Verurteilt

Genötigt, gedroht und verletzt: Das Obergericht glaubt bei den Angeklagten nicht an «zweite Chance»

Dem Entführungsopfer wurde mit einer Waffe gedroht. Schlussendlich konnte es fliehen. (Symbolbild)

Dem Entführungsopfer wurde mit einer Waffe gedroht. Schlussendlich konnte es fliehen. (Symbolbild)

Drohungen und Drogen: Eine Gruppe Männer soll mehrfach straffällig geworden sein. Die vier Männer wurden verurteilt. Zwei davon wehrten sich dagegen – vergeblich.

Geldeintreiben und eine fast filmreife Entführung Richtung Weissenstein: diese Themen standen im Zentrum dieser Gerichtsverhandlung. Zwei Männer, die ihr Urteil vom 29. März 2019 vom Amtsgericht Solothurn-Lebern nicht wie die beiden damals Mitangeklagten akzeptiert hatten, standen vor Obergericht. Der 56-jährige Türke E. Cetin (alle Name geändert) und der 33-jährige Kosovare K. Hosic bestritten fast alle Vorwürfe.

Cetin soll 2015 von einem Spielclubbetreiber in Bern Geld für gelieferte illegale Spielautomaten eingefordert haben. Gemeinsam mit anderen soll er ihm gedroht haben – etwa damit, «Albaner» vorbeizuschicken oder Frau und Sohn holen zu gehen. Cetin wurde auch vorgeworfen, im August 2016 mit dem Auto einen Mann in die Schweiz gebracht zu haben, der eine unbefristete Einreisesperre hatte.
Hosic hingegen wird beschuldigt, Ende Januar 2015 einen Mann, M. Mustafa, bedroht und Richtung Weissenstein entführt zu haben, um Geld einzutreiben.

Flucht den Gleisen entlang

Mustafa selbst soll zuvor gemeinsam mit einem Kollegen einem andern 26'000 Franken abgeknöpft haben. Gemäss Anklageschrift soll sich die Entführung so abgespielt haben: Startpunkt war das Einkaufszentrum City West in Solothurn. Hosic sass am Steuer, während der Komplize , der Albaner R. Duro – der Mitbeschuldigter war im erstinstanzlichern Verfahren – Mustafa einschüchterte. Letztere sassen hinten. Die Kindersicherung war aktiviert.

Man legte in Grenchen einen Zwischenstopp in einem Albanerlokal ein. Dann fuhren sie weiter Richtung Weissenstein. Duro zeigte ein Messer und eine Schusswaffe und nahm Mustafas Handy weg. Etwas oberhalb des Bahnhofs Oberdorf hielt Hosic an, stieg aus und zog sich Schlaghandschuhe an. Duro öffnete Mustafa die Türe, schlug den Aussteigenden mit der Faust am Kopf, traf ihn aber nicht richtig. Der stiess seinen Angreifer gegen Hosic, sodass Duro und Hosic beide ausrutschten. Mustafa konnte wegrennen. Duro warf ihm ein Messer nach, das diesen verfehlte. Mustafa konnte den Gleisen entlang nach Lommiswil fliehen.

Weiter wird Hosic beschuldigt, Anfang Februar 2018 in Dietikon am Diebstahl von einem bestellten Kilogramm Marihuana beteiligt gewesen zu sein. Die Drogenlieferanten hätten vor der Übergabe gemerkt, dass Hosic und sein Komplize nicht bezahlen wollten, und versucht, davon zu fahren. Daran wollte sie Hosic hindern – mit Pfefferspray.

Unbedingte Strafen und ein Landesverweis

Cetin bestritt, dem erwähnten Clubbesitzer Spielautomaten geliefert zu haben. Dieser schulde ihm Geld von gemeinsam organisierten Poker-Abenden. «Ich habe noch nie eine Familie oder Kinder bedroht», sagte der Familienvater in Krawatte und Anzug. Staatsanwältin Regula Echle argumentierte, falls der Clubbetreiber Cetin tatsächlich Geld geschuldet hätte, so hätte Cetin genau Auskunft über die Summe geben können. Dies konnte er jedoch nicht. Echle forderte 28 Monate unbedingte Haft.
Verteidiger Wächter sprach von fehlenden Beweisen. Und Cetins Komplize habe möglicherweise eigenmächtig gehandelt. Er forderte einen kompletten Freispruch.

Für Hosic verlangte Echle 30 Monate unbedingte Haft und 7 Jahre fakultativen Landesverweis. Er versuche sich als Saubermann darzustellen. Er sei jedoch «nicht das ahnungslose Opfer, das nichts verstanden hat».

Gelaubt, der Drogendealer zückt seine Waffe

Hosics Verteidiger Daniel Gehrig legte dar, dass sein Mandant erst sehr spät realisierte, dass es Mustafa während der Fahrt «nicht wohl» war. Sein Mandant habe der deutschen Konversation nicht folgen können. Der Einsatz des Pfeffersprays in Dietikon sei aus einer «falsch eingeschätzten Notwehrsituation» heraus entstanden. Hosic habe geglaubt, der Drogendealer zücke eine Waffe. Sein Mandant habe sich im «Alkohol- und Drogenrausch mitziehen lassen». Dieser beteuerte, zu Jahresbeginn sein Leben umgekrempelt zu haben. Seine Familie – mit mehreren Kindern – gebe ihm eine zweite Chance. Dies solle das Gericht auch tun.

Das Gericht mit Hans-Peter Marti, Daniel Kiefer und Barbara Hunkeler verurteilte schliesslich beide zu unbedingten Strafen. Cetin wegen versuchter Nötigung, Drohung und Förderung der rechtswidrigen Einreise zu 10 Monaten Haft. Hosic wegen Entführung und Freiheitsberaubung, versuchter Nötigung, einfacher Körperverletzung, Betäubungsmittelvergehen, mehrfaches Vergehen gegen das Waffengesetz und Führen eines Personenwagens in übermüdetem Zustand zu 20 Monaten Haft und einem fünfjährigen Landesverweis.

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