Obergericht
Gericht spricht türkischen Beizer vom Vorwurf der sexuellen Nötigung frei

Ein türkischer Wirt soll eine Bosnierin dazu gezwungen haben, ihn mit Oralsex auf dem WC zu befriedigen. Das Obergericht sprach den Beizer nun vom Vorwurf der sexuellen Nötigung frei, obwohl es als erwiesen betrachtet, dass der Oralsex stattfand.

Christoph Neuenschwander
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Symbolbild Vergewaltigung

Symbolbild Vergewaltigung

Oliver Menge

Astrid D.* kam von der Toilette zurück, setzte sich im Gastrobetrieb von Baykal S.* wieder zu ihren Freunden an den Tisch und sagte «Gopferdami, jetzt habe ich dem Baykal eins blasen müssen». Dann trank die alkohol- und kokainsüchtige Bosnierin weiter. Diese Szene soll sich an einem späten Abend im Sommer 2008 zugespielt haben.

Erst ein Jahr später folgte eine Anzeige: Nachdem D. und ihre Kollegen den Gastrobetrieb immer wieder besucht und wegen angeblicher Drogendeals im Lokal mehrfach Hausverbot erhalten hatten, kam es 2009 zwischen Astrid D. und dem Türken Baykal S. zu einem Streit, in dessen Verlauf der Wirt mit Gesten andeutete, sie solle ihn oral befriedigen. Das brachte das Fass zum überlaufen. D. ging zur Polizei; S. wurde 2012 vom Amtsgericht Solothurn-Lebern wegen sexueller Nötigung und sexueller Belästigung zu einer bedingten Haftstrafe von 16 Monaten, einer Busse von 300 und einer Genugtuung von 3000 Franken verurteilt.

Schmerzhaft und eklig

Für Verteidiger Reto Gasser wirft die Geschichte von Astrid D. sowie die Verurteilung Fragen auf. Vor dem Berufungsgericht machte er auf mehrere Ungereimtheiten aufmerksam. «Immer wenn in diesem Fall etwas nicht aufgeht, sagt die Gegenseite einfach, es sei halt Alkohol im Spiel gewesen. Dabei sind die Aussagen des Opfers extrem widersprüchlich.»
So habe Astrid D. in ein und derselben Befragung erst angegeben, sie sei von S. in die Damentoilette gezerrt worden, anschliessend aber erzählt, sie sei vorausgegangen und er sei ihr gefolgt. Auch stimme die Aussage in der Anklageschrift, er habe sie mit viel Kraft in die Knie gezwungen, nicht mit der Schilderung von D. überein, sie habe sich durch sein blosses Auftreten einschüchtern lassen.

Zudem habe das angebliche Opfer zwar ausgesagt, der Übergriff sei schmerzhaft und eklig gewesen, da S. ihr auf eine Narbe am Hinterkopf gedrückt und in ihren Mund ejakuliert habe. «Trotzdem blieb sie in der Bar, um weiterzutrinken, und erklärte dieses Verhalten später mit den Worten, das Ganze sei damals für sie ‹gar nicht so schlimm› gewesen», sagte Gasser. Auch sei Baykal S. aller Wahrscheinlichkeit nach weder erektions- noch ejakulationsfähig.

Der Verteidiger legte deshalb nahe, dass es sich bei den Anschuldigungen um einen Racheakt handle, weil sein Klient Astrid D. und ihren Kollegen Lokalverbot erteilt hatte. Gasser beantragte einen Freispruch in beiden Anklagepunkten und forderte eine Genugtuung von 2000 Franken für den heute 53-jährigen Türken.

Ambivalentes Opfer

Das Obergericht glaube dem Opfer grundsätzlich und betrachte als erstellt, dass der Oralsex stattgefunden habe, wie Gerichtsschreiberin Annette Fröhlicher erklärte. Dennoch hob das Gericht das Urteil der Vorinstanz bezüglich der sexuellen Nötigung auf. Aufgrund der Opferaussagen sei unklar, wie viel Gewalteinwirkung tatsächlich im Spiel war. Astrid D. sei hier sehr ambivalent. Nach dem Grundsatz «in dubio pro reo» wurde Baykal S. deshalb als unschuldig befunden. Er erhält eine Genugtuung von 1000 Franken. Im Punkt der sexuellen Belästigung wurde das vorinstanzliche Urteil mitsamt der gesprochenen Busse von 300 Franken bestätigt.