Interview mit Guido Fluri
Geld, Verantwortung und Wohltätigkeit: Er hat es in die Liste der reichsten Schweizer geschafft

Der Thaler Guido Fluri hat es in die Reichsten-Liste des Landes geschafft. Ein Gespräch über Geld, Verantwortung und Wohltätigkeit. Und über die Fortsetzung der Arbeit für Menschen, denen Unrecht widerfahren ist.

Interview: Balz Bruder
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Dass er mit einem geschätzten Vermögen von 250 bis 300 Mio. Franken dereinst unter den «300 reichsten Schweizern» fungieren würde, hätte sich der Thaler Guido Fluri nicht träumen lassen

Dass er mit einem geschätzten Vermögen von 250 bis 300 Mio. Franken dereinst unter den «300 reichsten Schweizern» fungieren würde, hätte sich der Thaler Guido Fluri nicht träumen lassen

Bildausriss aus: «Bilanz»

Sie gehören gemäss «Bilanz» zu den 300 reichsten Schweizern. Ihr Vermögen wird auf 250 bis 300 Mio. Franken geschätzt. Was bedeutet das für Sie?

Guido Fluri: Ich komme aus armen Verhältnissen, meine Mutter und ich mussten damals im Dorfladen in St. Wolfgang in Balsthal anschreiben lassen. Ich schaffte damals knapp eine Anlehre und startete von null aus. Dass ich nun unter den 300 Reichsten aufgeführt werde, gibt eine gewisse Genugtuung, es geschafft zu haben. Ähnlich wie die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Uni Luzern vor zwei Jahren. Aber: Titel oder Geld sind für mich keine Auszeichnung. Dieser Reichtum schafft vor allem Verpflichtung und Verantwortung.

Was bedeutet das genau? Und wie leben Sie das?

Indem ich einen grossen Teil des Erwirtschafteten zurück an die Gesellschaft gebe. Dabei geht es nicht nur um das Engagement im Kindes- und Erwachsenenschutz, um die Wiedergutmachungsinitiative oder die Anlaufstelle Kescha, die wir mit Fachorganisationen aufgebaut haben. Wir finanzieren auch viele hochkomplexe Tumor-Operationen von Menschen aus dem Ausland, die keine Versicherung haben und ohne Eingriffe sterben würden. Das ist mir viel wichtiger als jede Liste. Das ist Sinn stiftend für mich und gibt mir eine innere Befriedigung. Anderen helfen zu können: Das verstehe ich unter meiner Verantwortung als einer, der es geschafft hat.

Vom «Tankwart zum Millionär» titelte das Wirtschaftsmagazin. Das tönt nach Tellerwäscher-Karriere. Getroffen?

Ja, ich finde schon. Weil es auch stimmt: Ich legte während meiner Tankwart-Zeit die Trinkgelder beiseite und ging dann als 20-Jähriger mit 5'000 Franken zur Bank und kaufte mit einer Hypothek ein Stück Land, das ich bebaute und nachher mit Gewinn verkaufte. Ja, es ist schon fast ein bisschen surreal, was ich erreicht habe. Ich bin aber ein bodenständiger Mensch geblieben, der die Menschen gern hat. Es ist mir wohl so, wie es ist. Auch weil ich die Chance habe, Menschen, die wie ich früher nicht auf der Sonnenseite stehen, helfen zu können.

Jetzt kokettieren Sie ein wenig mit Ihrer Herkunft und Ihrer Bescheidenheit.

Nein, meine Ursprünge in schwierigen familiären Verhältnisse hinten im Thal haben mich geprägt, auf allen Ebenen. Im Guten wie im Schlechten. Ich musste mir mein Selbstwertgefühl ebenso hart erarbeiten wie die finanziellen Mittel, die mir nun zur Verfügung stehen. Sie geben mir Freiheit für das, was ich für mich und für andere tun will.

Der Weg, den er ging, war alles andere als vorgezeichnet

Guido Fluri wurde 1966 in Olten als Sohn einer alleinerziehenden unmündigen Mutter geboren. Weil seine Mutter in dieser frühkindlichen Phase an Schizophrenie erkrankte, wurde er in der Folge an mehreren Orten fremdplatziert, unter anderem auch im Kinderheim Mümliswil. Danach nahm ihn seine Grossmutter in Matzendorf auf, wo er auch die obligatorische Schulzeit abschloss, ehe er eine Berufslehre absolvierte.

