Glücksspiel
Glückszahlen, Plüschtiere, Abräum-Rituale: Was hinter der Faszination Lotto steckt

Zwei Veranstalter, zwei Lottos – eine Art Zeitreise an einem Tag. Die Werbemittel wandeln sich, die Lokalitäten ändern – aber das Spiel und seine Essenz harren der Dinge.

Sébastian Lavoyer
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Die Preise reizen – auch bei schönem Sonntagswetter – zum Lottospielen in der Turnhalle.
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Haben die kinderfreundlichen Preise an den Match in Messen gelockt?
Etwas zu beissen und zu trinken, bunte Spielkarten und rote Spielplättli: Alles, was man sich bei einem typischen Lottomatch vorstellt, findet sich beim Anlass der Kyburger Schützen im Restaurant neben dem Schloss Buchegg.
Die Preise sind bereit
Am Lottomatch der Schützengesellschaft Kyburg im Restaurant Schloss Buchegg
Ein Helfer des Schützenvereins vermeldet in Buchegg die Zahlen.
Lottomatchs im Bucheggberg

Die Preise reizen – auch bei schönem Sonntagswetter – zum Lottospielen in der Turnhalle.

Oliver Menge

Bernhard Meister legt den Kopf in den Nacken, kneift die Augen zusammen und sagt: «Wenn uns heute bloss nicht das Wetter einen Strich durch die Rechnung macht.» Er ist Präsident der Schützengesellschaft Kyburg, die im Restaurant Schloss Buchegg ihr alljährliches Lotto abhält, Freitag- und Samstagabends sowie am Sonntagnachmittag. Die Tage zuvor hat es gegossen wie aus Kübeln, doch am Sonntag drückt unerwartet die Sonne durch. Hinter Meister schleppen seine Vereinskollegen berstend volle Weidenkörbe, Fleischplatten mit Schinken und Wurst, Züpfen und Honiggläser in den Rittersaal. Mehr als 100 Leute passen hier rein. Anderthalb Stunden vor Beginn der letzten 25 Gänge durchlebt Meister bange Momente. Ihm graust vor leeren Stühlen des sonnigen Nachmittags wegen.

Das Lotto ist für seinen Verein der Anlass des Jahres. Täglich stehen mehr als zwanzig Vereinsmitglieder im Einsatz. Sei es im strömenden Regen auf der Strasse, hinter dem Mikrofon am grossen Speakertisch im Rittersaal oder hinten in der Küche. Sie servieren, bereiten Sandwiches vor und verkaufen Nussgipfel. Dafür kriegen sie sämtliche Einnahmen der zwei Abende und dieses Sonntagnachmittags – abzüglich der Miete, die sie Wirtin Doris Rätz bezahlen, damit sie ihnen ihr Reich überlässt.

Bis 12'000 Franken Einnahmen in einem guten Lottojahr

Während draussen der Winter in der Luft liegt, wird es im Restaurant langsam stickiger. Die Helfer wuseln zwischen Tischen und Stühlen hindurch, verteilen Spielkarten und die rot- transparenten Plastikplättchen zum Abdecken der Zahlen. Vorne in der Gaststube und im Säli – wo später auch gespielt wird – sitzen noch vereinzelte Gäste, die zum Mittagessen kamen. Auf der Bar aber stehen schon die Lautsprecher, aus denen es später «drüezwäänzg», «siebenevierzg» oder «nullsiebe» knistern wird.

«Ohne diesen Anlass müssten wir die Mitgliederbeiträge von 40 auf 200 Franken erhöhen», sagt Meister. Aus Sicht der Schützen verdient das Lotto das Prädikat überlebenswichtig. In einem guten Jahr machen sie 10'000 bis 12'000 Franken Gewinn. Dafür betreiben sie Mund-zu-Mund-Werbung und hängen Plakate auf – wenn auch nicht mehr so viele wie früher. Zudem verschicken sie Flyer an alle Haushalte der Umgebung und an die Leute, die sie in ihrem Adressstamm haben. Mit Erfolg. Am Freitag seien sie praktisch ausgebucht gewesen. Sogar jemand aus St. Moritz war dabei – «Da beginnt die Lotto-Saison erst im Dezember».

