Gesundheit
In der Pandemie wird der digitale Austausch vorangetrieben – ein Solothurner Unternehmerpaar erzählt wie und wo

Während man Warteschlange vor den Test- und Impfzentren sehen kann, bleibt die Arbeit in anderen Branchen, welche an der Pandemiebewältigung mitwirken, eher verborgen. Zum Beispiel im Bereich der Medizininformatik. Ein Unternehmerehepaar mit einem KMU in Derendingen erzählt, wie sich die Pandemie auf ihren Alltag ausgewirkt hat.

Rebekka Balzarini
Merken
Drucken
Teilen
Carolin und Christoph Bareiss, Inhaber der trimell GmbH in Derendingen.

Carolin und Christoph Bareiss, Inhaber der trimell GmbH in Derendingen.

Michel Lüthi

Im Emmenhof in Derendingen, neben einem Boxklub und einem Yogastudio, liegen die Büros der trimell GmbH. Das KMU hat auf einem Stockwerk mehrere Büros gemietet, und bietet verschiedene IT-Produkte ab. Darunter auch solche, die den digitalen Austausch zwischen Labors und Arztpraxen erleichtern sollen. Etwas, das in den vergangenen Monaten sehr gefragt war. Denn die Coronapandemie führte dazu, dass der Austausch zwischen den verschiedenen Bereichen der medizinischen Versorgung schnell sein musste, und gleichzeitig anspruchsvoller wurde.

Diese Arbeit an einer wichtigen Schnittstelle sei intensiv, und der Öffentlichkeit zu wenig bekannt. Das erzählte der Gründer der trimell GmbH, Christoph Bareiss, in einem Telefongespräch Anfang April. Und er erklärte sich dazu bereit, gemeinsam mit seiner Partnerin und Mitbegründerin des Unternehmens aus einem neuen Alltag zu erzählen.

Mehr digitale Lösungen statt Papier

Die trimell GmbH ist ein kleiner Player im Bereich der Softwareentwicklung. Im Bereich der Medizininformatik ist sie erst seit wenigen Jahren tätig, und das eher durch Zufall, wie Christoph Bareiss erzählt. Eine Freundin fragte den Informatiker vor einigen Jahren an, ob er für einige Monate als IT-Leiter in einem Labor in Zürich einspringen könnte. Er half für einige Monate aus, und merkte: Im Bereich der Labormedizin braucht es mehr digitale Lösungen.

«Die Labore in der Schweiz sind in der Produktion hochtechnisiert, aber rund drei Viertel der Aufträge laufen noch über Papier »,

schätzt Bareiss.

Also habe er damit angefangen, gemeinsam mit der Zürcher Laborgemeinschaft 1 die medapp zu entwickeln. Eine Software, die den Austausch zwischen Arztpraxen, Walk-ins, Apotheken und dem medizinischen Labor in Zürich digitalisiert. Und gerade als er anfing, sich in dem neuen Arbeitsbereich richtig wohl zu fühlen, kam das Coronavirus. Eine riesige Herausforderung für die Labors, erzählt Bareiss. «Als Laie unterschätzt man das Ausmass», meint er.

«Zu Beginn der Coronazeit dachte man sich, dass es doch keine so grosse Sache sein kann, schweizweit 50 000 PCR-Tests am Tag zu analysieren. Doch dafür waren die Labore nicht ausgerüstet. Sie mussten viel investieren und ausbauen, um den heutigen Anforderungen gerecht zu werden.»

Wie gross der Stress im Gesundheitsbereich war und ist, spüren Christoph Bareiss und seine Carolin, die mit ihm gemeinsam die Firma aufbaute und managt, sehr direkt. Ständig gibt es an die Teststandorte und Labors neue Anforderungen, auf welche die trimell GmbH auf Softwareebene regieren muss. «Wenn das BAG unter bestimmten Auflagen die Kosten für einen Test übernimmt, dann müssen wir das in die Software einbauen», erklärt Christoph Bareiss.

«Das ist zwar grundsätzlich nicht ungewöhnlich, aber diese Änderungen müssen jeweils innert kürzester Zeit eingebaut werden.»

Ein weiteres Beispiel dafür, wie schnell aktuell Lösungen für vorher nicht da gewesene Probleme geschaffen werden müssen, sind die Reisebestimmungen, die die Länder erlassen haben. Heute brauchen alle, die ins Ausland reisen wollen, eine Bestätigung dafür, dass sie negativ auf das Coronavirus getestet wurden.

