Kanton Solothurn

Gegen das Artensterben: Wie sich ein Lehrer und ein Landwirt für mehr Biodiversität einsetzen

Adolf Wyss (links) hat auf einer Fläche von rund 30m2 aufgehört, Rasen zu mähen – am geschnittenen Gras haben nun auch seine Hühner Freude. Seine Biodiversitätsfläche macht fast die Hälfte der bisher gesammelten Flächen im Kanton aus: Landwirt Bobst (rechts) auf der 11'500 m2 grossen Blumenwiese.

Adolf Wyss (links) hat auf einer Fläche von rund 30m2 aufgehört, Rasen zu mähen – am geschnittenen Gras haben nun auch seine Hühner Freude. Seine Biodiversitätsfläche macht fast die Hälfte der bisher gesammelten Flächen im Kanton aus: Landwirt Bobst (rechts) auf der 11'500 m2 grossen Blumenwiese.

Lehrer Adolf Wyss mäht keinen Rasen mehr, Landwirt Pirmin Bobst überlässt eine Wiese der Natur. Gemeinsam mit Dutzenden anderen im Kanton schaffen sie Platz für mehr Biodiversität. Im Rahmen einer SRF-Aktion werden Blumenwiesen erfasst, Biotope aufgewertet und Balkongärtchen geschaffen. In einem Kanton, der in den vergangenen Jahren einiges an Artenvielfalt verloren hat.

Adolf Wyss wuchs als Bauernsohn in Attiswil auf. «Während andere in den Schulferien baden gingen, war ich auf dem Feld Kartoffeln ernten», erinnert sich der heute 64-Jährige, der Lehrer ist und in Solothurn an der Grenze zu Biberist wohnt. Damals sei man froh gewesen, als Pflanzenschutzmittel aufkamen und man weniger jäten musste. Doch noch als Bauernsohn erlebte Wyss das Umdenken zurück zu einem «biologischen Betrieb», wie es Wyss ausdrückt. Diesen führten Vater und Mutter, welche jeden Samstag auf dem Solothurner Märet Gemüse verkaufte.

Und das, was er als Kind gelernt hat, setzt er heute noch um – in seinem Garten um das Haus, in dem er schon fast vierzig Jahre lebt. Das Grundstück ist durch ein dichtes Blätterdach vor Blicken von aussen geschützt. Wer eintritt, findet ein kleines Paradies. Ein Hühnerstall, ein Holzhäuschen, Zwetschgen-, Apfel-, und Birnbäume, ein Gemüsebeet und überall Sitzbänke und Blumentöpfe – keine Unordnung, aber ein heimeliges Wirrwarr. Die Natur hat Platz. Das sei ihm wichtig, so Wyss. Der Lehrer düngt ausschliesslich mit Kompost und Kot von seinen Hühnern, die jeden Tag vier Eier legen und die er selbst schlachten wird. Auch das kann er noch von früher.

Im Holzhäuschen, das laut Wyss schon 100-jährig ist, klingt das Radio. Hier hörte Wyss zum ersten Mal von der «Mission B» – einer Aktion des Schweizer Radio und Fernsehens. Dieses sammelt seit diesem Frühjahr Biodiversitätsflächen. Wyss fand: eine gute Sache. Und er erfasste ebenfalls eine Fläche online. Auf 30m2 Rasen hat er aufgehört zu mähen. Lediglich mit der Sense geht er jeweils vor der Arbeit über das Grün und wirft Klee und Gras in den Hühnerstall. «Ich finde es gut, dass man jetzt über das Thema spricht», so Wyss über die Aktion. Auf das Thema «flippe» man im Moment ja wieder.

«Ein Zeichen setzen» für die Landwirtschaft

Das Thema Biodiversität will SRF mit der Aktion auch fördern. Online lassen sich Flächen eintragen, die für einheimische Arten geschaffen wurden. Im Kanton ist bisher eine Fläche von 30 000 m2 neu geschaffen oder umgestaltet worden.

Die grösste davon gehört Pirmin Bobst. 11 500 m2 gross ist die Blumenwiese auf dem Grundstück des Landwirtschaftsbetriebes von Bobst in Oensingen – fast die Hälfte also der gesammelten Fläche im Kanton. Eine grosse Blumenwiese, die ein Stoppelfeld umrahmt. Zuvor sei das einfach ungenutzt Fläche gewesen, so Bobst. Im Frühling habe er dann ausgesät, im Sommer habe es richtig geblüht. Und Bobst hat das Ganze auf der Mission B eingetragen. Auch beim Bund ist die Fläche registriert – für Biodiversitätsflächen erhalten Bauern nämlich Direktzahlungen. Dafür gibt es auch Bedingungen: Hier darf nicht gespritzt, und nur von Hand gejätet werden. Disteln mit Wurzeln von bis zu zwei Metern habe er hier schon herausgezogen, erklärt der Bauer.

