Kanton Solothurn

Gerda Kunz: «Ich war eine Leibeigene» – wie sollen Behinderte leben können?

Als «Befreiungsschlag» bezeichnet Gerda Kunz, 66, den Austritt aus der Institution für Behinderte und den Einzug in die eigene Wohnung.

Manche Menschen mit Behinderung in Heimen, obwohl sie selbstständiger leben könnten. Halten Institutionen im Kanton zu oft an alten Strukturen fest? Der Kanton will die Selbstbestimmung zwar fördern – doch das dauert.

2006 hatte Gerda Kunz einen Hirnschlag mit Hirnblutung. Heute sitzt die 66-Jährige im Elektrorollstuhl, den sie mit einer Hand betätigt. Nach dem Hirnschlag konnte sie nicht mehr in die Eigentumswohnung zurück. Der Lift fuhr nicht bis zu ihrem Stockwerk. Kunz kam in eine Wohnung mit Dauerbetreuung. «Ich war eine Leibeigene», sagt sie.

Mahlzeiten, Ausflüge, Kleidung – alles war durchgetaktet. Und dann die Fragen – «Wohin gehst du?» – und die «Lämpen», wenn sie später nach Hause kam. Sie und die dortige Mitbewohnerin hätten gar nicht zusammengepasst. Und dann unterschrieb sie die Einwilligung zu einer Beistandschaft, die seither ihre Finanzen übernimmt. Das könne sie nicht mehr selbst – hiess es von der Institution und den Angehörigen. Kunz wollte aber selbstständig leben.

Eine eigene Wohnung zu finden – gross genug und hindernisfrei – war jedoch nicht so einfach. Nach fünf Jahren zog Kunz dann aus.

Nicht allen Menschen in Institutionen geht es wie Gerda Kunz. Einige sind ein Leben lang auf Pflege und Betreuung angewiesen, mögen die Struktur. Andere leben gerne in einer WG; wieder anderen ist es wichtig, die eigenen vier Wände für sich zu haben. Das Entscheidende ist laut Achim Bader, Präsident des Vereins Selbstvertretung Solothurn, der sich für die Rechte von Behinderten einsetzt: «Man muss die Wahlfreiheit haben.» Dafür brauche es im Kanton aber auch genügend Wohnangebote, damit jeder Mensch genau die Betreuung erhalte, die er wolle und brauche. Ob im Heim, in einer Aussenwohngruppe oder in der eigenen Wohnung mit Betreuungseinheiten. Das Recht auf den Entscheid, wo und wie man leben möchte, hält die UN-Behindertenrechtskonvention fest, die von der Schweiz 2014 ratifiziert wurde. Doch der Kanton hinkt hinterher, ein kantonales Gesetz gibt es nicht.

Denn: Noch immer leben im Kanton Menschen in einem Heim, obwohl sie selbstständiger leben könnten und wollten. Deshalb steht im aktuellen Legislaturplan der Regierung, man wolle neue Wohnangebote fördern. Laut Claudia Hänzi, Leiterin des kantonalen Amts für soziale Sicherheit, gibt es 1263 besetzte Wohnheimplätze im Kanton.

«Für einen zunehmenden Anteil junger Betroffener ist es nicht mehr vorstellbar, ihr Leben ausschliesslich in einem Heim zu verbringen», so Hänzi. Auch sei mit den heutigen technischen und medizinischen Fortschritten ein langes Leben mit Behinderung und Selbstbestimmung möglich. Nun brauche es aber im Kanton auch vermehrt Aussenwohngruppen, die zu Institutionen gehören, aber Wohnen ausserhalb der Institution in der Gruppe ermöglichen, oder eben ganz individuelle Angebote.

Laut der Online Plattform der kantonalen Sozialdirektorinnen und Direktoren gibt es 59 Soziale Institutionen im Kanton – darunter auch Sonderschulen oder Heime für Suchterkrankte und Werkstätten. Bei acht steht, dass es Aussenwohngruppen oder individuelle Betreuung gibt. Insgesamt sind 140 Plätze angegeben.

Für Heime lohnt's sich nicht

Laut Hänzi wären neue Angebote auch aus wirtschaftlicher Sicht vorteilhaft. Doch genau bei den Finanzen liegt der Knackpunkt. Unter dem Strich wären ambulante Angebote – Wohnen in der eigenen Wohnung mit Betreuungseinheiten – günstiger. Aber: Diese Finanzierung ist heute viel unsicherer als die eines Heimplatzes. Für letztere gibt es festgelegte Taxen, Betroffene zahlen einen Teil über die IV-Rente, der Kanton übernimmt den Rest. Das bedeutet einerseits, dass Heime möglichst ihre Plätze füllen wollen, um zu rentieren. Es lohne sich finanziell nicht, Bewohner an andere Angebote zu verlieren, erklärt Hänzi. Andererseits ist die Finanzierung von ambulanten Angeboten unsicherer. Für diese sind die einzelnen Gemeinden zuständig.

