Beratungsstelle Gewalt
Gewaltberater: «Ich wünsche mir, dass man weniger wegschaut»

Interview: Rebekka Balzarini
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Martin Schmid ist Gewaltberater.

Martin Schmid ist Gewaltberater.

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Seit einem Jahr können sich Täterinnen und Täter, die Gewalt ausüben oder befürchten, dies zu tun, bei der kantonalen Beratungsstelle Gewalt melden. Seit dem 1. Oktober 2019 haben dies 63 Personen getan.

Häusliche Gewalt ist laut dem Leiter der Beratungsstelle ein häufiges Thema. 75 Prozent der Menschen, die häusliche Gewalt ausüben, sind Männer. Im Gespräch erzählt er, wie es zu Gewalt kommt und wie Täter lernen können, nicht mehr zuzuschlagen.

In den letzten Tagen war häusliche Gewalt in den Medien und in den sozialen Netzwerken ein wichtiges Thema. Reden wir heute offener darüber?

Martin Schmid: Häusliche Gewalt wird heute tatsächlich offener besprochen. Das hat auch mit den Gesetzesänderungen in den letzten Jahren zu tun. Häusliche Gewalt gilt seit einiger Zeit als Offizialdelikt.

Wissen wir genug zu dem Thema?

Es gibt noch Missverständnisse. Etwa, dass häusliche Gewalt in bestimmten Schichten oder Kulturen mehr vorkommt als in anderen. Das stimmt aber nicht. Auch studierte Menschen können Gewalt ausüben.

Wovon hängt es ab, dass eine Person im Streit gewalttätig wird?

Menschen üben Gewalt aus, wenn sie sich ohnmächtig und hilflos fühlen. Sie haben die Meinung, dass sie nicht gesehen oder gehört werden, und wollen sich durch Gewalt Gehör verschaffen. Damit erzielen sie aber nie die Wirkung, die sie wollen. Dadurch verursachen sie Angst und Misstrauen.

Wie kommt es zu diesem Gefühl?

Wichtig ist es, Aggression und Gewalt zu unterscheiden. In der Therapie sagen wir den Tätern, dass sie aggressiver werden und mehr für sich einstehen sollen. Sie müssen lernen, zu sagen, was ihnen nicht passt. Das ist in einer funktionierenden Partnerschaft enorm wichtig. Damit das möglich ist, müssen sich Täterinnen und Täter mit ihren Gefühlen auseinandersetzen, sie verstehen und sie mitteilen. In der Therapie erzählen mir Täter manchmal, dass sie von ihrer Partnerin in eine Ecke gedrängt wurden und das Gefühl hatten, keinen Raum mehr zu haben. Dann sage ich ihnen jeweils klar: Es ist ihre Verantwortung, für sich selbst einzustehen und Grenzen zu setzen.

75 Prozent der Täter sind Männer. Können sie schlechter mit ihren Gefühlen umgehen als Frauen?

Tatsächlich müssen Männer mehr lernen, zu zeigen, wie es ihnen geht. Nach erweiterten Suiziden äussern sich die Hinterbliebenen oft überrascht, weil der Täter als sehr ruhiger Mensch bekannt war. Vielleicht ist aber genau das das Problem. Vielleicht hätte er viel früher auf den Tisch klopfen müssen.

Hat eine Beziehung noch eine Chance, wenn es einmal zu Gewalt gekommen ist?

Das kann man nicht pauschal sagen. Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. In einer Beziehung gibt es nie nur Gewalt, sondern auch gemeinsame Erinnerungen, vielleicht gemeinsame Kinder und wirtschaftliche Abhängigkeiten. Wichtig ist, dass der Täter die volle Verantwortung für die Gewalt übernimmt, wenn es einmal dazu gekommen ist. An einem Streit sind beide Personen in einer Beziehung verantwortlich, für die Gewalt nur diejenige Person, die sie ausübt. Wenn das Opfer die Verantwortung übernimmt, dann kommt es zu einem Teufelskreis, weil der Täter die Verantwortung abgeben kann.

Was ist wichtig, wenn es zu Gewalt gekommen ist?

Die Kommunikation in der Beziehung muss verbessert werden, und Täter müssen ihre negativ bewerteten Gefühle kommunizieren und aushalten. Es ist bereits ein wichtiger Schritt, wenn man in einem Streit sagen kann: Ich weiss nicht mehr weiter. Damit sendet man eine wichtige Botschaft.

Häufig fällt uns eine vernünftige Kommunikation in einer Beziehung aber schwerer als am Arbeitsplatz. Warum eigentlich?

Das hängt damit zusammen, dass wir in einer persönlichen Beziehung mehr Emotionen einbringen. Man fühlt sich der Partnerin oder dem Partner nahe, man hat gewisse Erwartungen und teilt auch die Sexualität. Das führt zu einer Intimität, die uns verletzlicher und empfindlicher macht.

Was würden Sie sich von der Gesellschaft in Bezug auf das Thema häusliche Gewalt wünschen?

Ich wünsche mir, dass man bei Gewalt weniger wegschaut. Man sollte keine Hemmungen haben, das Thema anzusprechen. Wenn man einen Streit in der Nachbarwohnung hört, kann man das am nächsten Tag ansprechen und sagen, dass man sich Sorgen macht. Man sollte auch keine Hemmungen haben, die Polizei zu rufen, wenn man einen lauten Streit hört. Natürlich braucht das Mut, weil man sich einmischt. Aber wegschauen ist keine Hilfe.