Betrügermasche
Geschäftsmann «zermürbt» die Firma und hinterlässt 20 Millionen Franken Schulden

In Zürich wird ein Geschäftsmann verurteilt – auch eine Firma in Balsthal hat er mit seinen ungetreuen Geschäftspraktiken in den Konkurs getrieben.

Noëlle Karpf
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2016 wurde den 75 Angestellten der Industriefirma RCT in Balsthal gekündigt. Bis heute dauert das Konkursverfahren noch an.

2016 wurde den 75 Angestellten der Industriefirma RCT in Balsthal gekündigt. Bis heute dauert das Konkursverfahren noch an.

hanspeter baertschi

Er hat in Balsthal ein Schlamassel hinterlassen: Einen Schuldenberg von 20 Millionen Franken und 75 Angestellte, die ihren Job bei der RCT Hydraulic Tooling AG in Balsthal verloren haben, über die im Mai 2016 Konkurs eröffnet wurde. Der Geschäftsmann Marco Marchetti, der Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident ebendieser Industriefirma war. Nun hat ihn das Zürcher Bezirksgericht zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Die Vergehen: mehrfach qualifizierte ungetreue Geschäftsführung und Urkundenfälschung. Vergehen, die unter anderem auch dazu geführt haben, dass die Balsthaler RCT in Konkurs ging.

Was in Balsthal geschah war kein Einzelfall: Geld leihen, Firmen kaufen, Geld hinausnehmen und dann die Firmen schliessen – das war die Masche von Marchetti, wie die «Neue Zürcher Zeitung» über die Verhandlung vor dem Bezirksgericht schreibt. Marchetti war in mehreren Firmen, die er in den Ruin trieb, Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident zugleich. In der Anklage werden am Schluss über 50 verschiedene Firmen genannt.

Als «Zermürbungstaktik» bezeichnet dies der leitende Zürcher Staatsanwalt laut der NZZ. Für diese Betrügermasche muss Marchetti nun ins Gefängnis – von den vier Jahren Strafe werden zweieinhalb abgezogen, in welchen der Geschäftsmann bereits im Untersuchungsgefängnis sass.

Dubiose Vorgeschichte

Die Strafuntersuchung im Fall Marchetti wurde im April 2016 eröffnet – in diesem Jahr ging auch die Balsthaler Industriefirma RCT in Konkurs. Darauf trat der Geschäftsmann als CEO der «Mutterfirma» seiner Geschäftstätigkeiten – der «Accu Holding AG» – zurück. Mit dieser war er schon zuvor in die Schlagzeilen geraten. Die Accu Holding war ursprünglich im Batteriengeschäft, schliesslich gehörten dazu nur noch einige Immobilien. Marchetti hatte sie im Jahr 2011 übernommen und dann damit begonnen, Firmen aufzukaufen, wobei er versprochene Investitionen nicht tätigte, Rechnungen nicht zahlte.

Auch wurde er mehrfach gebüsst, weil er Geschäftsberichte des an der Börse kotierten Unternehmens nicht fristgerecht eingereicht hatte. In Deutschland wurde er zudem schon wegen Betrugs und Insolvenzverschleppung verurteilt. Wie der «Tages-Anzeiger» schon 2014 berichtete, schmückte er sich dazu noch mit Abschlüssen, die er gar nie gemacht hatte. Marchetti gab sich als erfolgreicher Geschäftsmann aus, mit Vorliebe für Porsches und Immobilien, während es um mehrere Firmen immer schlechter stand.

Auch Mitarbeitende aus Balsthal berichteten schon vor der Konkurseröffnung der RCT, sie hätten ihre Löhne nicht erhalten – und auch Lieferanten würden auf offene Bezahlungen warten. Im Mai 2016 wurde dann das Konkursverfahren eröffnet, das bis heute andauert. Ebenso sind auch die Lohnausstände der 75 Mitarbeitenden noch unbeglichen (siehe auch Text unten).

Schulden über 20 Millionen Franken

Seit über zweieinhalb Jahren läuft das Konkursverfahren um die RCT Hydraulic Tooling AG. Als eine «leide Geschichte» bezeichnet Mark Stadelmann, stellvertretender Leiter des kantonalen Konkursamtes, den Fall. «Der Grund für das lange Verfahren ist das Ausmass der ganzen Geschichte – wir haben relativ viele Forderungsanmeldungen erhalten.» So hätten sich über 350 Gläubiger im Verlaufe des Verfahrens gemeldet. Dazu kommen die Angestellten, welche Lohnausstände geltend gemacht haben. «Es dauert, diese Forderungen alle genau zu prüfen.»

Stadelmann gibt sich zurückhaltend, was die Summe der Schulden angeht – es handle sich dabei aber sicher um mehr als 20 Millionen Franken. Auf die Frage, ob von den Fordernden je noch jemand Geld sehen wird, gibt es dafür eine ganz klare Antwort: «Nein – es ist nicht mehr viel da», erklärt Stadelmann. Wenn, dann würden die Angestellten einen kleinen Betrag erhalten, es handle sich dabei aber um eine Dividende im einstelligen Prozentbereich.

Der Erlös des versteigerten Warenlagers – wo sich etwa noch Maschinen befanden – ging laut Stadelmann an die Liegenschaftseigentümerin; eine Firma im Kanton Zug. Brisant: Verwaltungsratspräsident dieser Firma war ebenfalls Marchetti. Sie ist in der Zwischenzeit ebenfalls in Konkurs gegangen.

Die Liegenschaft wurde mittlerweile öffentlich versteigert. Inzwischen haben sich neue Firmen auf dem Industrieareal in der Balsthaler Klus eingemietet. «Wir hoffen, dass wir das Verfahren dieses Jahr abschliessen können», so Stadelmann. Man hoffe, dass die Geschichte diesen Sommer endlich ein Ende finde. (nka)

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