Hiltrud Grütter sitzt mit ihren Freundinnen in der Gaststube. Sie sind Stammgäste beim Schützen-Lotto. Wenn auch glücklos, zumindest am Vorabend, wie Grütter berichtet. Mit schelmischem Lachen meint sie: «90 Franken habe ich bezahlt und als Trostpreis eine Toblerone heimgenommen. In der Wut habe ich noch gestern Abend die ganze verschlungen. Ich hatte nicht die Gelassenheit, jeden Tag ein Häuschen abzubrechen und genüsslich zu verzehren im Wissen, dass es zehn Franken gekostet hat.» Die Freundinnen schüttelt es vor Lachen. Gewinnen scheint bloss Nebensache. Aber auf Strategie verzichten würde Grütter nie. Immer müsse ihre Jahrgangszahl, die 35, auf der Karte sein. Und wenn möglich die 90, die 1, die 11 und die 13. Das sind ihre Zahlen. Auch wenn sie nicht immer Glück bringen.

Der Aberglaube und das Lotto sind ein Brüderpaar. Glückszahlen, Plüschtiere, Abräum-Rituale: Zur positiven Beeinflussung von Fortuna lässt der Lottospieler nichts unversucht. Auch wenn es nicht immer hilft. Zufall eben. Manchen ist er hold, anderen nicht. Gewiss ist dagegen, dass an gewissen Tagen immer die gleichen Zahlen kommen. «Immer diese 6!», «Hast du gehört, schon wieder die 11!» oder als Konsequenz des ewig Gleichen «Schüttlä!» oder «Mischlä!», ist von den Plättchen-Legern zu hören.

Vom Lotto im Restaurant zum Lotto in der Turnhalle

Als um 14 Uhr die Stimme des Speakers das Rauschen der Boxen übertönt, um die Leute zu begrüssen, sind nur noch wenige Plätze frei. So hektisch die Helfer, so entspannt wirkt nun Meister. Es wird ein guter Nachmittag, es wird ein gutes 2019 – das ist jetzt schon klar. Die Regeln werden verlesen, der Sack mit den Zahlen kontrolliert und es beginnt mit einem Gratis-Gang, später wird pro Karte bezahlt. Wie in jedem Gang gibt es fünf Preise, als Highlight ein Klappharassli mit Waschmittel und Pasta. Der Speaker schüttelt den Sack, zieht eine Zahl und liest langsam und deutlich vor. «Lotto», ruft Tanja Schad aus Bibern nach bloss 16 Zahlen. Das Gemurmel beginnt, der Kontrolleur liest die Zahlen vor und weg ist das Harassli.

Der Blick liegt gebannt auf den Karten mit den Zahlen, eine Hand wühlt durch die rot-transparenten Spielplättchen, während Weidenkörbe und Züpfen neue Besitzer finden. Nach 13 Gängen ist Pause, alles strömt nach draussen – winterliche Frischluft und Zigarettenqualm. Wir fahren los Richtung Messen, die Alpen am Horizont, die Sonne hinter dem Dunst am Himmel. Am Ortseingang ein gelbes Schild; in schwarzen Lettern steht «Lottomatch».

Durchs Quartier geht’s zur Mehrzeckhalle. Draussen wippen fünf Jungs mit ihren Scootern über den Pumptrack, drinnen sitzen die Leute an den aufgereihten Tischen in der abgetrennten Hallen-Hälfte mit Fensterfront. Torten, «ä Bitz Späck» oder Honig – die Preise gleichen sich. Vielleicht sitzen hier ein paar Leute weniger als im Schloss Buchegg, aber das Publikum ist ähnlich: viele Leute aus dem Dorf, zahlreiche Senioren, etliche Familien mit Kindern, ein paar Angefressene, ein paar Angeheiterte. Früher habe man das Lotto auch noch in der «Sonne» gemacht, dann im «Bären», seit fast zwanzig Jahren in der Turnhalle, erinnert sich OK-Präsident Daniel Zenger.Vier Vereine führen das Lotto durch: die Hornusser, zu denen auch Zenger gehört, die gemischten Chöre, der Turnverein und der Damenturnverein. Kommen genug Leute, gibt es «einen schönen Zustupf» in die Vereinskassen. Ganz so wichtig wie für die Kyburger Schützen ist der Anlass nicht. Aber 2019 sollte ein gutes Jahr werden. Am Samstag war fast voll, am Sonntagnachmittag sind die Tische vielleicht zu zwei Dritteln gefüllt. Vielleicht hat der Kindergang die Leute gelockt. Auf dem Preistisch waren Trampel-Traktoren. Oder die neuen Kommunikationsmittel. «Wir haben nicht nur neue Plakate gemacht, sondern auch Facebook und Instagram genutzt», sagt Zenger. Das müsse man, wenn man junge Menschen erreichen wolle.

