Häusliche Gewalt

Gibt es im Solothurnischen bald auch öffentliche Frauenhäuser?

Symbolbild: Im letzten Jahr sind 86 Frauen in das Frauenhaus Aargau-Solothurn geflüchtet.

Symbolbild: Im letzten Jahr sind 86 Frauen in das Frauenhaus Aargau-Solothurn geflüchtet.

Geheime Frauenhäuser bieten Opfern von häuslicher Gewalt Schutz. Jetzt sollen im Aargau und Solothurn auch Häuser entstehen, die öffentlich zugänglich und deren Adressen bekannt sind. Ist dann die Sicherheit noch gewährleistet?

Ein Frauenhaus, das nicht mehr geheim, sondern für alle sichtbar ist – dies ist die Vision von Isabelle Derungs, der Stiftungsrätin des Frauenhauses Aargau-Solothurn.

Vor einem Jahr kündigte sie ihre Idee von einem öffentlich zugänglichen Haus zum ersten Mal an. Die Reaktionen darauf fielen sehr unterschiedlich aus. «Es gab Befürchtungen, dass die Sicherheit der Frauen in einem öffentlichen Frauenhaus nicht mehr gewährleistet wäre», sagt Derungs.

Der Schutz der Frau ist ein zentraler Aspekt der Frauenhäuser. Wird eine Frau von ihrem Partner misshandelt, kann sie ins Frauenhaus flüchten. Um sie und ihre Kinder vor weiteren Übergriffen zu schützen, wird die Adresse des Hauses bewusst geheim gehalten.

Heute kehren die Frauen nach dem Aufenthalt im Frauenhaus oft in ihre Familie zurück, wo sie sich mit grosser Wahrscheinlichkeit wieder ihrem gewalttätigen Partner stellen müssen. «Eine Übergangsphase gibt es nicht», sagt Derungs.

Dies soll sich ändern: Neben den geheimen Häusern soll es neu auch solche geben, deren Adressen bekannt sind. Durch eine rosa Fassade sollen sie gar auffallen. Damit verfolgt die Stiftung verschiedene Ziele: «Man nimmt dem Thema häusliche Gewalt seinen Tabu-Charakter, wenn die Häuser sichtbar sind», sagt Derungs.

Diese öffentlichen Frauenhäuser sind eine Zwischenstufe: Die Frauen müssen nicht mehr wie bisher vom völlig geschützten Umfeld direkt in die Familie zurück.

In einem öffentlich zugänglichen Haus wären Beratungen oder Therapien für die Paare und deren Familien möglich. «So könnten wir sie dabei unterstützen, gemeinsam einen Weg zu finden, ihre Probleme ohne Gewalt zu lösen. Nur so kann die Spirale der Gewalt durchbrochen werden.»

Derungs ist sich bewusst, dass diese Öffnung auch Gefahren birgt. «Wir haben jahrelang dafür gekämpft, dass die Frau Opferschutz erhält und häusliche Gewalt als Offizialdelikt anerkannt wird.

Wenn nun nicht mehr die Opferrolle der Frau, sondern neu die Beratung mit Einbezug des gewalttätigen Mannes im Vordergrund unserer Arbeit stehen soll, besteht die Gefahr, dass die Frau als Opfer nicht mehr so ernst genommen wird.»

Um dies zu verhindern, nimmt Derungs die Politik und die Gesellschaft in die Pflicht: «Es ist Aufgabe der Politiker, häusliche Gewalt zu thematisieren, und die Aufgabe der Gesellschaft, hinzuschauen und aktiv zu werden.»

Sichtbare Frauenhäuser gibt es bisher in der Romandie. «Wir im Aargau und in Solothurn sind erst in einer Anfangsphase.» Ob und wann solche Frauenhäuser in der Deutschschweiz eröffnet werden, ist noch ungewiss.

Derungs ist aber zuversichtlich: «In Holland funktioniert dieses Modell bereits sehr gut.» Mit einer Fachtagung am kommenden Freitag wolle die Stiftung die Diskussion in einem breiten Fachpublikum eröffnen: «Wir möchten herausfinden, was in der Schweiz überhaupt möglich ist, welche Sicherheitsmassnahmen notwendig sind und wie die Koordination zwischen den Frauenhäusern und den Fachstellen optimiert werden könnte.»

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