Obergericht
Geld und Checks aus Post geklaut: «Ich war verzweifelt und depressiv»

Eine Ex-Mitarbeiterin des Briefzentrums Härkingen stahl Geld und Checks aus Wertbriefen. Der Wert: 42 000 Franken. Das Obergericht hat nun die Strafe gemildert.

Hans Peter Schläfli
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Eine Postmitarbeiterin öffnete Wertbriefe und klaute insgesamt 42 000 Franken (Symbolbild)

Eine Postmitarbeiterin öffnete Wertbriefe und klaute insgesamt 42 000 Franken (Symbolbild)

Keystone

«Ich war verzweifelt und depressiv», versuchte Besnike X.* am Mittwoch vor dem Solothurner Obergericht zu erklären, warum sie 2011 während sechs Monaten im Postverteilzentrum Härkingen Wertbriefe geöffnet hatte, um daraus Reka-Checks, Reisechecks und Bargeld zu stehlen. Eines ihrer Kinder und sie selbst seien schwer krank gewesen. Das gestohlene Geld habe sie gar nie ausgeben wollen. «Ich habe gewusst, dass ich irgendwann erwischt werde und dass der Tag kommt, an dem ich es zurückgeben muss.»

Vom Richteramt Thal-Gäu war die heute 37-jährige Serbin mit kosovarischen Wurzeln des gewerbsmässigen Diebstahls und der Geldwäscherei schuldig gesprochen und zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 12 Monaten mit einer Bewährungsfrist von zwei Jahren verurteilt worden.

Die Qualifikation der Diebstähle als gewerbsmässig und die Verurteilung wegen Geldwäscherei akzeptierte X. jedoch nicht; auch die Staatsanwaltschaft legte Anschlussberufung ein, weil sie die verhängte Strafe als zu mild einstufte. Anwalt Viktor Müller, der Besnike X. verteidigte, argumentierte in seinem Plädoyer, dass es sich bei den Diebstählen um einen Hilfeschrei gehandelt habe. «Sie lebte in schwierigen Familienverhältnissen mit häuslicher Gewalt», beschrieb er die Verzweiflung der depressiven Frau. «Der grösste Teil der gestohlenen 42 000 Franken war noch vorhanden, sie hat fast nichts verbraucht. Weil sie damit nicht den Lebensunterhalt bestritten hat, ist der Diebstahl nicht als gewerbsmässig zu bezeichnen», sagte der Verteidiger.

Täterin ging raffiniert vor

Staatsanwältin Melanie Wasem war anderer Ansicht: «Sie hat sich ihren Monatslohn von 3300 Franken mit durchschnittlich 7000 Franken mehr als verdreifacht.» Besnike X. sei mit krimineller Energie vorgegangen.

«Sie missbrauchte das Vertrauen des Arbeitgebers. Sie hat die Briefe wieder sorgfältig verschlossen, damit nichts auffiel. Es war schwierig herauszufinden, wo die Diebstähle stattfanden. Es mussten markierte Briefe verschickt und eine Kameraüberwachung installiert werden, um X. zu überführen.» Dass sie mit 12 600 Dollar in den Kosovo gereist war, um das Geld dort bar auf ihr Konto zu überweisen, erfülle zudem den Tatbestand der Geldwäscherei.

«Strafmildernd ist anzurechnen, dass sie persönlich in den Kosovo gereist ist, um das Geld zurückzubringen», fand aber auch die Staatsanwältin positive Punkte. «Das war ein sehr faires Verhalten, es wäre kompliziert geworden, das Geld mittels Rechtshilfeverfahren zurückzubekommen.» Dass Besnike X. bei einer Gefängnisstrafe ab einem Jahr der Entzug der Niederlassungsbewilligung droht, sei dagegen nicht strafmildernd zu werten. «Sie ist im Kosovo aufgewachsen und hat sich in der Schweiz kaum integriert. Es sollte ihr ohne Weiteres möglich sein, sich wieder im Kosovo zurechtzufinden.»

So verlangte die Staatsanwältin die Bestätigung des Schuldspruchs der Vorinstanz und dazu eine verschärfte Freiheitsstrafe von 18 Monaten bedingt.

Milderes Urteil des Obergerichts

Das Obergericht folgte dann aber den Argumenten der Verteidigung und verurteilte Besnike X. nur wegen mehrfachen Diebstahls und liess die Gewerbsmässigkeit fallen, weil sie mit dem Geld nie ihren Lebensunterhalt bestritten hatte.

Vom Vorwurf der Geldwäscherei wurde sie wegen eines Formfehlers freigesprochen: Angeklagt war sie nicht dafür, dass sie das Geld ausser Landes geschafft hatte, sondern dafür, dass sie die 12 600 Dollar im Kosovo auf ein Konto einzahlte. Dafür seien die Schweizer Gerichte nicht zuständig. Strafmildernd wurde X. angerechnet, dass sie den Schaden schon fast vollständig zurückerstattet hat.

Deshalb wandelte das Obergericht die Strafe in eine bedingte Geldstrafe von 270 Tagessätzen à 30 Franken (8100 Franken) um.

Name von der Redaktion geändert