Theaterpremiere

Glücklich mit Bio-Sushi und Wollsocken

Herr Ting (links) wird von der glücklichen Schweizer Familie mit einem Glas selbstgepresstem Smoothie begrüsst.

Herr Ting (links) wird von der glücklichen Schweizer Familie mit einem Glas selbstgepresstem Smoothie begrüsst.

Im Stadttheater Solothurn (Tobs) sind immer Schweizer Erstaufführungen zu sehen. So auch das 2011 entstandene Stück «Der Chinese» des Deutschen Autors Benjamin Lauterbach. Eine Theaterfarce, bei der den Zuschauern das Lachen oft im Halse stecken blieb.

Die Schweiz, rund 100 Jahre in der Zukunft. Es herrscht Wohlstand überall, die Menschen sind schrecklich glücklich und lieben sich so sehr, dass es oft zum Weinen ist. Sie leben nachhaltig, ernähren sich nur noch von biologischem Essen und fühlen sich in ihrer ökologischen Idylle «reich beschenkt».

Doch dieses perfekte Dasein hat seinen Preis: Die Grenzen sind geschlossen, ein Zaun sichert das Land vor Fremden. Zu reisen braucht niemand, denn «wenn es einem so gut geht wie bei uns, braucht man nicht zu fliegen». Das sagt Mutter Gwendolyn (Atina Tabé) zu ihrem kleinen Sohn Niclas (Andreas Ricci). Sie lebt mit ihrem Mann Alexander (Jan-Philipp Walter Heinzel) und der Tochter Maria-Lara (Fernanda Rüesch) das Leben der glücklichen Kleinfamilie, wie sie der Staat fördert und gesetzlich unterstützt.

Die kleine Schweiz ist mit diesem System zum leuchtenden Beispiel für den Rest der Welt geworden; besonders auch für das rückständige China, das ausgewählte Vertreter in Schweizer Musterfamilien schickt, um von dieser Insel der Glückseligen zu lernen.

So besucht ein Herr Ting (Mario Gremmlich) mit seinem riesigen roten Koffer das Haus der Familie und alle – vor allem die Kinder Maria-Lara und Niclas – sind in heller Aufregung. Ting, in der Rolle des höflichen Kulturbotschafters seines Landes, verteilt Geschenke. Doch, oh Schreck! – alle sind aus Plastik: Die sprechende Puppe, das Mercedes-Auto, der Staubsauger-Roboter. Die Kinder sind entzückt, doch Mutter Gwendolyn ist entsetzt. Und als Herr Ting dann gar noch – mit Smartphone, Kamera und Wachmacher-Pillen ausgerüstet – sich für Alexanders streng geheime Erfindungen zu interessieren beginnt, ist es aus mit Freundlichkeit und Toleranz. Jetzt sind die Grundfesten der Schweizer Ordnung in Gefahr. Es bleibt nur noch eines: Der Chinese, der Fremde muss weg!

Der 1975 geborene Stückeautor Benjamin Lauterbach hat mit «Der Chinese» 2011 die Deutsche Mentalität im Visier gehabt. Nun hat Max Merker das Stück für die Schweiz adaptiert.

In komödiantischer Höchstform

Ein bitterböses, irrwitziges und höchst amüsantes Horror-Szenario in wunderbar dürrenmattscher Manier ist so entstanden, bei dem das Schauspieler-Ensemble in komödiantische Höchstform aufläuft. Insbesondere Atina Tabé hat als Wollsocken-tragendes und fürsorglich liebendes Glucken-Mami Gwendolyn stets das richtige Timing für ihre Pointen. Es sind Lacher, die einem im Halse stecken bleiben.

Jan-Philipp Walter Heinzel versucht als Papa Alexander zunächst noch mit wohlwollender Grosszügigkeit und Vermittlungsattitüde die Wogen nicht allzu hoch gehen zu lassen. Doch als die beiden Kinder Maria-Lara und Niclas in erpresserischer Art und Weise ihre Wünsche anbringen, reisst auch bei ihm der Geduldsfaden.

Fast physische Abwehr erregen die ökologisch-wertvollen Kostüme, die Birkenstock-Latschen und dicken Wolljacken der Protagonisten. Diese Kostüme sowie das effektvolle, aber leicht bespielbare Bühnenbild stammen von Sara Giancane. «Der Chinese» ist ein Stück über die Folgen einer positiv gemeinten gesellschaftlichen Regulierung, die den Menschen Glückseligkeit vorgaukelt und sich schliesslich in Hoffnungslosigkeit verkehrt.

Aufführungen: Heute 14. 1.; 17. 1.; 27. 1.; 15. 2.; 16. 2. Premiere Biel 7. 4. 19.30 Uhr

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