Tamil Tigers
Gingen Gelder aus Solothurn an Kriegsherren?

Zwölf Tamilen müssen sich derzeit wegen Unterstützung einer kriminellen Organisation vor dem Bundesstrafgericht verantworten. Eine Spur führt in den Kanton: Hier soll eine Finanzfirma 2008/09 über falsche Lohnausweise Dutzende Kleinkredite erschlichen haben, um den Unabhängigkeitskrieg der Tamil Tigers in Sri Lanka zu finanzieren.

Lucien Fluri
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Als der achtwöchige Monsterprozess gegen Tamil-Tigers-Unterstützer Anfang Januar in Bellinzona begann, demonstrierten Schweizer Tamilen – auch aus Solothurn. Sie wehren sich gegen den Vorwurf, eine kriminelle Organisation zu sein

Als der achtwöchige Monsterprozess gegen Tamil-Tigers-Unterstützer Anfang Januar in Bellinzona begann, demonstrierten Schweizer Tamilen – auch aus Solothurn. Sie wehren sich gegen den Vorwurf, eine kriminelle Organisation zu sein

Keystone

Einen solchen Prozess hat auch das Bundesstrafgericht noch nicht gesehen. Acht Wochen dauert der «Monsterprozess», der noch bis im März in Bellinzona gegen zwölf Schweizer Tamilen und einen Banker mit deutschen Wurzeln geführt wird. Ihnen werden die Unterstützung einer kriminellen Organisation, Betrug, Urkundenfälschung und Geldwäscherei vorgeworfen.

Sie sollen den Bürgerkrieg in Sri Lanka mitfinanziert haben. 15 Millionen Franken sollen sie mit teilweise unlauteren Methoden und über ein ausgeklügeltes Finanzsystem bei Schweizer Tamilen eingeholt haben, um den Befreiungskampf der Tamil Tigers (LTTE) im sri-lankischen Bürgerkrieg (1983 bis 2009) zu finanzieren.

Acht Jahre lang hatten die Bundesanwälte ermittelt. 3250 Kilometer Akten sind entstanden.
Eine wichtige Spur führt in den Kanton Solothurn. In einer Gemeinde im äusseren Wasseramt sitzt einer der Angeklagten mit seiner Finanzfirma. Zu Dutzenden soll er tamilischen Landsleuten in der Schweiz falsche und zu hohe Lohnausweise ausgestellt haben. Nur so konnten die Hilfsköche, Fabrikarbeiter und Putzfrauen Konsumkredite erhalten, die sie mit ihrem tatsächlichen Einkommen nie bekommen hätten.

65'000 Franken nahm jeder von ihnen im Schnitt bei einer Bieler Filiale der Credit-Suisse-Tochter «Bank now» auf. Nur vom Geld sahen die Kreditnehmer nie etwas. Es soll laut der Anklage vom Schweizer Tamil-Tigers-Ableger direkt für die Finanzierung des Bürgerkrieges in der Heimat verwendet worden sein. 214 Kredite sollen der Wasserämter sowie ein Berner Treuhänder vermittelt haben. Bei der Bank bemerkte man offenbar nichts – oder wollte es nicht bemerken, dass die gefälschten Lohnausweise alle gleich aussahen. Nur der zuständige Mitarbeiter der Bank, der die Kredite vergab, ist angeklagt.

Grosser Druck unter Tamilen

Doch warum verschuldeten sich die tamilischen Arbeiter so sehr? «Der Druck, zu zahlen und mitzumachen, war gross, auch um gesellschaftlich akzeptiert zu werden», sagt Suthakaran Ganapathipillai. Der Derendinger ist einer der wenigen Tamilen in der Schweiz, die öffentlich Kritik an der Tamil-Tigers-Organisation LTTE wagen (siehe auch Text unten). Er spricht von einem grossen Konformitätsdruck und starker gesellschaftlicher Kontrolle in der Schweizer Tamilen-Diaspora. «Es war vor 2009 unmöglich, gegenüber den Tamil-Tigers-Vertretern kritisch zu sein oder diese anzugreifen», sagt Suthakaran Ganapathipillai. Wer sich kritisch geäussert habe, der sei als «Agent und Verräter» tituliert worden – auch Personen wie er, der sich seit je für die Rechte der Tamilen und gegen deren Unterdrückung in Sri Lanka eingesetzt hat.

