Herbstversammlung
Gewerbeverband will alles neu erfinden – ausser das Rad

Wie die Digitalisierung eine Branche verändert, liess sich der kantonal-solothurnische Gewerbeverband bei der Amag in Zuchwil erklären.

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Wird es in einigen Jahren vor allem selbstfahrende Autos geben? (Symbolbild)

Wird es in einigen Jahren vor allem selbstfahrende Autos geben? (Symbolbild)

Keystone

Sie ist eine der grössten Garagen im Kanton: Die Amag in Zuchwil. Jährlich verkauft der Betrieb über 1400 Neuwagen der Marken VW, Audi, Seat und Skoda sowie rund 1000 Occasionsfahrzeuge.

Doch wird das Geschäft bleiben wie heute – oder werden die Menschen in einigen Jahren öfter selbst fahrende Autos mieten und teilen statt sie zu kaufen? Was lösen Digitalisierung und Elektromobilität aus? Diese Fragen stellte der kantonal-solothurnische Gewerbeverband an seiner Herbstversammlung, die am Dienstagabend mit rund 200 Gästen bei der Amag in Zuchwil stattfand.

Kritik am Regierungsrat: «Das ist sehr unsensibel»

Marianne Meister, FDP-Kantonsrätin und Präsidentin des kantonalen Gewerbeverbandes, kritisierte am Dienstagabend die Umsetzungspläne des Regierungsrates bei der Steuervorlage 17. Es sei «politisch sehr unsensibel und unverständlich», dass der Regierungsrat den von Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaft und Gemeinden geschlossenen Kompromiss in seiner Vernehmlassungsvorlage abgeändert und das «geschnürte Paket» aufgemacht habe. Als Konsequenz drohe die Vorlage nun von verschiedenen Seiten auseinandergenommen zu werden, «statt gemeinsame hinter dem Paket zu stehen.» Der Gewerbeverband stehe nach wie vor zum Kompromiss, so Meister. Dieser sei nach langem Ringen zustande gekommen und habe vonseiten der Wirtschaft grosse Zugeständnisse verlangt. Die Dividendenbesteuerung dürfe nicht über 70 Prozent gehen und flankierende Massnahmen dürften nicht über für das Gewerbe belastende Beiträge finanziert werden, nannte Meister rote Linien. (lfh)

«Der Online-Kanal hat dramatisch an Bedeutung gewonnen. Der Händlerbesuch als Informationsquelle rückt in den Hintergrund», berichtete Andreas Iseli, Geschäftsführer der Amag Solothurn/Zuchwil, aus dem Alltag, in dem die Digitalisierung bereits Einzug gehalten hat. Beim Neuwagenkauf würden heute nur noch 60 Prozent der Kunden zuerst in die Garage kommen, die anderen 40 Prozent kämen erst, nachdem sie sich online informiert haben – bei den Occassionsfahrzeugen haben sich gar 90 Prozent übers Internet informiert.

«Der Verkäufer muss sich sehr schnell auf die Herstellung einer guten Kundenbeziehung konzentrieren. Die Empathie muss schnell funktionieren», nannte Iseli eine neue Herausforderung. Eine weitere: Vielleicht würden die Showrooms bald zu gross sein, wenn die Kunden die Fahrzeuge mit Virtual-Reality-Brillen in allen Dimensionen vor sich erleben würden.

«Es braucht neue Infrastruktur»

Der Volkswagenkonzern, dessen Produkte die Amag in die Schweiz importiert, rechnet damit, dass 25 Prozent der hergestellten Autos im Jahr 2025 Elektrofahrzeuge sein werden, die weniger Wartung benötigen. Trotzdem ist Andreas Iseli überzeugt, dass es den Autohändler und die Werkstatt auch weiterhin braucht. Sein Motto: «Je digitaler, je sozialer. Je mehr sich der Kunde in der digitalen Welt aufhält, desto mehr Nestwärme wird er brauchen.» Gerade deshalb sei die Kundenbeziehung wichtig, auch wenn das klassische Schraubergeschäft durch digitale Lösungen ergänzt würden und die vernetzten Fahrzeuge ganz neue Formen der Wartung und des Kundenkontakts ermöglichen würden.

Dino Graf, Leiter Group Communication des ganzen Amag-Konzerns, erklärte daraufhin, was die Amag alles tut, um sich neben dem heutigen Geschäft für die Zukunft zu rüsten. «Das Rad müssen wir nicht neu erfinden, aber alles andere schon», zitierte er einen früheren VW-Chef. Neben dem Alltagsgeschäft kümmere sich die Amag deshalb intensiv um das Geschäftsmodell der Zukunft. Die Firma ist in verschiedenen Bereichen tätig wie Nachrüstlösungen für die Vernetzung von Automobilen oder Car-Sharing-Modelle. Graf rechnet mit 15 bis 20 Jahren, bis die Autos komplett autonom fahren würden. «Es braucht eine neue Infrastruktur», blickte er in die Zukunft der Mobilität und wies darauf hin, dass in Tiefgaragen oder in den blauen Zonen heute die Steckdosen fehlen. «Es bräuchte zumindest Leerrohre.»

In die Zukunft der Mobilität blickte auch Peter de Haan, ETH-Dozent und Mobilitätsexperte. Wie schnell die Elektromobilität komme, sei auch eine Frage der verfügbaren Batterien, so de Haan. Bereits heute würde die Reichweite eines Elektroautos für die meisten Fahrten genügen. Der Konsument habe jedoch Angst, es könne für die einmalige Fahrt ins Tessin nicht reichen. Wie sich die Mobilität entwickle, hänge deshalb stark mit der Einstellung der Schweizer zusammen.

De Haan fragte, ob man wirklich Allradantrieb brauche, wenn man einmal im Jahr bei Schnee in die Berge gehe, ob man wirklich den Kombi brauche, um einmal einen Kühlschrank transportieren zu können. Eine Prognose wagte de Haan noch: Mit dem autonomen Fahren könne das Auto so attraktiv wie nie werden, so de Haan. Rentner könnten viel länger fahren. Und wenn im Auto gearbeitet werden könne, dann würden auch Zugpendler wohl umsteigen.