88'000 Fotos

Glücksfall für die Historiker: Fotoreporter schenkt seinen Schatz dem Staatsarchiv

Kaum jemand weiss so gut wie er, wie es im Kanton Solothurn der 1980er- und 1990er-Jahre aussah: Fotoreporter Alois Winiger schoss damals 88'000 Bilder. Nun schenkt er seinen Schatz dem Staatsarchiv. Ein Glücksfall, denn dort lagern nur wenige Aufnahmen aus dieser Zeit.

Wie sah der Alltag im Kanton Solothurn der 1980er-Jahre aus? Dies wird man dank Alois Winiger auch dann noch wissen, wenn niemand mehr aus eigener Erinnerung davon erzählen kann. Sein umfassendes Fotoarchiv wird späteren Generationen eine Ahnung vermitteln, wie die Solothurner lebten, als die Mauer in Berlin noch stand, Vokuhila-Frisuren Mode waren und die Autophon in Solothurn die ersten, 12 Kilo schweren Mobilfunktelefone fabrizierte.

Als Fotoreporter der Solothurner Zeitung fuhr Winiger von 1980 bis 1994 durch den ganzen Kanton und den Oberaargau bis ins Emmental. Er fotografierte, was es für eine Zeitung zu fotografieren gab: vom Turneranlass über die Kirschenernte bis hin zu den Literaturtagen und dem Staatsbegräbnis von Bundesrat Willi Ritschard.

Viehschauen und Militärinspektionen trafen auf Geburtstage von 100-Jährigen, vom Waffenlauf ging es zum wiedergewählten Regierungsrat. Über die Jahre sind so rund 88'000 Schwarz-Weiss-Aufnahmen entstanden. Bald sollen sie für jedermann zugänglich sein: Winiger wird seinen Bestand dem Solothurner Staatsarchiv schenken – so aufgearbeitet, dass die Bilder von späteren Generationen einfach und digital gefunden werden können.

Alois Winiger dokumentierte mit seiner Kamera das Leben der Solothurnerinnen und Solothurner in den 1980er- und 1990er-Jahren.

Alois Winiger dokumentierte mit seiner Kamera das Leben der Solothurnerinnen und Solothurner in den 1980er- und 1990er-Jahren.

Immenser Aufwand

Hunderte Stunden hat der 69-Jährige in den vergangenen Monaten im Dachstock seines Hauses in Bätterkinden verbracht – und weitere Hunderte Stunden werden folgen. Es ist ein immenser Aufwand, ein solches Archiv für die Nachwelt aufzubereiten: Zuerst musste er auf dem Leuchtpult die 2941 A4-Bögen mit den Negativen drin abfotografieren.

Im Fotobüro Bern wurden diese dann zu Foto-pdfs umgewandelt. Nun steht Winiger wieder an seinem Computer: Foto für Foto geht er durch und notiert in eine Excel-Tabelle, was auf jedem einzelnen der 88'000 Bilder zu sehen ist. Das kann er, weil er damals handschriftlich schon notierte, was auf den Aufnahmen zu sehen ist. Und oft liegen noch die Zeitungsartikel vor, zu denen die Fotos erschienen.

Sein Ordnungssinn ist ein Glücksfall für die Historiker

Seine Genauigkeit macht sein Archiv so besonders: Längst nicht jeder Fotograf hat damals in der Hektik des Alltags seine Fotos präzise archiviert. Und dass die Bilder einmal wertvoll sein könnten, dachte in den 1980er-Jahren auch niemand. Doch eine genaue Beschriftung ist unumgänglich, wenn Historiker später einmal die Bilder finden und nutzen sollen. Ohne exakte Informationen wird irgendwann niemand mehr wissen, wer auf den Fotos ist. Für die Geschichtswissenschaft sind die Bilder dann nur noch bedingt – oder gar nicht mehr – brauchbar.