Die Tamil-Tiger-Vertreter in der Schweiz seien sehr gut vernetzt gewesen, hätten die Adressen der Diaspora gekannt und Buch geführt, wer wie viel Geld bezahlt habe. Kulturelle Anlässe und auch Schulen seien von LTTE-Vertretern in der Schweiz beeinflusst oder gar in deren Hand gewesen und politisch auf Kurs gebracht worden. «Wir sind eine sehr geschlossene Gesellschaft geworden», sagt Suthakaran Ganapathipillai.

Dieses System habe sich auch negativ auf die Integration ausgewirkt. «Wir Tamilen in der Schweiz hatten wie zwei Regierungen. Neben der Schweizer Regierung gab es noch die LTTE.» Bis heute hat dieses System für Betroffene Folgen. «Die Schulden können im Einbürgerungsverfahren eine Rolle spielen. Aber diese Leute wehren sich nicht.»

Was es bedeuten kann, mit der Meinung auszuscheren, hat Suthakaran Ganapathipillai selbst erlebt. Als er vergangenes Jahr für den Solothurner Kantonsrat kandidierte, wurde er aufgrund seiner Haltung von Unabhängigkeitsaktivisten der Tamil Tigers in den sozialen Medien angeschwärzt und als von Sri Lanka gekaufter Verräter bezeichnet. Und dies, obwohl Suthakaran Ganapathipillai nie gutgeheissen hat, was die sri-lankische Regierung getan hatte. Der engagierte und kritische Zeitgenosse will aber trotzdem nicht akzeptieren, dass ihm von einer kleinen Gruppe vorgeschrieben wird, was er zu denken hat.

Wie schwierig es für Schweizer Tamilen sein kann, sich vom ideellen Bürgerkriegserbe, dem gesellschaftlichen Druck und dem Geltungsanspruch der Tamil Tigers zu lösen, zeigte sich auch vergangenes Jahr in der Region Solothurn. Alljährlich findet in Biberist ein riesiger, gewinnbringender Tanzanlass statt, der lange unter dem Einfluss der Tamil-Tigers-Vertreter gestanden haben soll. Als sich das aktuelle OK von diesem Erbe loslösen und verhindern wollte, dass Geld für die Anwaltskosten im Prozess verwendet werden könnte, kam es zum Streit.

In einer Petition wendeten sich Hunderte Tamilen an den Regierungsrat, mit der Bitte, den Anlass zu stoppen, um Konflikte zu verhindern. Letztlich blieb es friedlich. In Burgdorf organisierten die Tamil-Tigers-Vertreter einen Gegenanlass. Am Ende, hört man, gingen viele Tamilen-Familien an keinen der beiden Anlässe – oder gleich an beide, um nicht als Vertreter von einer der beiden Seiten zu gelten.

«Ziel war, zu helfen»

Für die Angeklagten in Bellinzona gilt die Unschuldsvermutung. In der Schweiz galten die Tamil Tigers nie als kriminelle Organisation, während sie in anderen Staaten als terroristische Organisation geführt wurden.

«Unser Ziel war, der tamilischen Bevölkerung zu helfen», sagte einer der Angeklagten laut der Nachrichtenagentur SDA vor Gericht. Die tamilische Regierung habe über die Verwendung der Gelder entschieden. Der Vorwurf, dass gefälschte Lohnausweise ausgestellt worden seien, wurde vor Gericht ebenfalls bestritten. Der Prozess dauert noch bis im März.

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