Social Media, davon spricht bei den Kyburger Schützen noch niemand. Aber auch sie müssen sich verändern. Nächstes Jahr wird ihr Lotto in der Turnhalle in Aetigkofen stattfinden. Zu lukrativ ist das Herbstwochenende in der Wildzeit für die Wirtin von Schloss Buchegg – und die Schützen haben Verständnis. Man geht im Guten auseinander. So wie die Lottospielerinnen und -spieler kurz vor 17.30 Uhr. Auch das Millionenlos ist weg, ganz am Schluss vergeben. Und wer selbst dann noch nichts gewonnen hat, dem drücken die Schützen eine Toblerone in die Finger. Mit dem Mondschein im Gesicht und dem Trostpreis in der Hand geht es hinaus in die dämmernde Nacht.

Lotto im Säli: Zwischen Bewilligungspflicht und Laisser-faire

Solothurn war das wohl härteste Pflaster der Schweiz. Zumindest wenn es um die Bewilligung von Lottos ging. Zu diesem Schluss kam der Politologe Olivier Dolder in seiner 2012 veröffentlichten Untersuchung über die kleinen Lotterien in der Schweiz.

1951 trat in Solothurn die Verordnung über Tombolen, Lottos, Preisausschreiben und Wettbewerbe in Kraft. So gesellig Lotto-Veranstaltungen waren, so streng war die Lotto-Verordnung. Man durfte nur an den Wochenenden zwischen dem 1. November und dem 31. Januar Lottos veranstalten, zwischen Freitag 20 Uhr und Sonntag 23.30 Uhr. Vor 14 Uhr durfte man sich nicht dem Glücksspiel hingeben. Eine Spielkarte durfte nicht mehr als drei Franken kosten. In Abhängigkeit der Einwohnerzahl war die Zahl der Lottos, die pro Gemeinde durchgeführt werden dürfen, beschränkt. In Olten hätten die Behörden bis zu 16 Lottos bewilligen können, in den kleinsten Gemeinden des Kantons nur eines.

Typisch schweizerisch ist die Tatsache, dass die Regulierung dieses simplen Glücksspiels so komplex ausfiel – sie wurde ein Abbild der Vielfältigkeit des Landes, ein föderalistisches Exempel. Denn der Bund steckte mit dem Lotteriegesetz von 1923 nur den groben Rahmen ab, es kam zu buntesten Auswüchsen. Im Waadtland sei sogar die Farbe der Lottokarten vorgegeben, sagte Dolder vor zwei Jahren – ein helles Rot.

Wir leben in einer Zeit, in der bei «Euro Millions» dreistellige Millionenbeträge gewonnen werden, in der nicht nur im Casino, sondern am Bildschirm auf «pair» und «impair» gesetzt wird. Da wirkt die Angst vor Spielsucht in Zusammenhang mit Lotto geradezu lächerlich. Auf jeden Fall wurde die Lotto-Verordnung Ende 2015 ausser Kraft gesetzt. Paragraf 37, Absatz 1, des Solothurner Wirtschafts- und Arbeitsgesetzes, das seither das Lotto-Spiel reguliert, besagt lediglich: «Lotterien, die als Tombola durchgeführt werden, sind zulässig.» Es gibt weder eine Bewilligungs- noch eine Meldepflicht, weswegen der Kanton auch keine genaue Anzahl durchgeführter Lottos im Kanton durchgeben kann. Das wird sich aber schon bald wieder ändern. Bis spätestens 2021 wird die Meldepflicht wieder eingeführt. So sieht es das neue Bundesgesetz über Geldspiele vor, das der Kanton bis dahin umgesetzt haben muss.

Während die Lottos früher vor allem Vereinen vorbehalten waren, gibt es längst Veranstalter, die alles organisieren – lediglich Helfer müssen gestellt werden. «Im Raum Solothurn gibt es zwei, drei grössere Veranstalter», sagt Marc Hänni, Leiter Arbeitsinspektorat und Gewerbe beim Kanton. Diese würden auch immer gleich mit sieben bis zehn Daten zur Abklärung vorstellig, obwohl dazu keine Pflicht bestünde. (sel)