Mit seinem «Instinkt für unterbewertete Anlageobjekte», wie er selber sagt, baute Guido Fluri in der Immobilienkrise der 90er-Jahre ein umfassendes Immobilienportefeuille auf. Später kamen andere Geschäftstätigkeiten in der GF Group Holding dazu. 2010 wurde die Guido Fluri Stiftung gegründet, die von den Gewinnen der Holding gespeist wird und insbesondere bei der «Wiedergutmachungsinitiative» einer breiten Öffentlichkeit ein Begriff wurde.

Der heute 54-jährige Fluri ist Vater von drei Kindern im Alter von 14, 18 und 20 Jahren. Er wohnt mit seiner Frau in Cham (ZG). (bbr.)

Sie wurden und werden auch immer wieder einmal kritisiert: Die Art und Weise, wie sie mit Immobilien zu Reichtum gekommen sind, gefällt nicht allen.

Weil sie missverstehen, wie hart man arbeiten muss, um aus nichts etwas aufzubauen. Begonnen habe ich mit 20. Heute bin ich 54. Das Vermögen wurde ja auch nicht allein mit Immobilien aufgebaut, ich habe jahrzehntelang manchmal Tag und Nacht gearbeitet mit Beteiligungen in vielen Bereichen. Nur so habe ich von ganz unten den sozialen Aufstieg geschafft.

Und was ist mit dem Neid, der Ihnen entgegenschlägt?

Den spüre ich nicht, weil es mir in meinem Leben auch nicht um Selbstdarstellung geht. Jeder kann mich so sehen, wie er mag.

Sie haben in diesem Jahr einen grossen Teil Ihres Immobilien-Portefeuilles an Swiss Life veräussert. Weshalb haben Sie sich zu diesem Schritt entschlossen?

Wir haben jetzt dann seit bald zehn Jahren Nullzinspolitik und gleichzeitig einen erheblichen Anlagenotstand. Da schien mir der Zeitpunkt richtig, um mich von einigem zu trennen. Aber ich halte immer noch zahlreiche Immobilien. Es ist nicht so, dass ich mich zurückgezogen habe.

Sie müssen nach dieser Veräusserung ziemlich liquid sein ...

... ja, das schon. Abgesehen davon, dass ich einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag an Steuern entrichtet habe (lacht). Ich bin ein Unternehmer, der etwas mit seinem Geld anfängt und nicht einfach darauf sitzt. In meiner GF Group Holding finden Aktivitäten im Asset Management, in der Private Equity und im Real Estate statt. Das ist die Grundlage für meine Stiftungstätigkeit. Ein Drittel meiner Gewinne aus der Holding wurde in den letzten Jahren konsequent in die karitativen Projekte investiert.

Das ist ein gutes Stichwort: Bisher ging es um die Verdingkinder sowie den Kindes- und Erwachsenenschutz. Nun um eSports und Künstliche Intelligenz. Eine Strategieänderung?

Nein, mit meiner Stiftung bin ich nach wie vor stark in diesen Themen engagiert. Hier ist mein Herzblut. Aber mich interessiert auch die Digitalisierung, hier investiere ich geschäftlich. Auch, weil ich sehe, welchen Nutzen sie – zum Beispiel in der Medizin – für die Menschen haben kann. Denken wir an die technischen Möglichkeiten, welche die Digitalisierung in der Diagnostik hat oder an die Vorteile, die Roboterassistenten in Alters- und Pflegeheimen bringen können, wo ich beteiligt bin. Am Schluss geht es auch hier darum, Menschen helfen zu können.

Sie waren in diesem Jahr auf Lesbos, haben zusammen mit kirchlichen Partnern im Angesicht von Migration und Pandemie ein Hilfsprojekt lanciert.

Ja, das war eine unglaublich bedrückende Erfahrung. Aus der Idee ist zwischenzeitlich ein grosses Hilfsprojekt geworden. Wir haben das Spital vor Ort mit medizinischen Gütern wie Covid-Tests, Sterilisationsboxen, Beatmungsgeräten usw. ausgerüstet. Mich hat das Schicksal der in Moria gestrandeten Menschen derart beschäftigt, dass ich unbedingt etwas machen wollte. Und es hat mich auch belastet. Deshalb wird die Unterstützung auch weitergeführt, indem ich beispielsweise in ein Haus für gebärende Frauen investiere. Besonders gefährdete Personen brauchen Schutz.

Guido Fluri setzte in diesem Jahr im Zeichen von Flüchtlingsströmen und drohender Pandemie zusammen mit Kirchen ein medizinisches Hilfsprojekt auf der Insel Lesbos um.

Guido Fluri setzte in diesem Jahr im Zeichen von Flüchtlingsströmen und drohender Pandemie zusammen mit Kirchen ein medizinisches Hilfsprojekt auf der Insel Lesbos um.

