Tag der Arbeit
Gewerkschafter: «1. Mai ist kein Auslaufmodell»

Der Derendinger Markus Baumann will auf «Missstände in der Arbeitswelt» hinweisen. Er ist überzeugt, dass der Kampf um die Rechte der Arbeitnehmenden nicht am Schreibtisch stattfinden soll.

Franz Schaible
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Markus Baumann ist seit acht Jahren Präsident des Gewerkschaftsbundes Kanton Solothurn. Seit 24 Jahren arbeitet er in verschiedenen Funktionen für die Gewerkschaft Unia. Für die SP sitzt der Derendinger im Kantonsrat.

Markus Baumann ist seit acht Jahren Präsident des Gewerkschaftsbundes Kanton Solothurn. Seit 24 Jahren arbeitet er in verschiedenen Funktionen für die Gewerkschaft Unia. Für die SP sitzt der Derendinger im Kantonsrat.

Hansjörg Sahli

Sie werden am 1.-Mai-Umzug in Solothurn mitmarschieren. Tun Sie das als Gewerkschaftsprofi, weil es zu Ihrem Job gehört?

Markus Baumann: Nein. Ich nehme aus tiefer Überzeugung am Umzug teil. Wir müssen kämpfen um die Rechte der Arbeitnehmenden. Dieser Kampf kann nicht am Schreibtisch stattfinden, dafür muss man auch auf die Strasse gehen.

Welche Botschaft wollen Sie am Tag der Arbeit rüberbringen?

Dieses Jahr geht es um die Stärkung der Altersvorsorge. Dafür will ich am 1. Mai einstehen, als Auftakt der Kampagne für die Volksabstimmung über die «AHVplus»-Initiative der Gewerkschaften, über die im Herbst abgestimmt wird.

Brennt dieses Thema wirklich unter den Nägeln, insbesondere der jüngeren Arbeitnehmenden?

Da bin ich überzeugt. Einerseits nimmt die Arbeitslosigkeit im Alter immer stärker zu, und damit verschlechtern sich die Perspektiven für das Leben nach der Pension. Andererseits ist die AHV ein Generationenvertrag, die Aktiven, und damit auch die jüngeren Arbeitnehmenden, zahlen für die Rentner. Es ist wichtig, dass diese Solidarität weitergelebt wird.

Gemessen am Potenzial aller Arbeitnehmenden erreichen Sie am 1.-Mai-Umzug nur einen Bruchteil. Lohnt sich der Aufwand?

Ja, nur wenn schon zwei Menschen auf der Strasse sind, ist es gut (lacht). Aber es kommen natürlich mehr. Das zeigt, dass die Feier zum Tag der Arbeit kein Auslaufmodell ist.

Aber die Teilnehmerquote an den Umzügen ist unbestritten tief. Welches sind die Hauptgründe?

Es stimmt, es dürften mehr Menschen am Umzug dabei sein. Ich denke, dass das Bewusstsein über den Sinn des 1. Mai teilweise verloren gegangen ist.

Weil es uns allen zu gut geht?

Nein, ich glaube nicht an die Gleichgültigkeit. Es gibt mehr Menschen, die sich mit den Themen rund um die Arbeitswelt auseinandersetzen, aber die Art der Beteiligung und der Information hat sich vielleicht verändert. Deshalb sind dann weniger Menschen an den Umzügen sichtbar. Einfluss auf die Abstinenz hat auch das ständige Predigen, der Markt richte alles, die Gewerkschaften brauche es nicht mehr. Das brennt sich über die Zeit in den Köpfen der Menschen ein. Umso wichtiger ist es, der breiten Bevölkerung zu zeigen: Wer kämpft, kann gewinnen, wer nicht kämpft, hat bereits verloren.

Hat der Tag der Arbeit nicht seine politische Bedeutung verloren und ist zur Folklore, zu einem willkommenen freien Arbeitstag mutiert?

Zur Folklore ist der Tag der Arbeit nicht geworden. Aber es stimmt, es macht sich in der arbeitenden Bevölkerung eine gewisse Ohnmacht breit, im Sinne, es sei an einem solchen Tag zu wenig oder gar nichts mehr zu bewegen und zu verändern.

Oder zu einem bunten Umzug mit Festaktivitäten?

Nein. Ich persönlich habe sowieso etwas Mühe mit dem Begriff «1.-Mai-Feier». Wir haben nichts zu feiern, es ist ein Protesttag. Es gilt, auf Missstände in der Arbeitswelt hinzuweisen.

Engagieren sich die Menschen erst dann, wenn sie von einem Missstand persönlich betroffen sind?

Der Schweizer und die Schweizerin tendieren zu einer Versicherungsmentalität. Falls ein Schadenfall eintritt, muss jemand anders dafür sorgen, dass das wieder in Ordnung kommt. Die Gewerkschaftsbewegung ist aber keine Versicherung. Sie muss auch in guten Zeiten aktiv bleiben. Da haben die Gewerkschaften in der Vergangenheit auch Fehler gemacht, indem die Mitglieder und die Themen zum Teil nur verwaltet wurden.

