1. Gewerbekongress
Gewerbe kämpft gegen Regulierungen

Der 1. Solothurner Gewerbekongress im Alten Spital, organisiert vom kantonalen Gewerbeverband, sollte keine langweilige Delegiertenversammlung werden. An diesem Anlass feierte das Gewerbe sich selbst - und auch seine volkswirtschaftliche Bedeutung.

Elisabeth Seifert
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Standpunkte des Gewerbes (v.l.): Hans-Ulrich Bigler (Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands), Marianne Meister (Präsidentin des Kantonal-Solothurnischen Gewerbeverbands), Moderator Rolf Schmid und Ruedi Nützi (Direktor der Hochschule für Wirtschaft FHNW)

Standpunkte des Gewerbes (v.l.): Hans-Ulrich Bigler (Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands), Marianne Meister (Präsidentin des Kantonal-Solothurnischen Gewerbeverbands), Moderator Rolf Schmid und Ruedi Nützi (Direktor der Hochschule für Wirtschaft FHNW)

Hansjörg Sahli

Eingängige Melodien des traditionellen New Orleans Jazz hiessen rund 200 Gewerblerinnen und Gewerbler am Montagabend im Alten Spital in Solothurn willkommen. Die vier Musiker von «Les Solörs» sorgten auch zwischen den Reden prominenter Gäste für Stimmung – erst recht beim Apéro riche im Garten des Alten Spitals. «Wir wollen wegkommen von den langweiligen Delegiertenversammlungen», begründete Andreas Gasche, Geschäftsführer des Kantonal-Solothurnischen Gewerbeverbands (KGV) die Organisation des 1. Solothurner Gewerbekongresses.

Solidarität und Offenheit

Die Abhandlung statuarischer Geschäfte blieb denn auch auf ein Minimum beschränkt (siehe dazu Kasten). Stattdessen feierte das Gewerbe sich und seine volkswirtschaftliche Bedeutung – unter dem Motto «Das Gewerbe – die Wirtschaftskraft!» Was sonst, ist man geneigt zu fragen. Immerhin gehört der grösste Teil der Unternehmen in der Schweiz zu den KMU. «Zum Glück steht da kein Fragezeichen», witzelte denn auch alt Bundesrat Samuel Schmid, der als Hauptreferent geladen war.

Zwei neue Gesichter im Zentralvorstand

Per Akklamation wählten die Delegierten des kantonalen Gewerbeverbands (KGV) am Montagabend Rechtsanwalt und Kantonsrat Christian Werner (SVP, Olten) sowie Malermeister Martin Lisibach (Solothurn) neu in den Zentralvorstand. Demissioniert hatten zuvor Urs Weder (Bettlach) und Frank Leuenberger (Däniken). Wiedergewählt wurden die übrigen neun Mitglieder des Vorstands sowie Präsidentin Marianne Meister.

Mit der Statutenänderung, welche die Delegierten vor einem Jahr beschlossen haben, erfolgen die Wahlen für den Zentralvorstand alle zwei Jahre. Die Delegiertenversammlung ist neben den Wahlen zudem nur noch für eine Revision der Statuten zuständig. Die übrigen Geschäfte, wie Budget, Rechnung und Jahresbericht, werden von der Präsidentenkonferenz abgehandelt. «In der Präsidentenkonferenz können wichtige Traktanden vertieft diskutiert werden», begründet KGV-Geschäftsführer Andreas Gasche den Wechsel in der Organisation. (esf)

Keine Frage, «gerade wirtschaftlich und sozial ist das Gewerbe eine relevante Kraft», sagte der alt Bundesrat und Ehrpräsident der Berner KMU. Schwieriger werde es bei dessen politischer Kraft. Hier müsse das Gewerbe seine Interessen über die einzelnen Branchenverbände hinaus noch besser bündeln, um sich das nötige Gehör zu verschaffen. Das Gewerbe als Ganzes sei von der gesetzgeberischen Arbeit in den Bereichen Raumplanung, Nutzung des Bodens sowie Bauvorschriften betroffen.

Neben der Solidarität der Gewerbler appellierte Schmid an deren Offenheit – gerade, was die Masseneinwanderungsinitiative und damit die Beziehung zu Europa betrifft: «Auch jene Betriebe, die für den Binnenmarkt produzieren, werden verlieren, wenn es den exportorientierten Unternehmen schlecht geht», sagte Schmid in Anspielung auf die vielen Zulieferer der Exportindustrie.

Stille Schaffer im Hintergrund

In der anschliessenden Podiumsdiskussion thematisierte Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands, die erschwerten Bedingungen für das Gewerbe in der Folge des starken Frankens. Auch wenn in erster Linie die Betriebe selbst um eine Lösung besorgte sein müssten, stehe auch die Politik in der Pflicht. Ein wesentlicher Hemmschuh für die Wirtschaft seien die zahlreichen unnötigen Regulierungen. Ein Bericht des Bundesrates aus dem Jahr 2013 spreche von Kosten in der Höhe von zwei Milliarden Franken. «Die Politik hat es bis jetzt verpasst, solche unnötige Regulierungen abzubauen», kritisierte der Gewerbeverbands-Direktor und sprach damit den im Alten Spital versammelten Gewerblern aus dem Herzen.

Auch Gastgeberin Marianne Meister, Präsidentin des kantonalen Gewerbeverbands, setzte sich in der Podiumsdiskussion für einen «weiten, grossen Bilderrahmen» ein, in dem sich das Gewerbe frei bewegen könne. Konkret forderte sie weniger Abgaben und Steuern. Die Frage von Moderator Rolf Schmid, worin sie denn die besondere Kraft des Gewerbes sehe, nützte Marianne Meister für eine Würdigung der Frauen in den vielen kleinen Gewerbebetrieben. «Sie sind die stillen Schaffer im Hintergrund, die mit ihrem Einsatz im Betrieb und in der Familie den Erfolg überhaupt erst ermöglichen.»

Das Gewerbe trage einen wesentlichen Teil zur hohen Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz bei, unterstrich Ruedi Nützi. Für den Direktor der Hochschule für Wirtschaft FHNW liegt etwa die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft gerade in den vielen kleinen Betrieben begründet, wo sich jeder für den Erfolg mitverantwortlich fühlt. Das Gewerbe übernehme zudem einen entscheidenden Anteil an der Berufsbildung.

Dezentrale Struktur

Volkswirtschaftsdirektorin Esther Gassler würdigte in ihrer Grussbotschaft der Regierung ebenfalls den bedeutenden Anteil des Gewerbes am dualen Bildungssystem der Schweiz. «Mehr Anziehungskraft» wünscht sie sich dabei für die technischen und gewerblich-industriellen Berufe. Kritische Worte fand Gassler für die Forderung nach einer höheren gymnasialen Maturitätsquote. «Klar, wir brauchen Akademiker, aber auch Profis in den gewerblichen Berufen.»

Eine besondere Qualität der Schweizer Volkswirtschaft sei deren dezentrale Struktur, hob Ruedi Lustenberger hervor, Präsident des Verbands der Schweizer Schreinermeister und Möbelfabrikanten (VSSM) – und letztjähriger Nationalratspräsident (Luzern, CVP). «Das in den Regionen angesiedelte Gewerbe sorgt dort für Arbeits- und Ausbildungsplätze.»