Vom «blinden Sänger» Alois Glutz habe er schon während des Musikstudiums gehört, erzählt der Solothurner Musiker Christoph Greuter. Doch erst als er vor gut 10 Jahren in der Zentralbibliothek Solothurn wieder auf Originalkompositionen des 1789 in Olten geborenen Komponisten stiess, begann er, sich intensiver mit dessen Leben und Werk auseinanderzusetzen.

Nach nun vier intensiven Jahren der Recherche über Glutz kann Greuter den Band «Morge früeh, eh d’Sunne lacht» – Lieder des Komponisten und ‹Blinden Sängers› Alois Glutz (1789-1829)» in der Reihe «Musik aus der Sammlung der Zentralbibliothek Solothurn» vorlegen.

Im Werk sind alle bisher entdeckten Lieder und die Instrumentalmusik von Glutz vereint. «Das Interessante ist, dass vor gut 100 Jahren bereits einmal ein Musiker, der Solothurner Komponist Edmund Wyss (1867-1919) versuchte, dieses Werkverzeichnis zu erstellen. Leider starb Wyss, bevor er richtig anfangen konnte», weiss Greuter.

Ihn selbst interessierte die Schweizer Volksmusik zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert. «In der Schweiz gab es den Adel und die Königshäuser, die Musiker förderten, eben nicht. So ist unser Land in dieser Hinsicht ein ‹schwarzer Fleck›». Doch hin und wieder stosse man auf beachtenswerte Musik im volkstümlichen Bereich; insbesondere jene von Alois Glutz.

Als blinder Sänger unterwegs

Alois Franz Peter Glutz-von Blotzheim – so sein kompletter Name – entstammte der bekannten Solothurner Patrizierfamilie Glutz von Blotzheim. Sein Vater, Bernhard Josef Franz, war Grossrat, schon seit 1783 Stadtschreiber von Olten und 1792 bis 1798 Seckelmeister in Solothurn.

Alois Glutz hatte mehrere Geschwister und erblindete bereits im Kindesalter, wahrscheinlich mit ungefähr 6 Jahren. Er lernte autodidaktisch auf der Gitarre und der Flageolett (eine Art Blockflöte) zu spielen. Ab 1811 – nach dem Tod seines Vaters – zog der 22-Jährige als Wandersänger durchs Land, begleitet und betreut vom jungen Ludwig Rotschi (1801-1864), der später als Musiklehrer am Kollegium und Musikdirektor in Solothurn zu Ruhm und Ehre kam.

Erwiesen ist, dass in den Jahren 1813 und 1823 Verwandte von Alois Glutz versuchten, für ihn einen Platz in der Zürcherischen Blindenanstalt zu erhalten, was aber misslang. Ab 1824 wohnte Glutz in Aarau und drei Jahre später, am 7. September 1827 verstarb er laut Sterbebuch in Schwyz «auf der Durchreise».

«Mir Lüt uf em Land» von Alois Glutz

Von Liebe bis Arm und Reich

«Über sein tatsächliches Leben, und wie er sich als blinder Sänger und Komponist durchschlug, ist nicht viel in Erfahrung zu bringen», sagt Christoph Greuter. «Wahrscheinlich war er auch keine einfache Person im Umgang mit seinen Mitmenschen, obwohl seine Lieder von viel Liebe, Harmonie und Naturverbundenheit berichten.» Beachtenswert seien aber auch Texte mit sozialkritischem Inhalt. Da gehe es beispielsweise um Arm und Reich, oder den Wert einer harten Arbeit. «Seine Behinderung hat Glutz aber – soweit man weiss – nie thematisiert.»

Unverkennbar ist in seinen Kompositionen Glutz’ grosses Talent fürs Komponieren und Texten. Ziemlich sicher ist sich Greuter auch, dass Glutz von seiner gut situierten Familie nach Möglichkeit unterstützt und gefördert wurde, denn schon zu Lebzeiten erschien eine Liedersammlung in einem Verlag, was damals kein einfaches Unterfangen war.

Schon wenige Jahre nach seinem Tod wurden Glutz’ Lieder in der volkstümlichen Musikliteratur hoch geschätzt. «Da einige Lieder bis heute in Schulbüchern zu finden sind, wurden sie auch verbreitet und sind bis heute nicht vergessen», sagt Greuter, der auch als Musiklehrer tätig ist. «Das heute bekannte und wissenschaftlich untersuchte Werk von Glutz umfasst im Wesentlichen drei Gruppen», analysiert er. «33 Lieder, davon 21 in Hochdeutsch und 12 in Solothurner Dialekt, 30 kammermusik-ähnliche Tonwerke, überwiegend Duos mit Flöte und Gitarre und als Drittes rein solistisch angelegte Kompositionen für das Pianoforte, ein kleineres Klavier, darunter sechs «Ländler-Täntz», wie er es selbst umschreibt.

Greuter schätzt, dass bis heute nur etwa die Hälfte aller Glutz-Kompositionen bekannt sind. «Fast alles, was gesichtet werden konnte, ist im Bestand der Zentralbibliothek Solothurn vorhanden. Vielfach Erstabschriften und daher nur einmal vorhanden. Insgesamt sind dies etwa drei Dutzend Lieder und nochmals so viele Instrumentalwerke.» Greuter ist dankbar, dass die Zentralbibliothek mit ihrer Musikabteilung die Aufarbeitung dieses Werkes in der hauseigenen Buchreihe ermöglicht hat. «Ich finde es wichtig, dass diese Musik am Leben erhalten wird und auch für spätere Generationen greifbar wird. Denn die Musik im alpenländischen Raum ist viel mehr als Schwyzerörgeliklänge.»

Buchvernissage: Freitag, 27. April, 18.30 Uhr im Lesesaal Zentralbibliothek Solothurn. Verena Bider und Christoph Greuter sprechen über das Leben und Werk von Glutz. Jan Börner (Gesang) und Christoph Greuter (Gitarre) musizieren.