Glücksspiel

Glückszahlen, Plüschtiere, Abräum-Rituale: Was hinter der Faszination Lotto steckt

Zwei Veranstalter, zwei Lottos – eine Art Zeitreise an einem Tag. Die Werbemittel wandeln sich, die Lokalitäten ändern – aber das Spiel und seine Essenz harren der Dinge.

Bernhard Meister legt den Kopf in den Nacken, kneift die Augen zusammen und sagt: «Wenn uns heute bloss nicht das Wetter einen Strich durch die Rechnung macht.» Er ist Präsident der Schützengesellschaft Kyburg, die im Restaurant Schloss Buchegg ihr alljährliches Lotto abhält, Freitag- und Samstagabends sowie am Sonntagnachmittag. Die Tage zuvor hat es gegossen wie aus Kübeln, doch am Sonntag drückt unerwartet die Sonne durch. Hinter Meister schleppen seine Vereinskollegen berstend volle Weidenkörbe, Fleischplatten mit Schinken und Wurst, Züpfen und Honiggläser in den Rittersaal. Mehr als 100 Leute passen hier rein. Anderthalb Stunden vor Beginn der letzten 25 Gänge durchlebt Meister bange Momente. Ihm graust vor leeren Stühlen des sonnigen Nachmittags wegen.

Das Lotto ist für seinen Verein der Anlass des Jahres. Täglich stehen mehr als zwanzig Vereinsmitglieder im Einsatz. Sei es im strömenden Regen auf der Strasse, hinter dem Mikrofon am grossen Speakertisch im Rittersaal oder hinten in der Küche. Sie servieren, bereiten Sandwiches vor und verkaufen Nussgipfel. Dafür kriegen sie sämtliche Einnahmen der zwei Abende und dieses Sonntagnachmittags – abzüglich der Miete, die sie Wirtin Doris Rätz bezahlen, damit sie ihnen ihr Reich überlässt.

Geballte Spannung, Trostpreise und Glückszahlen: Lottomatch-Stimmung im Buechibärg

Geballte Spannung, Trostpreise und Glückszahlen: Lottomatch-Stimmung im Buechibärg

Die Schützengesellschaft Kyburg organisierte im Restaurant Schloss Buchegg Lotto-Abende. Was dahinter steckt, erzählen die Mitglieder.

Bis 12'000 Franken Einnahmen in einem guten Lottojahr

Während draussen der Winter in der Luft liegt, wird es im Restaurant langsam stickiger. Die Helfer wuseln zwischen Tischen und Stühlen hindurch, verteilen Spielkarten und die rot- transparenten Plastikplättchen zum Abdecken der Zahlen. Vorne in der Gaststube und im Säli – wo später auch gespielt wird – sitzen noch vereinzelte Gäste, die zum Mittagessen kamen. Auf der Bar aber stehen schon die Lautsprecher, aus denen es später «drüezwäänzg», «siebenevierzg» oder «nullsiebe» knistern wird.

«Ohne diesen Anlass müssten wir die Mitgliederbeiträge von 40 auf 200 Franken erhöhen», sagt Meister. Aus Sicht der Schützen verdient das Lotto das Prädikat überlebenswichtig. In einem guten Jahr machen sie 10'000 bis 12'000 Franken Gewinn. Dafür betreiben sie Mund-zu-Mund-Werbung und hängen Plakate auf – wenn auch nicht mehr so viele wie früher. Zudem verschicken sie Flyer an alle Haushalte der Umgebung und an die Leute, die sie in ihrem Adressstamm haben. Mit Erfolg. Am Freitag seien sie praktisch ausgebucht gewesen. Sogar jemand aus St. Moritz war dabei – «Da beginnt die Lotto-Saison erst im Dezember».

Hiltrud Grütter sitzt mit ihren Freundinnen in der Gaststube. Sie sind Stammgäste beim Schützen-Lotto. Wenn auch glücklos, zumindest am Vorabend, wie Grütter berichtet. Mit schelmischem Lachen meint sie: «90 Franken habe ich bezahlt und als Trostpreis eine Toblerone heimgenommen. In der Wut habe ich noch gestern Abend die ganze verschlungen. Ich hatte nicht die Gelassenheit, jeden Tag ein Häuschen abzubrechen und genüsslich zu verzehren im Wissen, dass es zehn Franken gekostet hat.» Die Freundinnen schüttelt es vor Lachen. Gewinnen scheint bloss Nebensache. Aber auf Strategie verzichten würde Grütter nie. Immer müsse ihre Jahrgangszahl, die 35, auf der Karte sein. Und wenn möglich die 90, die 1, die 11 und die 13. Das sind ihre Zahlen. Auch wenn sie nicht immer Glück bringen.

