Mehrere Schweizer Politiker wurden vergangenen Sonntag Opfer einer Cyberattacke – darunter auch der Gerlafinger SP-Nationalrat Philipp Hadorn. Nun wurde bekannt, dass auch Solothurner Kantonsräte Opfer der Erpresser-Mails wurden: CVP-Kantonsrat Josef Maushart und FDP-Kantonsrat Michael Kummli. «Es ist eine unglaubliche Geschichte», sagt der Solothurner Unternehmer Josef Maushart betroffen, «das ist eine Bedrohung einer nie da gewesenen Dimension».

Diese Mail beinhalte eine unglaublich kriminelle Energie. Die Ereignisse gehen dem sonst nicht aus der Ruhe zu bringenden und gefassten Unternehmer sichtlich nahe.

Erpressung per Mail

Die Nachricht sei vergangenen Sonntag auf seinem Mail-Account eingegangen. «Am 22.8. läuft eine Frist ab, welche über Ihr weiteres Schicksal sowie das Ihrer Familie und Ihrer Firma entscheidet.» Was ihm beim Lesen dieses ersten Satzes durch den Kopf gegangen ist? «Mir war sofort klar, dass es sich um eine ernst zu nehmende Angelegenheit handelt», so Maushart. Weil es dabei nicht nur um ihn selbst, sondern auch um die Menschen in der Firma und um seine Familie gehe.

Den Anhang habe er nicht geöffnet und seinen gesamten Computer der IT-Forensik der Polizei übergeben. «Meine erste Befürchtung war nämlich, dass die Erpresser einen Trojaner in meinen Computer schleusen wollen.» Das Gespräch mit der Kantonspolizei habe ihn etwas beruhigt, da er das Ganze von da an nicht mehr mit sich alleine ausmachen musste. Als er am Montag erfuhr, dass es kein individueller Angriff auf ihn und seine Firma war, sondern dass weitere Personen betroffen sind, sei eine grosse Last von ihm abgefallen. «Danach fühlt man sich wenigstens nicht mehr alleine, was in dieser Situation das Wichtigste ist.»

Erpressung durch Reputationsschaden Fraisa

Josef Maushart ist schockiert über diese Erpressungsmethode.

Erpressung durch Reputationsschaden Fraisa

Was aber nicht heisse, dass das Bedrohungspotenzial nicht real wäre. Denn in seinem Fall, als Industrieverbandspräsident, Firmenchef und kantonaler Politiker, sei das Reputationsrisiko erheblich. Das gelte auch für Firmen: Das Reputationsrisiko einer Firma sei heute ein wichtiger Bewertungsbestandteil. Man spreche nicht mehr nur über Brandrisiken und Kosten, sondern eben auch über das Reputationsrisiko. «Das Ausmass für die gesamte Firma, wenn ich hier als Chef der Fraisa in ein eigentümliches Licht kommen würde, wäre enorm.»

1100 Franken in Bitcoins

Die Forderungen sind detailliert beschrieben. Maushart hätte laut den Erpressern bis gestern um 16 Uhr 1100 Franken auf ein Bitcoin-Konto überweisen müssen. Die Folgen – wenn der Betroffene nicht bezahlt – sind in sieben Stufen eingeteilt: Zuerst erstelle man Ebay-Auktionen unter seinem Namen, dann würden sexistische und rassistische Äusserungen folgen, welche in seinem Namen von einem gefälschten E-Mail-Account aus versendet werden. Bei der letzten Stufe werde das Gesicht des Betroffenen aus Bildern ausgeschnitten und in pornografische Videos mit Kindern eingefügt. Es ist auch immer das Ziel der Stufe angegeben.

Anonyme Absender erpressen Nationalräte per Mail

Anonyme Absender erpressen Nationalräte per Mail

Diese fordern die Nationalräte auf, Geldüberweisungen zu tätigen. Bei Nichterfüllung drohen sie, ihr Leben zu zerstören.

Bei der letzten Stufe: internationaler Haftbefehl. «Dies würde mich sozusagen mit juristischen Herausforderungen bombardieren», so Maushart. «Es wird mit der Zerstörung der eigenen Person und des ganzen Umfeldes gedroht», fasst er zusammen. Im Mail wird erläutert, dass es überhaupt keinen Sinn machen würde, Gegenmassnahmen zu ergreifen. Die Server seien abgesichert und eine Rückverfolgung sei unmöglich. Bezahlt habe er natürlich nicht. Was nun passiert, weiss niemand.

Ermittlungen sind schwierig

Für die drei Erpressungsfälle, welche im Kanton Solothurn bis jetzt gemeldet wurden, ist die Kantonspolizei zuständig. Man arbeite laut der Mediensprecherin der Kantonspolizei Solothurn, Astrid Bucher, jedoch mit dem Bundesamt für Polizei (fedpol) und der Meldestelle «MELANI» zusammen. «Die Ermittlungen gestalten sich schwierig», sagt Bucher, da sich die Täter geografisch irgendwo auf dieser Erde aufhalten können und sich die Zusammenarbeit in Ermittlungen mit anderen Ländern unterschiedlich gestalte. «Bekanntlich ist das Internet eine anonyme Angelegenheit – es bieten sich gute Verschleierungsmöglichkeiten.»

Die Frage, warum die Täter mit den Erpressungsversuchen offensichtlich auf Politiker abzielen, ist noch nicht geklärt. «Die Bekanntheit und Reputation dürfte nach ersten Erkenntnissen ein Grund für die Auswahl der Opfer sein», heisst es von der Kantonspolizei. Bucher rät: Man dürfe sich auf keinen Fall durch E-Mails oder Inhalte von Websites einschüchtern lassen und nie auf Forderungen eingehen. «Zahlen Sie nicht, auch wenn die Erpresser sich eindringlich melden.» Bei begründetem Betrugsverdacht oder Erpressung müsse in jedem Fall Anzeige erstattet werden.

Nur leere Drohungen?

Ob tatsächlich etwas passiert oder ob es sich um leere Drohungen handelt, kann zurzeit niemand beurteilen. Im Moment gehen wohl die meisten Betroffenen davon aus, dass es sich um leere Drohungen handelt, sagt Josef Maushart. «Doch man darf nicht vergessen, dass heute in der digitalen Verarbeitungstechnik grundsätzlich die Möglichkeit besteht, fast alle Inhalte zu fälschen – auch Videos.» Es stelle sich immer die Frage nach der Wahrscheinlichkeit und dem Ausmass. «Die Wahrscheinlichkeit ist – glaube ich – gering. Aber das Ausmass wäre dramatisch für die Betroffenen.» Alleine schon, weil man sich unendlich damit beschäftigen müsste, so Maushart.

«Das Veröffentlichen ist der beste und vermutlich auch der einzige Schutz.» Josef Maushart geht es mit seinem Schritt an die Öffentlichkeit erstens darum, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, was heute im digitalen Bereich an Bedrohungsszenarien möglich ist. Zweitens wolle er damit allfällig betroffene Personen schützen. Je breiter die Bevölkerung über die Drohungen informiert sei, umso weniger könne betroffenen Personen geschadet werden, ist er überzeugt. «Die Medien können vielleicht mehr zum Personenschutz beitragen als es die Polizei hier kurzfristig tun kann.» Denn wenn da tatsächlich ein Mechanismus sei und diese sieben Schritte automatisch ausgeführt würden, hätten Betroffene keine Chance, etwas dagegen zu unternehmen, so Maushart.

Und wie geht es weiter? «Ich kann nicht mehr dagegen unternehmen als damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Auch wenn ich mich damit sehr exponiere.» Nun heisse es: abwarten.