Spitalvergleich
Gesundheitsökonom: «Das Potenzial liegt in der Basis-Medizin»

Die Solothurner Spitäler AG schneidet bei einem Vergleich schlecht ab. Für Gesundheitsökonom Willy Oggier ist wichtig, dass die Grüne analysiert werden. Er sieht die Zukunft der Solothurner Spitäler aber nicht in der Hochspezialisierten Medizin.

Elisabeth Seifert
Merken
Drucken
Teilen
Gesundheitsökonom Willy Oggier. (Archiv)

Gesundheitsökonom Willy Oggier. (Archiv)

Keystone

In der Spitalvergleichs-Statistik des Bundesamtes für Gesundheit schneidet die Solothurner Spitäler AG bei mehreren Operationen schlecht ab. Muss das nicht zu denken geben?

Willy Oggier: Grundsätzlich ist festzuhalten, dass wir in der Schweiz mit solchen Spitalvergleichs-Studien erst am Anfang stehen. Auslöser dafür ist die Einführung einer schweizweit einheitlichen Tarifstruktur. Auch die genannte Studie hat gewisse Tücken. Beispielsweise haben zu Beginn, der Vergleich beginnt im Jahr 2008, nicht alle Spitäler die Daten geliefert. Zudem ist auch die Berücksichtigung des Schweregrades der einzelnen Fälle verbesserungsfähig.

Sie relativieren damit die Resultate der Studie?

Auch wenn die Vergleichs-Studie noch verbesserungsfähig ist: Das darf für die Solothurner Spitäler AG keine Ausrede sein, genauer hinzuschauen. Als Verwaltungsrat der soH würde ich von meinen Führungskräften verlangen, dass sie die Gründe für das schlechte Abschneiden genau analysieren. Neben gewissen methodischen Mängeln der Statistik gibt es dafür in der Regel auch interne Gründe.

Und worin könnten internen Gründe bestehen?

Eine von mehreren Möglichkeiten sind zu geringe Fallzahlen. Bei gewissen Eingriffen sind dabei die Fallzahlen des einzelnen operierenden Arztes, manchmal jene der gesamten Spital-Equipe entscheidend. Ein weiterer Grund für das schlechte Abschneiden könnte sein, dass man besonders risikoreiche Fälle nicht rechtzeitig und strukturiert an ein besser qualifiziertes Spital, beispielsweise ein Uni-Spital weiterleitet. Weiter könnte auch die fehlende Abstimmung zwischen den Fachdisziplinen für Probleme verantwortlich sein.

Die genannten Operationen gehören zur Hochspezialisierten Medizin (HSM). Kann sie ein Spital in der Grösse der soH hier überhaupt profilieren?

In der Schweiz zeichnet sich in verschiedenen Bereichen der Hochspezialisierten Medizin ein Engpass ab, weil es heute schon oder in Zukunft zu wenig qualifizierte Ärzte gibt, um einen 24 Stunden-Dienst abzudecken. Aus diesem Grund wird der Wettbewerb um die guten Ärzte und die starken Teams zunehmen. Solche Ärzte und ihre Teams gehen in der Regel an Spitäler, wo sie über eine hochmoderne Infrastruktur verfügen. Wettbewerbsrelevant sind aber auch ein hochqualifiziertes ärztliches Personal in anderen Fachbereichen, die Qualität der Pflege sowie eine gute Spitalführung.

Sehen Sie Chancen für die Solothurner Spitäler AG im Bereich der Hochspezialisierten Medizin?

Ein Wettbewerbsnachteil war - und ist derzeit immer noch - die mangelhafte Infrastruktur des Bürgerspitals in Solothurn. Abgesehen vom Neubau, der jetzt realisiert wird, ist es entscheidend, dass sich die soH, wenn überhaupt, in der Hochspezialisierten Medizin auf einzelne Bereiche konzentriert. Es geht darum, Bereiche zu finden, wo ein echter Bedarf besteht und auch genügend Fallzahlen generiert werden können. Es müssen Spezialitäten sein, wo man mindestens so gute Arbeit leisten kann wie die Mitbewerber. Dadurch steigt die Attraktivität für Ärzte, Zuweiser, Patienten und mögliche Kooperationspartner.

Die Solothurner Spitäler AG spürt den interkantonalen Wettbewerb als Folge der neuen Spitalfinanzierung und der freien Spitalwahl ...

Gerade viele öffentliche Spitäler, die wie die soH in der erweiterten Grundversorgung tätig sind, suchen sich nicht zuletzt aus finanziellen Gründen neue Betätigungsfelder. Wenn all diese Spitäler sich in den gleichen Bereichen profilieren wollen, dann wird es kritisch. Viele Spitäler befinden sich derzeit in einem Versuchs- und Irrtumsprozess. Auch aufgrund der Publikation von Vergleichsstudien dürfte es hier zu einem Bereinigungsprozess kommen.