Dagmar Domenig, Präsidentin des Branchenverbandes der Institutionen wie Behindertenheime im Kanton (INSOS), sagt dazu: «Gemeinden tun sich schwer, ambulante Angebote zu finanzieren.» Institutionen würden sich für den Ausbau ambulanter Angebote einsetzen, ein Umdenken finde statt. Nun fehlten Wohnangebote mit eigenem Mietvertrag, «wo jemand nur noch bestimmte, ambulante Dienstleistungen bei Institutionen einkauft, ansonsten aber selbstständig wohnt.» Und dazu müsse erst einmal die Finanzierung abgesichert werden. Das soll im Rahmen des neuen Sozialgesetzes im Jahr 2020 kommen. Ab dann soll der Kanton für alle Angebote im Bereich Behinderung zuständig sein – ambulant und stationär. Er würde also Heimplätze planen und zahlen; aber ebenso Beiträge für eigene Wohnungen mit Betreuungsangeboten sprechen.

Domenig weiss aber: Sobald eine eins zu eins Betreuung ambulant teurer ist als im stationären Wohnen, «wird diese auch in Zukunft nicht zu finanzieren sein». Am Schluss stelle sich die Frage: «Wie viel Betreuung zu Hause, sei es für demente oder eben schwer und mehrfach behinderte Menschen, kann und will sich die Gesellschaft leisten?»

Es braucht «mehr Mut»

Von Seiten Kanton und Institutionen heisst es, man nehme Betroffene und ihre Wünsche sehr ernst, es bestehe der Wille zur Veränderung. Wo Selbstbestimmung gewünscht werde, könne man diese ermöglichen. Man sei am Anfang einer langfristigen Entwicklung – aber gut unterwegs. So gibt es etwa heute die Möglichkeit für Institutionen, stationäre Plätze im Verhältnis 2:3 in flexiblere Angebote umzuwandeln. In den letzten beiden Jahren wurden 45 stationäre Wohnplätze in Aussenwohngruppen umgewandelt.

Veränderung kommt, aber sie kommt langsam, sagt Achim Bader vom Verein Selbstvertretung. Einige Heime «machen ihre Hausaufgaben – bei anderen hat das Thema schlicht noch nicht Priorität Nummer Eins». Er wünsche sich mutigere Institutionen – auch wenn individuellere Betreuung mehr Aufwand bedeutet, und es wohl nie zu 100 Prozent möglich sei, die genauen Bedürfnisse jedes Betroffenen 1:1 umzusetzen. Die Gesellschaft indes solle aufhören, Behinderung zu verdrängen, dabei nur an «Menschen im Rollstuhl» zu denken. Schliesslich kämen flexiblere Angebote irgendwann jedem zugute – Erwachsenen mit Hörschwäche oder Gehschwäche – «auch wenn wir in der Gesellschaft in diesen Fällen nicht von Handicap sprechen. Aber irgendwann braucht jeder Unterstützung.»

Es liege aber auch an den Betroffenen selbst, ihre Rechte einzufordern, auch wenn das ein Kraftaufwand sei. Und: Es könne auch schief gehen. «In der eigenen Wohnung kommt niemand nachts vorbei, wenn man klingelt. Wenn man auf die Toilette muss, muss man vielleicht warten, bis die nächste Betreuungsperson vorbeikommt.» Insofern sei das bisherige System schon bequemer – «aber es entspricht nicht der Selbstbestimmung.» Bader ist aber auch überzeugt: Wohnen sei ein sehr wichtiger Punkt. Auch wenn es um die Pflege von Partnerschaften gehe, was in Heimen kaum möglich sei. «Wenn man das schafft, schafft man vielleicht auch anderes.» Den Schritt aus einer geschützten Arbeitsstätte.

Gerda Kunz wohnt seit sieben Jahren selbstständig in Subingen. In einer hindernisfreien 3.5 Zimmer Wohnung. Sie entscheidet, wann sie einkaufen geht, was sie kocht, geht selbst ins Bett. Sie müsse dafür die Putzfrau organisieren und manchmal sei der Haushalt einhändig etwas schwierig. Aber: Zurück wolle sie nicht mehr. Der Austritt aus der Institution war für sie «ein Befreiungsschlag». Nun will sie auch ihre Beistandschaft auflösen, die Finanzen wieder selbst übernehmen. Morgens kommt die Spitex – jeden Tag eine andere Person, nicht mit allen mag sie etwa duschen. Und manchmal stellen Betreuer noch fragen. «Dann blocke ich gleich ab. Und sage dann: Das entscheide ich noch.»

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