Auf einen Kaffee mit

Giorgio Tuti: Höchster Schweizer Eisenbahn-Gewerkschaftler und Fürsprecher der Bähnler

Seit zehn Jahren ist Giorgio Tuti Präsident des SEV.

Auf einen Kaffee mit dem Langendörfer Giorgio Tuti, dem höchsten Eisenbahn-Gewerkschafter der Schweiz. Er hatte massgeblichen Anteil, als in der Schweiz der erste Gesamtarbeitsvertrag der Eisenbahnen entstand. Und auch in Zukunft will er sich für die Rechte der Schweizer Bähnler einsetzen.

Er hatte keine Modelleisenbahn, wollte nie Lokführer werden. Eigentlich deutete wenig darauf hin, dass sich Giorgio Tuti ein halbes Leben lang mit Zügen beschäftigen würde. Oder genauer: mit den Menschen, die in und um diese Züge arbeiten. Und trotzdem tut der Langendörfer genau dies. Seit über 20 Jahren arbeitet er beim SEV, der Gewerkschaft des Verkehrspersonals, seit 10 Jahren als Präsident.

Wir treffen Tuti am Solothurner Hauptbahnhof. Der 55-Jährige kommt im Langarmhemd daher, oberster Knopf geöffnet. Sofort wechselt er zum Du, offeriert einen Kaffee.

Zu seiner Stelle kam Tuti durch einen anderen Solothurner: den verstorbenen National- und Ständerat Ernst «Aschi» Leuenberger. Leuenberger war Präsident des SEV, als die Gewerkschaft im Jahr 2000 mit den SBB den ersten Gesamtarbeitsvertrag der Schweizer Eisenbahnen aushandelte. Für die Verhandlungen suchte der SEV jemanden mit Erfahrung auf dem Gebiet. Die Wahl fiel auf Tuti, der schon für andere Gewerkschaften gearbeitet hatte. Und der liess sich diese Chance nicht entgehen: «Wenn ich die Gelegenheit bekomme, am ersten Gesamtarbeitsvertrag der Geschichte der Schweizer Eisenbahn mitmachen zu dürfen, dann mache ich das noch so gerne. Das war ein historischer Moment.»

Es ist kurz vor Mittag, Tuti kommt gerade vom Zahnarzt. Er muss nach Bern, zur Arbeit. Das Interview findet im RBS-Bähnli statt.

Tuti und der SEV erreichten ihr Ziel: 2001 trat der erste Gesamtarbeitsvertrag der SBB in Kraft. Damit wäre Tutis Arbeit eigentlich getan gewesen. «Ich ging davon aus, dass ich nach den Verhandlungen weiterschauen müsste.» Doch dazu kam es nicht. Die Arbeit faszinierte ihn, mit dem Job identifizierte er sich. Also blieb er, wurde Vize-Präsident. Und seit zehn Jahren ist er Präsident. «Der öffentliche Verkehr ist ein Stück Schweizer Identität», schwärmt er heute.

Im Abteil nebenan hört eine junge Frau mit riesigen Kopfhörern Musik. Hinter uns versucht eine Familie, ein Kleinkind zu beruhigen. Der Lautsprecher mischt sich ein: «Nächster Halt: Biberist.»

Der SEV wird heuer 100-jährig. Grund, zu feiern. Nicht nur die Tatsache, dass die Gewerkschaft so lange überlebt hat, sondern vielmehr, was in dieser Zeit alles geleistet wurde. «Der SEV hat im öffentlichen Verkehr einen Abdruck hinterlassen. Man kann stolz sein auf das, was man erreicht hat», sagt Tuti. Deswegen wird er die Hände aber nicht in den Schoss legen. «Man kann nie zufrieden sein. Dann würde ja der Eindruck entstehen, wir seien angekommen. Aber das sind wir noch lange nicht.» Einen Vorfall hat Tuti bei diesen Worten ganz besonders im Kopf: den tödlichen Unfall eines SBB-Mitarbeiters in Baden. Und auch, was danach folgte: Denn bei den anschliessenden Kontrollen fanden die SBB heraus, dass bei mehreren Türen der Einklemmschutz nicht funktionierte. «Das kann es doch nicht sein», findet Tuti. «Es bleibt noch viel zu tun.»

Einen Monat nach dem tödlichen Unfall ist SBB-CEO Andreas Meyer zurückgetreten. Für Tuti nicht überraschend: «Ich habe damit gerechnet. Der Druck auf die SBB ist in den vergangenen Wochen massiv gestiegen.» Wie es nun weitergehen muss, ist für Tuti klar: «Jetzt braucht es keinen Manager, sondern jemanden, der wieder den Service public und die Kernaufgaben der SBB ins Zentrum rückt. Nämlich gute Dienstleistungen, hohe Sicherheit, anständige Preise und gute Bedingungen fürs Personal.»

Wir lassen den Grossraum Solothurn hinter uns. Die Häuser werden weniger, die Landschaft grüner. Der Zug rattert durchs Mittelland und Tuti rollt die Geschichte der Gewerkschaft auf. Von Streiks weiss er zu berichten, von politischen Aktionen. Aber vor allem auch die Zukunft beschäftigt ihn.

Es bleibt viel zu tun. Auch für den SEV. So wird zum Beispiel die Digitalisierung den öffentlichen Verkehr weiter beschäftigen. Dass es demnächst Geisterzüge geben wird, daran glaubt Tuti zwar nicht. Woran er aber glaubt: «Die Berufsbilder werden sich verändern.» Das bedeutet für das Personal: Manch einer wird sich neu erfinden müssen. Und das bedeutet für die Unternehmen im öffentlichen Verkehr: Sie müssen ins Personal investieren. «Entscheidend wird sein, dass man die Leute mitnimmt, sie weiterbildet, ihre Anliegen ernst nimmt. Sonst gibt es einen grossen Scherbenhaufen», sagt Tuti.

Daneben kommt noch eine weitere, gigantische Herausforderung auf die SBB zu: Die Babyboomer-Generation geht bald in Pension, Nachwuchs zu finden, ist gar nicht so einfach. In den nächsten Jahren müssen die SBB einen Drittel ihres Personals ersetzen. Wo ansetzen? «Bei den Frauen», schlägt Tuti vor. «Wir sind mit so riesigen Zahlen konfrontiert, ohne die Frauen kriegen wir diese Kurve nicht.»

«Nächster Halt: Jegenstorf. Ab Jegenstorf ohne Halt bis Bern.»

Die Leute zu finden, wird die Hauptaufgabe der SBB sein. Sich für gute Arbeitsbedingungen für diese Leute einzusetzen, diejenige des SEV. «Wenn ich mir anschaue, was für Veränderungen uns bevorstehen, braucht es den SEV vielleicht mehr denn je. Die Digitalisierung geht weiter. Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass sie sich nicht zuungunsten des Personals entwickelt.» Mittendrin in diesem stetigen Kampf wird auch Tuti sein. An Verhandlungen, mit Öffentlichkeitsarbeit, Demonstrationen. Und im Extremfall auch mit Streiks. Seine Amtsperiode dauert noch zwei Jahre, dann stehen Wahlen an. Er wird wohl wieder antreten. «Das Feuer ist noch da. Solange ich das noch habe, mache ich weiter.»

Mit einem leichten Ruck kommt der Zug in Bern zum Stillstand.

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