Wie positionieren Sie die Solothurner Spitäler AG innerhalb der Spitallandschaft?

Der Auftrag eines Spitals wie der soH ist die erweiterte Gesundheitsversorgung mit gezielten Zusatzleistungen, in denen man sich profilieren kann. Eine wichtige Aufgabe der Spitäler in der erweiterten Grundversorgung ist die Betreuung der älter werdenden Bevölkerung. Es geht dabei um Patienten mit Mehrfacherkrankungen. Unter anderem gewinnen psychiatrische Probleme im hohen Alter an Bedeutung. Eine Chance der soH besteht darin, dass die Psychiatrie Teil ihres Angebots ist. Das Potenzial von Spitälern wie der soH liegt vor allem in einer möglichst wohnortnahen, breiten und guten Basis-Medizin und einer professionellen interdisziplinären Zusammenarbeit.

Ist das für eine soH nicht zu wenig attraktiv?

Auch die älter werdende Gesellschaft verlangt eine hochspezialisierte medizinische Versorgung, einfach in anderen Bereichen. Der Stellenwert der Chirurgie dürfte sich relativieren, jener von Medizin, Psychiatrie und Rehabilitation an Bedeutung gewinnen. Deshalb sind auch Spitalvergleichs-Statistiken, die vor allem auf eine Beurteilung chirurgischer Eingriffe zielen, für Spitäler wie die Solothurner Spitäler AG nicht immer zielführend.

Die Spitalvergleichs-Statistik des Bundesamtes für Gesundheit ist eine der ganz wenigen dieser Art. Macht die Schweiz zu wenig in diesem Bereich?

Hier wäre mehr Engagement aller gesundheitspoltischen Akteure erwünscht. In Deutschland machen beispielsweise grosse Krankenkassen Vergleiche. Die Versicherten wünschen vergleichbare Daten, die nach Spitälern oder sogar Ärzten aufgeschlüsselt sind. Sie wollen wissen, wie viele Fälle ein Spital in einem bestimmten Bereich macht. Ein positives Beispiel ist hierfür Swiss Reha, die Vereinigung der führenden Rehabilitationskliniken in der Schweiz. Aufgrund ganz bestimmter Kriterien, darunter auch sehr hoher Fallzahlen, werden die Kliniken zertifiziert. Rund 50 Prozent der Reha-Kliniken in der Schweiz sind Träger des Swiss-Reha-Gütesiegels. Allerheiligenberg war zum Beispiel nie Swiss Reha Mitglied.

Weshalb gibt es so wenig echte und leicht zugängliche Vergleichs-Statistiken in der Schweiz?

Die Spitalversorgung ist eine Uraufgabe der Kantone. Und diese sind in der Regel interessiert daran, all ihre Leistungsfelder zu behalten oder sogar noch zusätzliche aufzubauen. Deshalb haben sie oft wenig Interesse daran, die Qualitätsdaten ihrer Spitäler zu publizieren. Es könnte ja sein, dass die eigenen Spitäler in bestimmten Bereichen schlechter abschneiden als andere. Wir haben über viele Jahre eine Kultur der Intransparenz gelebt. Damit sind Politiker und Leistungserbringer gut gefahren.

Müsste der Bund verstärkt Vorgaben machen?

Auf Kantonsebene ist das Problem nicht lösbar. Der Bund könnte zum Beispiel mittels Verordnung strengere Vorgaben für die Erstellung der kantonalen Spitalplanungen und Spitallisten erlassen, in dem er etwa ganz bestimmte Fallzahlen vorsieht. Vor allem aber könnte ich mir vorstellen, dass führende Klinikgruppen ähnlich wie Swiss Reha selbst hohe Qualitätskriterien und Fallzahlen definieren und publizieren. Und Spitäler, die diesen genügen, erhalten ein Gütesiegel.

Welche Folgen hätte das für die Spitallandschaft in der Schweiz?

Mit der Publikation solcher Qualitätskriterien erhöht sich der Druck auf die Kantone, diese Kriterien bei ihren Spitallisten zu berücksichtigen. Die Zuweiser werden es sich vermehrt überlegen, ob sie ihre Patienten noch in Spitäler schicken, die in einem bestimmten Leistungsfeld diesen Kriterien nicht genügen. Eine solche Entwicklung erfordert Transparenz. Dafür aber braucht es mutige Gesundheitsdirektoren und Kliniken.