Einwohner im engeren Sinne hat diese «Stadt» an der Donau keine. Dafür 20 000 Menschen, die hier arbeiten und jedes Jahr über 60 000 Besucher, die dem 5,5 Quadratkilometer grossen Areal einen Besuch abstatten. Auch ich gehöre zum faszinierten Publikum der Voestalpine, einer Stadt, die eigentlich eine Stahlfabrik ist. 11 000 Mitarbeiter beschäftigt der Konzern allein hier, wobei weitere 9000 von Fremdfirmen ebenfalls auf dem Areal arbeiten.

Auf der Rundfahrt mit «Tourguide» Peter Felsbach offenbaren sich die Dimensionen des global tätigen Industriekolosses, dessen «Hauptstadt» in Linz ist. Ich denke an das Stahlwerk in Gerlafingen, das auf diesem riesigen Gelände rund sieben Mal Platz hätte: Rohre ziehen sich über weite Strecken, vorbei an dampfenden Schornsteinen von bis zu 110 Metern Höhe und Lavabächen geschmolzenen Metalls. Ein Wärmekraftwerk deckt den betriebseigenen Strombedarf mit zu bis zu 90 Prozent. Eisenbahnschienen - mehr al in ganz Vorarlberg - durchziehen das Gelände wie Blutgefässe.

Komplexer Prozess

Eisenerz aus Südafrika, Brasilien, Ukraine oder Österreich ist in Form roter, brauner und schwarzer Hügel inmitten dieses surrealen Ortsbildes angehäuft. Daraus wird jedoch ein handfester, realer Werkstoff werden: Stahl. Ein komplexer Prozess führt vom Rohstoff zu den Endprodukten. In wuchtigen Schmelztiegeln entsteht bei über 1400 Grad Celsius aus Eisenerz Roheisen. Eine grobe Geburt, die nie zu einem Ende gelangt und immer wieder von vorne beginnt. Auf jeden Anstich folgt nahtlos der nächste; und erst nach rund 10 bis 15 Jahren kommt ein solcher Hochofen aus Wartungsgründen zur Ruhe. Dann wird die «Ofensau» - die hartnäckige Eisenkruste - gesprengt.

Das flüssige Roheisen wird mit Sauerstoff ausgeblasen und mit anderen Metallen angereichert, wonach Stahl für unterschiedliche Zwecke hergestellt wird. Brammen und später Spulen entstehen aus dem Material, das weiter veredelt wird. Zu umfassend ist der Prozess, um sich an einen Vormittag alle Details erklären zu lassen. Und mit Produkten von der Autotür bis zu Bauteilen für die grösste Gasturbine der Welt endet in Präzisionsarbeit jenes Eisenerzes Weg, der im Hochofen brachial begann. Integrierte Stahlverarbeitung, so nennt sich Ganzheitlichkeit hier.

Zukunft liegt in der Feinarbeit

Doch die Zukunft der Voestalpine liegt vor allem im hinteren Teil der Verarbeitungskette - in der Feinarbeit. Bis 2020 wird bei einem jährlichen Umsatzwachstum von sechs Prozent ein Gesamtumsatz von 20 Milliarden Euro erwartet, erläutert Felsbach. Wie ich aber vermute, ist mit der blossen Produktion von Stahl angesichts der weltweiten Konkurrenz kein Blumentopf zu gewinnen. Die Geschäftsstrategie: Wie bereits in den vergangenen zehn Jahren soll auch künftig ein Schwerpunkt in der Forschung liegen. Von den weltweit 47 000 Voestalpine-Mitarbeitenden in 50 Ländern beschäftigen sich 700 mit der Entwicklung. Zudem soll die Zusammenarbeit mit Unis und anderen Instituten rund um den Globus fortgeführt werden. Die wichtigsten Forschungsziele liegen im Bereich der Energie und der Mobilität.

Nun: Der ambitionierte Blick in die Zukunft gleicht in keiner Form an vergangene Krisenjahre. Gerade durch Premium-Produkte und einem hohen Qualitätsanspruch will sich die Voestalpine von der Konkurrenz abheben. Und tut dies mit Erfolg.
Ortswechsel: Es sind dies Krisenzeiten, von denen auch das Stahlwerk Gerlafingen erfasst wurde. Das Industrieunternehmen kämpft mit Absatzrückgängen auf dem europäischen Stahlmarkt - und als stromhungrige Firma nicht zuletzt mit hohen Energiepreisen in der Schweiz. So wurde die Produktion gedrosselt, einige Arbeitsplätze abgebaut und teilweise Kurzarbeit eingeführt (wir berichteten). Gerade von Kurzarbeit blieb auch Voestalpine nicht verschont, doch half die Massnahme dem Unternehmen durch die Krise. Das betriebseigene Kraftwerk sorgt dafür, dass nur rund zehn Prozent des Stroms hinzugekauft werden müssen - angesichts der Energiepreise ein kosten mildernder Faktor.

Ökologische Hausaufgaben

Doch neben der Bewältigung der Krise wandte sich das österreichische Stahlwerk in den letzten Jahren auch anderen Altlasten zu. Die Voestalpine war hervorgegangen aus den Reichswerken AG Hermann Göring Linz, die im Zweiten Weltkrieg für das nationalsozialistische Deutschland Panzerteile gefertigt hatten. Tragische Notiz: Zeitweise waren die Arbeitskräfte bis zu 90 Prozent Zwangsarbeiter oder KZ-Häftlinge. Umso wichtiger deshalb die Aufarbeitung, die ab 2000 unter Federführung einer Historikerkommission ins Rollen kam. Auch die betriebseigene Ausstellung «Stahlwelten» blendet diese Themen nicht aus und wirft Schlaglichter auf die problematische Vergangenheit.

Ferner standen bei Voestalpine in den letzten Jahrzehnten auch ökologische Hausaufgaben an. Seit 1990 wurden rund 600 Millionen Euro in den Umweltschutz gesteckt, ebenso beugte man sich strengeren CO2-Vorschriften. Die Linzer Luft, so höre ich von vielen hier lebenden Menschen, sei in den letzten Jahren merklich besser geworden. Und Felsbach bestätigt, dass die Voestalpine die Staubemissionen in den letzten 20 Jahren um 95 Prozent reduziert habe.

Einen Vergleich zwischen Gerlafingen und Linz ziehen zu wollen, scheitert schon am Grössenunterschied der Unternehmen und bleibt bestenfalls ein Versuch. Dort aber liegt wohl auch das Erfolgsrezept der Linzer Stahlschmiede. Eine beinahe autarke Stromversorgung, ein zukunftsträchtiger Forschungsbereich, ein integrierter Verarbeitungsprozess und eine Diversifizierung der Produkte von der Autotür über Airbus-380-Fahrwerkteile bis hin zu Komponenten für ein Raketentriebwerk. Das sind Merkmale, die für Erfolg stehen. Einfacher ausgedrückt: Einem grossen Schiff mögen die Wogen der Weltwirtschaft oft weniger zusetzen als einem kleinen Boot - auch wenn beide aus Stahl sind.