Jojo Schulmeister

Sie übernehmen dabei Aufgaben, die eigentlich der Staat erfüllen müsste.

Das kann man tatsächlich so sehen. Aber es entbindet mich nicht von der Verantwortung, die ich spüre, wenn ich sehe, dass der Staat nicht in der Lage ist, seine Aufgaben zu erfüllen. Denn letztlich geht es um Menschen, die um ihr Leben kämpfen. Damit will ich nicht sagen, ich hätte kein intaktes Verhältnis zum Staat, im Gegenteil. Er ist Garant von Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Das schätze ich alles sehr hoch. Aber es braucht immer auch wieder das private Engagement. Mich beeindrucken Menschen wie Bill Gates. Ich finde es phänomenal, mit welcher Überzeugung und Potenz er auch in der Pandemie für Schutzlose tätig ist. Dagegen bin ich ein kleiner Fisch im Teich (lacht).

Dennoch gibt es Verwandtschaften: Gut wirtschaften, um wirksam helfen zu können. Nur: Wie grenzen Sie sich ab?

Es ist in der Tat so, dass ich noch tausend weitere Dinge unterstützen möchte als das, was ich bereits mache. Weil ich mit meiner Stiftung operiere, bin ich aber an deren Zweck gebunden. Und das ist gut so. Aber es stimmt natürlich, dass ich immer wieder ins Dilemma komme, wenn ich mit Anfragen um finanzielle Unterstützung konfrontiert werde. Die meiste Energie brauche ich dafür, Nein zu sagen und Menschen mit Absagen zu enttäuschen. Aber ich würde meine Engagements für den Kindes- und Erwachsenenschutz, für meine Medizinprojekte wie den Kampf gegen Hirntumore und den Einsatz für das Leben mit Schizophrenie gefährden, wenn ich das Füllhorn einfach über allen ausschütten würde.

Sagen Sie uns: Was treibt Sie im Moment um? Es gäbe tausend Ansätze im Moment ...

... ja, das ist wirklich so. Aber natürlich beschäftigten mich im Moment die Coronapandemie und ihre Folgen für die Gesellschaft. Auch hier ist Solidarität gefragt. Viele Menschen leiden, weil sie geliebte Freunde und Angehörige verloren haben. Weil sie keine Arbeit mehr haben oder vereinsamen. Wir alle sind auf uns selbst zurückgeworfen. Ich versuche trotzdem, an meinen Kernthemen dranzubleiben. Das heisst: Vor allem im Bereich des Kindesschutzes und der Aufarbeitung der Missbrauchsgeschichten bin ich weiter aktiv.

Was bedeutet das konkret in Bezug auf Ihre Projekte?

Ich mache inhaltlich weiter bei der Wiedergutmachungsinitiative! Für viele Gruppen von Betroffenen ist der Umgang der Schweiz mit der Vergangenheit ein Vorbild, darum ist man auch auf uns zugekommen. Ich habe nun ein europäisches Projekt zusammen mit über 15 Organisationen aus verschiedenen Ländern gestartet. Unser Ziel ist es, auf europäischer Ebene zu erreichen, was in der Schweiz mit dem Druck einer Initiative in eine gesetzliche Lösung gemündet hat. Das heisst, die breite Anerkennung der Missbrauchsopfer und ihrer Geschichte in den einzelnen Ländern.

Und was haben Sie sonst noch im Köcher?

Was mich immer noch sehr beschäftigt, sind die Missstände im Trennungs- und Scheidungsverfahren. Für mich ist klar: Hier braucht es eine vorgelagerte Stelle, ein eigentliches Kompetenzzentrum mit Fachleuten aus verschiedenen Disziplinen, die mit den Paaren auf einvernehmliche Trennungsvereinbarungen hinwirken, um diese unsäglichen «Scheidungskriege» zu verhindern, die vielfach nichts als Leid und Kosten hervorbringen. Nicht nur für die Eltern, sondern vor allem auch für die Kinder. Hier braucht es einen Systemwechsel.

Sie scheinen ein Mann für die grossen Dinge zu sein ...

... sagen wir es so: Ich bin einfach überzeugt davon, dass wir das, was wir für die Gesellschaft und die Menschen tun können, tun sollten. Nicht blindlings, aber mit Herz und Verstand. Ich habe zu den Projekten, die ich anpacke, gleichzeitig immer einen emotionalen und einen analytischen Zugang. Ich kann mich in Menschen und Situationen hineinfühlen und hineindenken – dann weiss ich, worum es geht und was zu tun ist. Da lasse ich nicht locker. Auch und gerade für Anliegen, die auf den ersten Blick unrealistisch erscheinen, weil häufig zu viele Hindernisse im Weg stehen.