Aber wenn so wenige Arbeitnehmende aktiv mitmachen, heisst das nicht, dass sie mit den Arbeitsbedingungen mehr oder weniger zufrieden sind?

Das ist ein Trugschluss. Der Schweizer macht lieber die Faust im Sack, als zu protestieren. Es gibt viele unzufriedene Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen. Deshalb sind starke Gewerkschaften nach wie vor wichtig.

Sie sind seit über 20 Jahren als Gewerkschafter aktiv. Wie beurteilen Sie aus Ihrer Sicht die Sozialpartnerschaft im Solothurnischen?

Ich stelle fest, dass diese im Kanton Solothurn recht gut funktioniert. Man begegnet sich mit Respekt, auch wenn es ab und zu gröbere Auseinandersetzungen gibt. Die Arbeitsmarktkontrolle zur Überprüfung der flankierenden Massnahmen und der Schwarzarbeit ist ein gutes Beispiel. Sie ist paritätisch zusammengesetzt und die Kontrollen werden gemeinsam durchgeführt. Andererseits gibt es einzelne Interessengruppen, wie etwa die Solothurner Handelskammer, welche versuchen, die Sozialpartnerschaft mit arbeitnehmerfeindlichen Forderungen zu strapazieren. Das finde ich daneben.

Selbst 2015 mit dem Frankenschock hat sich die Solothurner Industrie einigermassen halten können. Haben die Unternehmer also einen guten Job gemacht?

Das attestiere ich vielen Unternehmern. Sie bemühen sich, bestehende Arbeitsplätze zu erhalten oder gar neue zu schaffen. Die meisten entscheiden nicht leichtfertig über Produktionsverlagerungen ins Ausland, verbunden mit einem Stellenabbau auf dem hiesigen Werkplatz.

Selbst grosse Werksschliessungen in der Vergangenheit wie Borregaard, Sappi oder Scintilla haben den Arbeitsmarkt nicht aus dem Lot gebracht. Ist das ein Zeichen eines erfolgreichen Strukturwandels?

Diese Gleichung geht nicht auf. Ich kenne sehr viele Betroffene, die keinen Arbeitsplatz mehr gefunden haben oder nur zu deutlich schlechteren Bedingungen. Erstere erscheinen aber nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik, sondern laufen jetzt unter der Sozialhilfe. Es gibt viele traurige Beispiele von Menschen, die aus dem Arbeitsprozess hinausgeschleudert worden sind. Das darf nicht mit Statistiken schöngeredet werden.

Aber Sie malen schwarz ...
... nein, ich will nicht Angst verbreiten, aber der Realität muss in die Augen geschaut werden. Die Statistiken zeigen nur ein Stück des Kuchens, der andere Teil darf nicht vergessen werden und muss kritisch hinterfragt werden.

1. Mai in der Region

Balsthal, Grenchen Olten und Solothurn

Zum «Tag der Arbeit» finden im Kanton Solothurn heute Samstag und morgen Sonntag mehrere Kundgebungen statt: In Balsthal (heute ab 14.30 Uhr, Bürgerhaus) spricht Esther Maurer, Direktorin von Solidar Suisse. In Grenchen (Sonntag, ab 10 Uhr auf dem Marktplatz, Umzug zur Alten Turnhalle) sprechen Franziska Roth, SP-Kantonsrätin und Präsidentin SP Kanton Solothurn, sowie Teresa Matteo, Gewerkschaftssekretärin Unia, Bern. In Olten (Sonntag, ab 14 Uhr im Kulturzentrum Schützi) sprechen Lucie Waser, Gewerkschaftssekretärin SEV, und Max Chopard-Acklin, Unia, ehemaliger SP-Nationalrat. In Solothurn (Sonntag ab 15 Uhr beim Gewerbeschulhaus, Umzug zum «Kreuz») spricht Margret Kiener Nellen, SP-Nationalrätin). (fs)

Etliche Firmen haben die Arbeitszeit bei gleichem Lohn verlängert, was einer Lohnsenkung gleichkommt. Trotzdem zeigt sich das Personal loyal und zieht mit. Ist das nicht der bessere Weg, als wenn am Schluss Stellen gestrichen werden?

Das kann im Einzelfall sinnvoll sein. Es gibt aber einen Unterschied zwischen loyal und abhängig. Wen ich vom Job abhängig bin, dann bin ich auch zu Massnahmen bereit, die vielleicht nicht sinnvoll sind. Das hat nichts mehr mit Loyalität zu tun. Aber wenn Massnahmen in Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft im offenen Dialog ausgearbeitet werden, kann der Mitarbeitende dahinterstehen. Die Gewerkschaften sind bereit, zu guten Lösungen Hand zu bieten, aber nicht zum Nulltarif. Es braucht auch Garantien für die Arbeitnehmenden.

Gehen Sie davon aus, dass es in zehn Jahren in Solothurn noch einen 1.-Mai-Umzug geben wird?

Davon bin ich überzeugt. Der Tag hat eine weltweite Bedeutung, und das wird auch im Kanton Solothurn so bleiben.