Amtsgericht Solothurn-Lebern
Geliebte nackt im Wald ausgesetzt

Sie verschickte Nacktbilder von ihm an seine Geschäftspartner. Danach rastete er aus. Was dann genau geschah, ist unklar.

Hans Peter Schläfli
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Was genau im Wald geschah ist unklar. (Symbolbild)

Was genau im Wald geschah ist unklar. (Symbolbild)

Keystone/az

Es ist kompliziert. So lässt sich sowohl die Beziehung zwischen Abedin M.* und Fatima D.* beschreiben als auch die Aufgabe des Amtsgerichts Solothurn-Lebern, das über deren «Beziehungskiste» zu urteilen hat. Für die Staatsanwaltschaft war es Freiheitsberaubung und Entführung, als der gebürtige Mazedonier seine damalige Geliebte im Schnottwiler Wald nackt zurückliess. Für die Verteidigung bloss «eine Erschwerung der Fortbewegung».

Aussagen gehen auseinander

Nacktbilder von sich auf dem Handy abgespeichert zu haben wie die Adressen seiner Geschäftspartner, das ist keine gute Idee – ganz besonders dann nicht, wenn auch die eifersüchtige und mit einem explosiven Temperament ausgestattete Geliebte darauf zugreifen kann. Weil er wie eine emsige Biene zwischen seiner Ehefrau und Mutter von fünf und als auch seiner Geliebten und Mutter von einem gemeinsamen Kind hin und her pendelte, rastete Fatima D. aus.

Sie erstellte ein falsches Profil auf Facebook mit peinlichen Bildern ihres Geliebten und verschickte Nacktfotos an dessen Geschäftspartner und Freunde. Auf einer Fahrt Ende August 2014 nach Grenchen erfuhr Abedin M. mitten in der Nacht davon. Er bog in den Schnottwiler Wald ab und verlangte das Handy.

Ab diesem Zeitpunkt gingen die Aussagen weit auseinander. «Sie zog das Kleid aus um mir zu beweisen, dass sie das Handy nicht bei sich trug», erklärte der Angeklagte, warum das Opfer nackt war. Sie habe nach der Geburt ihres Kindes die Brüste operiert und keinen BH mehr getragen. Unterhosen auch nicht, da sich diese unter dem Kleid abgezeichnet hätten.

Er habe ihr dann das Kleid weggenommen, damit sie nicht flüchtet. «Ich habe das Auto von aussen abgeschlossen, damit sie geschützt ist. Sie konnte aber von innen die Tür öffnen und aussteigen. Ein Bekannter hat mich danach in die Wohnung gefahren, wo ich das Handy suchte, um die Nachrichten zu löschen, soweit das noch möglich war.»

Das klang bei Staatsanwalt Raphael Stüdi deutlich anders. Dieser stützte sich für sein Plädoyer vor allem auf die ersten Aussagen des Opfers gleich nach dem Vorfall. Demnach soll der Beschuldigte die Frau mit dem Ladekabel des Handys an einen Baum gefesselt und bedroht haben.

«Er sagte, es würden jetzt acht Männer kommen, die mich vergewaltigen werden», zitierte Stüdi aus den Protokollen. Sie habe keine Schläge oder Misshandlungen hinzugefügt und alles detailgenau beschrieben. «Wäre die Fesselungsgeschichte frei erfunden, hätte sie von einem Seil gesprochen und nicht von einem Natelkabel. Eine solche Aussage macht nur jemand, der sich an erlebte Bilder erinnert.»

Falsche Hoffnungen gemacht

Beim Schluss der Geschichte war man sich wieder einig. Dank zwei T-Shirts, die sie im Auto gefunden hatte, rannte die Frau notdürftig bekleidet durch den Schnottwiler Wald zum nächsten Haus, wo sie um Hilfe bat und die Polizei alarmierte.

Rechtsanwalt Rudolf Montanari, der Abedin M. verteidigte, sprach in seinem Plädoyer von einer Beziehungskiste, in der es mehr als einmal Blitz und Donner gab. «Sie waren sich sexuell verfallen. Im Spannungsverhältnis zwischen Ehefrau und Geliebter machte er beiden Seiten Hoffnungen.»

Deshalb könne man der Geliebten nicht alles glauben. Arztberichten leide sie an Anpassungsstörungen und habe sich auch schon in psychiatrische Behandlung befunden. «An den Handy-Kabeln wurde keine DNA-Spuren des Opfers gefunden», erklärte der Verteidiger. «Das Opfer übertreibt in einer Gefühlsaufwallung masslos.» Eine blosse Erschwerung der Fortbewegung, indem man jemanden die Kleider wegnimmt, das sei noch lange keine Entführung.

Zweifach vorbestraft

Als zweiter Anklagepunkt wurde Abedin M. Mittäterschaft bei einer Indoor-Hanfplantage vorgeworfen, die im Februar 2015 in einem Industriegebäude in der Balsthaler Klus aufgeflogen war.

Der einzige verhaftete Täter behauptete, dass er die Schlüssel für das Gebäude von Abedin M. erhalten hatte, was der Beschuldigte vehement bestreitet. «Der einzige Täter, der ermittelt werden konnte, ist als Belastungszeuge völlig disqualifiziert», sagte Rechtsanwalt Montanari. «Er denunziert den Angeklagten nur, um von den eigentlichen Mittätern abzulenken, von denen er Angst hat.»
Die Verteidigung forderte somit Freisprüche in beiden Anklagepunkten. Die Staatsanwaltschaft dagegen eine Freiheitsstrafe von 40 Monaten: 20 Monate für die Entführung, zusätzlich 16 Monate für die Mithilfe an der Indoor-Hanfzucht und nochmals 4 Monate, weil Abedin M. zweifach vorbestraft ist und keine Reue zeigt. Das Urteil wird im Verlauf der kommenden Woche verkündet.

*Namen von der Redaktion geändert

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