Alkohol-Prävention

Genuss, Gewohnheit, Sucht — dieser Experte weiss, wie schnell das geht

«Literweise»: Wenn Genuss zur Gewohnheit wird, ist das Suchtrisiko gross, erklärt Suchtberater Santoux.

«Literweise»: Wenn Genuss zur Gewohnheit wird, ist das Suchtrisiko gross, erklärt Suchtberater Santoux.

Am Donnerstag findet der «Aktionstag Alkoholprobleme» statt. Suchtberater Patrick Santoux setzt sich im östlichen Kantonsteil täglich mit diesem Thema auseinander. Nicht nur mit Süchtigen, sondern auch mit Angehörigen.

«Dreimal täglich – wenn Alkohol zum Medikament wird». Unter diesem Slogan findet am Donnerstag der nationale «Aktionstag Alkoholprobleme» statt. Auch im Kanton Solothurn. Wir treffen Patrick Santoux von der Suchthilfe Ost in Olten, für die der 48-Jährige seit sieben Jahren tätig ist. Ein Gespräch über Klienten, die süchtig nach Substanzen und abhängig von Beziehungen sind. Und in einem Teufelskreis festsitzen.

«Wenn Alkohol zum Medikament wird», lautet der Slogan des heutigen Aktionstages. Wann wird Alkoholkonsum zur Sucht?

Patrick Santoux: Es gibt drei Stufen: Genuss, Gewohnheit, Sucht. Die Sucht ist ein Versuch, mit Problemen wie Stress umzugehen. Zu Beginn mag das funktionieren. Das Gehirn verknüpft den Alkohol mit etwas Positivem, etwas, das berauscht und guttut. So besteht aber die Gefahr, dass aus dem Genuss ein Ritual wird. Aus der Gewohnheit Sucht.

Ein Ritual – wie das Feierabendbier?

Genau. Oder das Bier beim Grillieren. So wird ja auch Werbung gemacht: Mit Alkohol feiert man – ohne geht das kaum. Auch bei manchen Arbeitgebern gehört Alkohol zum guten Ton – etwa bei Apéros.

Und eine bestimmte Risikogruppe kann dann abhängig werden?

Das kann jeden treffen – über alle Alters- und Gesellschaftsschichten hinweg. Es kommt immer auch auf das Umfeld an. Den Alkoholkonsum in Ländern wie Russland würden wir als immens betrachten. Dort spricht man nicht von Sucht. Am Schluss geht es darum, ob man trinkt, weil man will oder weil man muss. Oft meinen Betroffene zwar: «Ich könnte auch ohne». Einmal können sie vielleicht auch auf den abendlichen Beizengang verzichten. Aber nicht immer. Es geht nicht mehr nur um den Alkohol: So pflegen Abhängige ihre Kontakte. Oft sagen sie auch, ohne Alkohol seien sie unausstehlich. Das wird zum Teufelskreis: Sie trauen sich immer weniger zu. Und um damit zurechtzukommen, brauchen sie einen gewissen Pegel.

Im Vorgespräch haben Sie erklärt, dass Sie auch mit Angehörigen arbeiten, die «co-abhängig» sind. Inwiefern sind sie süchtig?

Bei ihnen dreht sich oft alles um die Beziehung zum Abhängigen und dessen Sucht. Eltern oder Partner geben sich auf. Sie übernehmen Verantwortung, betreuen die Kinder, regeln die Finanzen. Mit dem Gefühl «Ich muss das (Anmerkung der Redaktion: das Suchtverhalten des Betroffenen) korrigieren». Das führt zu einem Wechselspiel: Der Süchtige hat das Gefühl, alleine nichts zu schaffen, und trinkt. Je mehr er trinkt, umso mehr versucht der Partner, das zu korrigieren. Oder aber Angehörige werden zum übergeordneten Partner. Indem sie versuchen, den Süchtigen zu kontrollieren, ihn ausfragen und Alkohol wegstellen. Der Abhängige gerät unter Druck, trinkt heimlich – und immer mehr. Das ist sehr ungesund.

Und führt wieder in einen Teufelskreis. Wie holen Sie die Leute da raus?

In erster Linie geht es um die Einsicht der Betroffenen. Sie müssen sich selbst verstehen. Wir müssen die Klienten abholen, über die Ursache der Abhängigkeit reden. Denn hinter jeder Sucht steckt eine Leidensgeschichte. Beziehungsprobleme, Stress, finanzielle Sorgen. Wir suchen Strategien, wie die Betroffenen mit ihren Problemen umgehen können. Andere Ventile als der Alkohol.

Wie zum Beispiel?

Es kann sein, dass jemand sozial unsicher ist und deshalb Alkohol braucht, um auf Leute zuzugehen. Ich hatte zum Beispiel einen solchen Klienten. Er war begeisterter Velofahrer. Wir dachten dann, er könnte an Bike-Events gehen. Dort hatte er ein Thema, mit dem er auf Leute zugehen konnte. Solche Strategien suchen wir.

Schaffen Sie das in jedem Fall? Sie haben erwähnt, dass Sie keine Psychotherapie machen und entsprechende Fälle auch weiterleiten.

Etwa ein Drittel kommt erfolgreich aus der Sucht. Ein Drittel zeigt zwar Einsicht, wird aber vereinzelt rückfällig. Das «Zwänzgi» muss immer beim Süchtigen «abegheie». Ein Drittel gerät aber immer wieder in alte Schemas. Dies ist jedoch nur eine Faustregel. Bei Angehörigen ist das ähnlich.

In der Co-Abhängigkeit?

Sie sind zwar nicht abhängig von einem Stoff, sondern von einer Beziehung. Sie fallen immer wieder in Verhaltensmuster zurück, indem sie den Betroffenen beispielsweise kontrollieren. Sie müssen lernen, mehr auf sich selbst zu achten. Engagieren ist ja schön und sozial. Es braucht aber immer ein Gleichgewicht. Ein Geben und Nehmen. Helfer geben oft zu viel – da nehme ich mich nicht aus.

Sind Sie im Gleichgewicht?

Das war für mich früher tatsächlich eine Herausforderung. In der Arbeit mit Betroffenen habe ich gelernt, dass auch ich meine Freizeit unter die Lupe nehmen muss. Lange habe ich bis spät abends gearbeitet, kaum etwas für mich gemacht. Jetzt achte ich mehr darauf.

Sie haben vorhin erwähnt, durch die Werbung werde der Alkohol zu etwas, das einfach dazugehört – Abhängigkeit zum gesellschaftlichen Problem.

Wir sind eine Konsumgesellschaft. Das hat gute und schwierige Seiten. Wir wollen diese Gesellschaft nicht abschaffen – in dieser leben wir nun mal. Betroffene sollen stattdessen lernen, mit Konsum umzugehen und wissen: «Wie viel tut mir gut?»

Deshalb auch der Aktionstag?

Genau. Die Leute sollen sich kritisch mit ihren Gewohnheiten auseinandersetzen.

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