Als Glücksfall für den Kanton Solothurn bezeichnet denn auch André Schluchter Winigers Archiv. Der Oltner Historiker verantwortete als Projektleiter die zwei Bände zur Kantonsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Bei der Arbeit an den Büchern zeigte sich, wie schwierig es ist, Fotos aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu finden. Es gibt kein kantonales Fotoarchiv, diverse Fotobestände sind nicht erschlossen, sie lagern an verschiedenen Orten im Kanton und oft können, wenn überhaupt, nur die Fotografen selbst die Bilder noch finden. Bei Winiger aber fand sich ein sauber geordnetes Archiv vor. «Klar ist ein Dorf hundertmal fotografiert worden. Aber wo kann man als Historiker so leicht auf die Bilder zugreifen?», fragt Schluchter. «Winigers Ordnungssystem ist genial.»

Woher kommt dies? Winiger hatte bei seiner Ausbildung zum Industriefotografen in einem Zeughaus und bei der von Roll gearbeitet. «An beiden Orten gehörte das Archivieren selbstverständlich dazu», sagt er. Er behielt dies auch im hektischen Redaktionsalltag bei. Und wohl liegt es auch an ihm selbst: Auch später, als er nach der Fotoreporterzeit – und bis zur Pensionierung 2015 – im Ressort Thal-Gäu arbeitete, blieb wak (so sein Kürzel) ein hochseriöser Schaffer, der den Dingen auf den Grund gehen wollte.

Respekt war ihm immer wichtig

«Aus mir hätte es keinen Paparazzo gegeben», sagt der gebürtige Kestenholzer. Als bei der Trauerfeier für Willi Ritschard eine Pressemeute vor der St.-Ursen-Kathedrale wartete und das Objektiv auf die Trauerfamilie richtete, gehörte Winiger nicht dazu. Respekt war ihm immer wichtig, gerade im Kleinen: Ob Männerchöre, Turnerabende oder Maibäume: Er hatte den – schwierigen – Anspruch, auch von einer hundsgewöhnlichen Veranstaltung ein ansprechendes Bild mitzubringen.

Dies gelang ihm zwar, doch trotz seines ästhetischen Anspruchs sagt er: «Ich war kein Künstler, sondern Gebrauchsfotograf.» In vielen Fällen war er dabei nicht nur als Fotograf unterwegs, sondern lieferte als Fotoreporter auch die Texte zu den Bildern. Oft hielt er unterwegs spontan an, fotografierte mit seiner Canon F1 Auffälliges und auffällig Unauffälliges. Landschaften im richtigen Licht und in der richtigen Stimmung zu treffen hatte es ihm besonders angetan. Zu seinem Markenzeichen gehört quasi ein markantes Gebäude, ein Höhenzug oder ein Kirchturm im Hintergrund. Die Zeitungsleser sollten dank Ortsbezug rasch erkennen, wo ein Foto aufgenommen wurde.

Es wird auch ein Buch mit einer Fotoauswahl geben

Über die Einzelaufnahmen hinaus erhält die Sammlung durch ihre Breite noch einen ganz anderen Wert: Sie bildet, in der Schlussphase der analogen Fotografie, historische Entwicklungen des Kantons ab. Es werden gesellschaftliche Veränderungen sichtbar, etwa wie die Deindustrialisierung oder die Massenmotorisierung, die sich in Autobahnen und Staus niederschlug.

Für Historiker Schluchter ist denn auch klar: Winigers Bestand ist ausserordentlich bedeutend für das kulturelle Erbe des Kantons. Auch deshalb haben die beiden nun ein Lotteriefondsprojekt eingegeben und suchen Sponsoren, um das Archiv aufarbeiten zu können – auch wenn damit nur ein Teil der Kosten abgedeckt werden kann. Denn der Aufwand ist immens, ein grosser Teil bleibt Fronarbeit. Lohn wird für Winiger ein Bildband sein, der zusätzlich mit einer Auswahl der Fotos erscheint.

Er wird, was nur wenige andere können, einen Grossteil seines beruflichen Schaffens in den Händen halten und vorzeigen können. Nur eines fehlt: Beim Spitzensport war Winiger nur ganz selten, nicht nur weil es ihm das Teleobjektiv fehlte. Dafür besuchte er, der noch immer Posaune spielt, Jazzkonzerte und Blasmusikanlässe. Es sind einige persönliche Akzente in einem Bestand, der sonst schlicht und einfach nur eines zeigt: den Alltag der Solothurnerinnen und Solothurner.

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