Kritik am Vorgehen des Kantons

Geht es in Solothurn mit der integralen Öffnung der Schulen zu schnell?

Am 11. Mai kommt wieder Leben in die Klassenzimmer, für manche etwas zu schnell.

Am 11. Mai kommt wieder Leben in die Klassenzimmer, für manche etwas zu schnell.

Am Vorgehen zur Wiedereröffnung der Schulen im Kanton Solothurn wird Kritik laut. Schon der Lehrerverband hatte bedauert, dass es keine verbindlichen Abstandsregeln gibt. CVP-Kantonsrat Peter Brotschi nennt den integralen Start mit ganzen Klassen «nicht nachvollziehbar» und «völlig verfehlt».

Wenn der Kantonsrat nach der abgesagten Märzsession heute erstmals wieder tagt, wird die Bewältigung der Coronakrise zwangsläufig ein zentrales Thema sein. Das Parlament muss nachträglich die verschiedenen von der Regierung notrechtlich erlassenen Verordnungen genehmigen, etwa zur Abfederung der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie für Gewerbetreibende, Kulturschaffende und Kindertagesstätten. Kein Thema – oder zumindest nicht offiziell traktandiert – ist die Rückkehr zum Regelbetrieb in der Volksschule, an der es aber durchaus Kritik gibt.

Mit Blick auf die reich befrachtete Traktandenliste nach dem Ausfall der Märzsession verzichte er auf einen dringlichen Vorstoss, sagt CVP-Kantonsrat Peter Brotschi (Grenchen). Dafür macht er ein Schreiben an Bildungsdirektor Remo Ankli öffentlich, in dem er das Schutzkonzept für die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts scharf kritisiert. Die integrale Öffnung der Schulen mit ganzen Klassen sei für ihn «nicht nachvollziehbar» und «völlig verfehlt», es wäre eine vorsichtigere Vorgehensweise angezeigt gewesen, so der ehemalige Lehrer.

Besser ein Vorbild an Zürich genommen

Es gibt durchaus Kantone, etwa Zürich, die trotz grünem Licht vom Bundesrat den Schulbetrieb langsamer hochfahren als Solothurn. Im Kanton Zürich werden die Schulen in zwei Schritten geöffnet. Hier gehen die Kinder vom Kindergarten bis zur Oberstufe vorerst nur halbtags, in kleineren Gruppen und mit reduziertem Stundenplan zur Schule. Klassen mit mehr als 15 Schülern werden geteilt. Die eine Hälfte geht am Morgen, die andere am Nachmittag zur Schule.

Dieses Modell mit dem Halbklassenunterricht sei für ihn vorbildlich, lässt Kantonsrat Brotschi Bildungsdirektor Remo Ankli und «seine» CVP-Regierungsräte Roland Heim und Roland Fürst in einer E-Mail wissen. Die integrale Öffnung der Schulen im Kanton Solothurn hält er hingegen für «rein politisch begründet» und wohl eher dem Druck der Wirtschaftsverbände geschuldet.

Die offizielle Version, weshalb man die Rückkehr zum normalen Schulbetrieb für verantwortbar hält, ist freilich eine andere. Die Öffnung der Schulen wird hauptsächlich damit begründet, dass sich gezeigt hat, dass Kinder bei der Verbreitung der Pandemie keine grosse Rolle spielen. Und bei einer Erkrankung zeigen sich bei ihnen auch meist nur schwache oder sogar gar keine Symptome. Dieses Argument will Kantonsrat Brotschi aber nicht gelten lassen. Es gebe schlicht noch keine gesicherten Daten, wie das Verhalten der Kinder in Sachen Corona wirklich ist. In der Tat scheint es zwar so, dass im Gegensatz etwa zur Grippe Kinder keine Treiber der Coronapandemie sind. Es gibt aber auch Studien, wonach sie grundsätzlich genauso ansteckend sind wie Erwachsene.

In Zürich begründet denn Bildungsdirektorin Silvia Steiner den Halbklassenunterricht neben pädagogischen durchaus auch mit epidemiologischen Argumenten. Zwar gibt es auch hier für die Kinder keine verbindlichen Abstandsregeln. Aber wenn weniger Kinder im Klassenzimmer sind, werde die ohnehin geringe Ansteckungsgefahr weiter vermindert. Und es sei in kleinen Gruppen auch einfacher, den Kindern die Hygienevorschriften beizubringen und die Einhaltung durchzusetzen, so Steiner
Inzwischen ist bekannt, dass auch die Corona-Taskforce des Bundes eine schrittweise Öffnung der Schulen mit maximal 15 Schülern pro Klasse vorgeschlagen hatte.

Auch Solothurner Lehrerschaft ist skeptisch

Auch der Solothurner Lehrerverband hätte sich offenbar ein ähnliches Modell wie in Zürich gewünscht. Präsident Mathias Stricker äusserte jedenfalls bei der Bekanntgabe der Richtlinien für den Präsenzunterricht am vergangenen Donnerstag sein Bedauern, dass der Regierungsrat im kantonalen Schutzkonzept nicht auf den Vorschlag der Lehrerschaft für klare Distanzregeln eingetreten sei. Und mit solchen wäre es wohl auf den Halbklassenunterricht wie in Zürich hinausgelaufen.
Der Solothurner Bildungsdirektor Remo Ankli stellte sich auf Nachfrage dazu aber auf den Standpunkt, für die Rückkehr zu einem normalen Schulbetrieb wären solche Distanzregeln in der Praxis gar nicht umsetzbar.

Autor

Urs Moser

Urs Moser

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