Der Aberglaube und das Lotto sind ein Brüderpaar. Glückszahlen, Plüschtiere, Abräum-Rituale: Zur positiven Beeinflussung von Fortuna lässt der Lottospieler nichts unversucht. Auch wenn es nicht immer hilft. Zufall eben. Manchen ist er hold, anderen nicht. Gewiss ist dagegen, dass an gewissen Tagen immer die gleichen Zahlen kommen. «Immer diese 6!», «Hast du gehört, schon wieder die 11!» oder als Konsequenz des ewig Gleichen «Schüttlä!» oder «Mischlä!», ist von den Plättchen-Legern zu hören.

Vom Lotto im Restaurant zum Lotto in der Turnhalle

Als um 14 Uhr die Stimme des Speakers das Rauschen der Boxen übertönt, um die Leute zu begrüssen, sind nur noch wenige Plätze frei. So hektisch die Helfer, so entspannt wirkt nun Meister. Es wird ein guter Nachmittag, es wird ein gutes 2019 – das ist jetzt schon klar. Die Regeln werden verlesen, der Sack mit den Zahlen kontrolliert und es beginnt mit einem Gratis-Gang, später wird pro Karte bezahlt. Wie in jedem Gang gibt es fünf Preise, als Highlight ein Klappharassli mit Waschmittel und Pasta. Der Speaker schüttelt den Sack, zieht eine Zahl und liest langsam und deutlich vor. «Lotto», ruft Tanja Schad aus Bibern nach bloss 16 Zahlen. Das Gemurmel beginnt, der Kontrolleur liest die Zahlen vor und weg ist das Harassli.

Der Blick liegt gebannt auf den Karten mit den Zahlen, eine Hand wühlt durch die rot-transparenten Spielplättchen, während Weidenkörbe und Züpfen neue Besitzer finden. Nach 13 Gängen ist Pause, alles strömt nach draussen – winterliche Frischluft und Zigarettenqualm. Wir fahren los Richtung Messen, die Alpen am Horizont, die Sonne hinter dem Dunst am Himmel. Am Ortseingang ein gelbes Schild; in schwarzen Lettern steht «Lottomatch».

Durchs Quartier geht’s zur Mehrzeckhalle. Draussen wippen fünf Jungs mit ihren Scootern über den Pumptrack, drinnen sitzen die Leute an den aufgereihten Tischen in der abgetrennten Hallen-Hälfte mit Fensterfront. Torten, «ä Bitz Späck» oder Honig – die Preise gleichen sich. Vielleicht sitzen hier ein paar Leute weniger als im Schloss Buchegg, aber das Publikum ist ähnlich: viele Leute aus dem Dorf, zahlreiche Senioren, etliche Familien mit Kindern, ein paar Angefressene, ein paar Angeheiterte. Früher habe man das Lotto auch noch in der «Sonne» gemacht, dann im «Bären», seit fast zwanzig Jahren in der Turnhalle, erinnert sich OK-Präsident Daniel Zenger.Vier Vereine führen das Lotto durch: die Hornusser, zu denen auch Zenger gehört, die gemischten Chöre, der Turnverein und der Damenturnverein. Kommen genug Leute, gibt es «einen schönen Zustupf» in die Vereinskassen. Ganz so wichtig wie für die Kyburger Schützen ist der Anlass nicht. Aber 2019 sollte ein gutes Jahr werden. Am Samstag war fast voll, am Sonntagnachmittag sind die Tische vielleicht zu zwei Dritteln gefüllt. Vielleicht hat der Kindergang die Leute gelockt. Auf dem Preistisch waren Trampel-Traktoren. Oder die neuen Kommunikationsmittel. «Wir haben nicht nur neue Plakate gemacht, sondern auch Facebook und Instagram genutzt», sagt Zenger. Das müsse man, wenn man junge Menschen erreichen wolle.

Social Media, davon spricht bei den Kyburger Schützen noch niemand. Aber auch sie müssen sich verändern. Nächstes Jahr wird ihr Lotto in der Turnhalle in Aetigkofen stattfinden. Zu lukrativ ist das Herbstwochenende in der Wildzeit für die Wirtin von Schloss Buchegg – und die Schützen haben Verständnis. Man geht im Guten auseinander. So wie die Lottospielerinnen und -spieler kurz vor 17.30 Uhr. Auch das Millionenlos ist weg, ganz am Schluss vergeben. Und wer selbst dann noch nichts gewonnen hat, dem drücken die Schützen eine Toblerone in die Finger. Mit dem Mondschein im Gesicht und dem Trostpreis in der Hand geht es hinaus in die dämmernde Nacht.

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