, ist ringsum zu spüren. Das jahrelange Seilziehen am Berg interessiert nicht mehr.

Erhellend die Worte von Seilbahnplaner Johannes Sutter. Nicht, weil seine Ausführungen viel Neues zutage fördern. Sondern weil sie ans Licht bringen, dass unzählige Arbeitsstunden und «etwa 800 Sitzungen» hinter der Bahn stecken. Die eigentlichen Bauarbeiten haben letztlich dann nur neun Monate gedauert; die Gäste danken den Arbeitern mit einem langen Applaus.

Auch Regierungsrat Roland Heim tritt ans Rednerpult. Der frisch gekürte Landammann sinniert über die Bedeutung des Weissensteins. «Unser Berg ist ein Stück Heimat», sagt er. Eine Bahn gehöre da einfach dazu. «Jeder kennt den befreienden Moment, wenn die Nebelschwaden durchbrochen werden.» In seiner launigen Ansprache würdigt Heim «den langen Schnauf» der Seilbahn Weissenstein AG. Der Regierungsrat sieht in der Bahn zudem viel Solothurnisches, schliesslich seien die Gondelkabinen bei CWA in Olten gebaut worden.

Dann ist da natürlich noch einer dieser Momente, auf den alle gewartet haben: die erste Fahrt im Gondeli. Doch in diesen Stunden wird nichts dem Zufall überlassen. Der ganze Tag gleicht einer einzigen Choreografie. «Gondel 1», «Gondel 2», «Gondel 3» – es ist von langer Hand geplant, wer mit wem wo sitzt. Kaum haben sich Regierungsräte und Seilbahn-Funktionäre in die ersten Kabinen gesetzt, spielt die Musikgesellschaft Oberdorf einen Marsch. Winken, lächeln, staunen. Allein der Gedanke, nun auf den Berg zu fahren, sorgt für Glücksgefühle. Tatsächlich sind da Menschen dabei, die beim alten Sessellift aussen vor bleiben mussten. Sanft gleiten Rollstuhlfahrer in die Gondeln. Der Einstieg ist ebenerdig und behindertengerecht – auch das soll nun jeder wissen.

Anderen bleibt vorerst nur der Blick in die abgeschirmte Talstation. Aber dann, um 12 Uhr, steht die Bahn allen offen. Bald bildet sich eine lange Schlange vor dem Drehkreuz. Für Solothurner ist dieser Tag mit einer frohen Gewissheit verbunden: Nach fünf Jahren auf Entzug fährt wieder eine Bahn auf ihren Hausberg, mit dem sie doch so viele Erinnerungen verbinden. Die Flucht aus dem Alltag, sonnige Stunden über dem Nebelmeer des Mittellandes. Der Weissenstein lässt niemanden kalt.