Digitalisierung im Gesundheitswesen

In gewissen Bereichen des Gesundheitswesens ist die Digitalisierung in der Schweiz bereits weit fortgeschritten. Die Labore sind hochmodern, und auch in den Spitälern im Kanton Solothurn sind Operationsroboter im Einsatz. In anderen Bereichen hinkt die Schweiz aber hinter. Im Vergangenen sorgte etwa die Tatsache für Diskussionen, dass die Ärzte und Labors dem Bundesamt für Gesundheit ihre aktuellen Fallzahlen per Fax übermitteln mussten. Von einem «digitalen Versagen der Schweiz» war in den nationalen Medien zuletzt im März erneut die Rede, als bekannt wurde, dass das elektronische Impfbüchlein gravierende Sicherheitsmängel aufwies. Die Onlineplattform meineimpfungen.ch ist seither ausser Betrieb, sie soll voraussichtlich Anfang Mai wieder online gehen. Auch im Kanton Solothurn bekam die Bevölkerung die Mängel in dem Bereich deutlich zu spüren, als im Januar das erste Impfzentrum die Tür öffnete. Weil der Kanton auf die Online-Anmeldeplattform des Bundes wartete, konnte man sich nur telefonisch für eine Impfung anmelden. Das führte dazu, dass das Telefonnetz in der Verwaltung zusammenbrach.  (rba)

«Das war eine riesige Herausforderung», erinnert sich Christoph Bareiss. «Die Arztpraxen hatten keine Zeit, sich um diese Bestätigung zu kümmern. Die Labors mussten die negativen Testresultate selbst verschicken, und dafür erst mal abklären, ob und in welcher Form das möglich ist. Heute geschieht das elektronisch direkt vom Labor zur getesteten Person.»

Für die einen nur ein Mail, für die anderen eine Challenge

Aktuell ist die Forderung von Fluggesellschaften dazugekommen: Diese brauchen eine Bestätigung mit QR-Code, damit der Check-in automatisch funktioniert. «Für die Bevölkerung ist es nur ein Mail mit einem Testresultat», fasst Bareiss zusammen. «Das ist auch okay. Aber es braucht viele Leute im Hintergrund, die das plötzlich regeln.»

Auch in der trimell GmbH sorgte das jeweils für hektische Stunden. Aber wenn es dann klappte, dann sei das ein schönes Gefühl gewesen.

«Es tut gut, Lösungen zu finden. Und wenn wir aus einem Labor oder einer Praxis das Feedback erhalten, dass nun alles viel schneller geht, dann ist das ein tolles Feedback.»

Mittlerweile habe sich alles wieder ein bisschen eingependelt, erzählt das Ehepaar. «Langsam haben wir Schnauf, an die Zeit nach Corona zu denken.» In Zukunft wollen Christoph und Carolin Bareiss und das gesamte trimell-Team, dass die Digitalisierung im Gesundheitsbereich weiter vorangetrieben wird. «Was wir heute im Bereich der medizinischen Versorgung kennen, wird in 15 Jahren völlig anders aussehen», sagt Christoph Bareiss. Es sei schwierig, jetzt öffentlich über konkrete Projekte zu reden. Aber:

«Jede Branche wurde bisher von der Digitalisierung komplett umgekrempelt, und der Gesundheitsbereich ist erst schwach digitalisiert.»

Bei der trimell GmbH kann man sich gut vorstellen, in Zukunft auch mit anderen Unternehmen und staatlichen Stellen zusammenzuarbeiten. «Wir würden gerne mit anderen Unternehmen zusammenarbeiten, damit die Schweiz beim Thema Digitalisierung nicht mehr hinterherhinkt», sagt Christoph Bareiss. Viele Player an einem Tisch, und alle bringen ihre Lösungsvorschläge und ihr Wissen mit ein – so würden Christoph und Carolin Bareiss gerne arbeiten, erzählen sie. Im Kleinen versuchen sie bereits heute, diese Philosophie in Tat umzusetzen. «Im Arbeitsalltag versuchen wir, auf Hierarchien zu verzichten und Lösungen ins Zentrum zu stellen», erzählen sie. Von wem die zündende Idee kommt, spiele keine Rolle.