Mindestens 7 Prozent der Fläche müssen Bauern für ihre Direktzahlungen der Natur überlassen – wie das Bobst auf dieser Wiese tut. Was Bobst wurmt: «Das wissen die wenigsten. Stattdessen schiesst man gegen die Bauern, wirft ihnen vor, sie zerstörten die Natur – und geht gleichzeitig nach Deutschland einkaufen, weil man für regionale Produkte nicht bezahlen will.» Deshalb ist Bobst bei der Mission B dabei: «Ich wollte ein Zeichen setzen. Zeigen, dass wir nicht einfach nichts tun.» Auch auf seinem Privatgrundstück hat Bobst eine Fläche eingetragen. Ein Teich, daneben ein Blumenbeet, ein Steinhaufen, dahinter etwas wilde Wiese. Ein Paradies für Bienen, Eidechsen und Libellen, sagt Bobst. Noch ist der Teich etwas karg, Bobst hat neue Folie ausgelegt, Schilf gibt es deshalb noch nicht. Aber: «Das ist Natur. Das braucht jetzt einfach seine Zeit.»

Direkt neben dem Bio-Teich findet sich fein säuberlich geschnittener Rasen. Hinter der Blumenwiese geht eine Strasse durch. «Vor ein paar Jahren war hier noch alles grün», sagt Bobst und deutet auf den überbauten Hügel hinter der Biodiversitätsfläche. Jeder und jede könne etwas bewirken, indem man schon nur einen Drittel des Gartens etwa der Natur überlässt. Bobst ist sich aber auch bewusst: «Damit können wir nicht die Welt retten.»

Ausgestorben im Kanton: Braunkehlchen und Rebhuhn

«Der Zustand der Biodiversität in der Schweiz ist unbefriedigend», heisst es auf der Website des Bundesamtes für Umwelt. Ein Drittel der Arten sei bedroht, ebenso die Hälfte der Lebensräume. Eine generelle Aussage zum Stand im Kanton Solothurn lässt sich nicht machen. Es gibt keine Messungen dazu. Thomas Schwaller, Leiter der Abteilung Natur und Landschaft beim Amt für Raumplanung, erklärt aber, dass sich die Vielfalt in einigen Naturreservaten oder auf speziellen Förderflächen halten kann. Schwaller sagt aber auch: «Ausserhalb dieser Schwerpunktgebiete hat die Biodiversität infolge Lebensraumverlustes seit Mitte des letzten Jahrhunderts starke Verluste erlitten.» So sind im Kanton Solothurn beispielsweise Braunkehlchen, Wiedehopf, Rotkopfwürger, Rebhuhn, Apollofalter, Grosse Moosjungfer, Sumpf-Glanzkraut und andere Arten ausgestorben.

Der Kanton ist verpflichtet, diesem Verlust entgegenzuwirken. Es gibt einen nationalen Aktionsplan Biodiversität; der Kanton leiste mit Naturschutzprogrammen und der kürzlich beschlossenen Strategie «Natur und Landschaft 2030+» seinen Beitrag dazu, so Schwaller. Die Landschaften im Kanton an sich bezeichnet Schwaller als vielfältig: Schwemmebenen entlang von Aare und Emme, Hügellandschaften, Jurasüdfussflächen, Juraketten, Täler. Dies sei eine Chance. Diese müsse aber genutzt werden.

Das soll mit den erwähnten Programmen geschehen. Für das Mehrjahresprogramm Natur und Landschaft hat der Kantonsrat 2008 45 Millionen Franken gesprochen, für die Strategie Biodiversität im Wald zwei Millionen, um so etwa Altholzinseln oder Biotope zu fördern. Weil beide Programme 2020 auslaufen, erarbeitet der Kanton derzeit Folgeprogramme.

In der Strategie Natur und Landschaft 2030+ sind verschiedene Handlungsfelder definiert. Darunter auch: Biodiversität im Siedlungsraum. «Gerade im Siedlungsraum ist auch in unserem Kanton ein grosses noch ungenutztes Potenzial zur Förderung einheimischer Tiere und Pflanzen vorhanden», sagt Schwaller. Zur «Mission B» meint er deshalb: «Wir begrüssen grundsätzlich jeden auch noch so kleinen Beitrag zu mehr Biodiversität im Kanton Solothurn.» Gebe es eine Vielfalt an Tieren und Pflanzen bedeute dies nämlich auch, dass die Qualität des Lebensraumes für den Menschen stimme – keine Schädlinge begünstigt werden und keine Pflanzen aussterben, die der Mensch für die Produktion von Nahrungs- oder Heilmitteln braucht.

Zurück zu diesem Siedlungsraum, wo auch Adolf Wyss versucht, einen Beitrag zu leisten: «Ich glaube schon, dass die Aktion etwas bewirkt.» Schon im Lehrerzimmer habe er Kollegen darüber sprechen hören. Und Landwirt Bobst meint: «Wir alle können der Natur etwas zurückgeben – auch wenn wir jetzt keine 180-Grad-Kehrtwende machen können.»

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