Er selbst sagte, sein Vorstrafenregister sei «eine halbe Papierfabrik». Und als der Angeklagte Kuno W. diesen Satz am Freitag vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern zum besten gab, war nicht ganz klar, ob er seine Worte selbstironisch meinte oder ob nicht auch eine Prise Stolz mitschwang.

Denn Kuno W. sieht sich als Kämpfer gegen Ungerechtigkeiten im Justiz- und Staatsapparat. Dass er mit seinem Handeln anderen Menschen Angst einjagt, blendet der 55-Jährige aus. Nicht weniger als 30 schriftliche und 12 telefonische Meldungen sind beim kantonalen Bedrohungsmanagement über ihn registriert. «Den Standard-Beamten muss man zwingen, damit er etwas macht», versuchte er, seine Drohungen als bewusst eingesetzte «Motivationsspritze» zu verkaufen. «Ich muss nur den Namen des Zuger Attentäters, Fritz Leibacher, nennen und schon springen alle Leute.» Wo Behörden aber nicht nach seinem Gusto handeln, da wird er wütend, beschimpft, droht, beleidigt. Kompromissbereitschaft zeigt er keine. «Ich bin in einem asymmetrischen Kriegszustande mit dem Staat», sagt er. «Ich schreibe so viel und ich habe so wenig Wirkung. Zwischendurch muss man etwas machen. Sonst passiert nichts.»

Passiert ist schon einiges: Es blieb nicht bei Drohungen. Im Juni 2016 rastete Kuno W. im Solothurner Gerichtsgebäude aus. Er biss einen Oberrichter in den Daumen und schlug einen Gerichtsschreiber ins Gesicht. Später griff er im Untersuchungsgefängnis mehrere Personen an. Das sind einige der Gründe, warum der geschiedene Familienvater, der schon 2006 einen Staatsanwalt angegriffen hatte, am Freitag vor Gericht stand. Angeklagt ist er in nicht weniger als 15 Punkten, unter anderem wegen mehrfach versuchter schwerer Körperverletzung, Drohung gegen Behörden oder Verleumdung. Zudem hat er eine Staatsanwältin mit obszönen Worten beleidigt.

Am Gericht war einiges anders

Einiges war anders, als am Freitag im Solothurner Amthaus der Prozess begann. Nicht nur kontrollierte die Polizei alle Besucher, darunter etwa den St. Ursen-Brandstifter, der in Kuno W.s Gefolge auftrat. Vorne am Richterpult sass auch ein Mann, den man dort sonst nicht sieht:

Um Befangenheitsvorwürfen von W. vorneweg entgegenzuwirken, hat das Gericht entschieden, einen externen Richter beizuziehen: Den Prozess führt deshalb Markus Christ, Amtsgerichtspräsident von Dorneck-Thierstein. Ihm zur Seite stehen die Amtsrichter Rolf Hofer und Markus Zubler. Dass letzterer der Vater einer Untersuchungsbeamtin bei der Staatsanwaltschaft ist, sorgte bei W.s Anwalt für Missmut. Er warf ihm Befangenheit vor.

Die spannendste Frage am Prozesstag vom Freitag: Wie wird einer zu einem, der droht und von anderen gar als tickende Zeitbombe gefürchtet wird? Seine Kinder, sein Haus habe ihm der Staat weggenommen, meint Kuno W., der offensichtlich zu intelligent ist, um einfach nur als Polteri abgestempelt zu werden.

Seit dem «Vorfall» mit seinen Kindern habe W. – in paranoider Weise – das Bedürfnis, wieder Gerechtigkeit herzustellen, sagte Steffen Lau, der psychiatrische Gutachter. Dabei habe W. die Tendenz, hinter dem Handeln der Behörden nur etwas zu sehen, das ihm Schaden zufügen wolle. Als ironisch, sarkastisch, gewitzt bezeichnete ihn der Gutachter. «Er argumentiert sehr geschickt. Er braucht eine Bühne, um darzulegen, dass er jemand ist, der das System vor sich hertreiben kann.» Kuno W. und sein Verteidiger kritisierten, dass der Gutachter nur ein Aktengutachten erstellt hatte.

Wie gefährlich ist der Mann?

Was soll man mit einem Mann tun, der andere immer wieder bedroht? Wie gefährlich ist der passionierte Jäger und Waffennarr? Und welche Perspektiven hat er für sein Leben? Das muss das Gericht derzeit neben dem reinen Strafmass abklären. Und die drei Richter gaben sich sichtlich Mühe, in ihren Fragen den Weg für eine gangbare Zukunft auszuloten. W. zuckte zusammen, als das Wort Verwahrung fiel, das er aufgrund seiner Delikte für nicht möglich hält.

Der psychiatrische Gutachter selbst riet dem Gericht mehr oder weniger direkt von einer stationären therapeutischen Massnahme ab, weil sie keine Aussicht auf Erfolg hat. Kuno W. könne kaum eine von Staat und Behörden angeordnete therapeutische Massnahme akzeptieren. Denn um zu einem Vorschlag des Gerichtes Ja zu sagen, müsste W. seine seit Jahrzehnten gepflegte Aversion gegen den Staat teilweise aufgeben und eingestehen, dass dieser auch mal richtig liegen kann. «Das hiesse: Das System hat recht und das darf aus seiner Sicht nicht sein», so Gutachter Steffen Lau.

Kuno W. möchte am liebsten selbst über seine Zukunft entscheiden. Sein eigener Vorschlag: «Bringen Sie mich nicht mehr in dumme Situationen. Geben Sie mir 300'000 Franken, dann stellen wir etwas auf die Beine.» Am liebsten möchte der passionierte Schütze und Jäger in Oesterreich eine Lehre als Büchsenmacher absolvieren. Eine ungewohnte Massnahme wäre dies, mit der das Gericht Geschichte schreiben könne, so W.

Ob er je jemandem etwas antun werde, wollte der Gerichtspräsident von W. wissen. Er könne das nicht garantieren, sagte dieser. Aber kein Mensch, der ehrlich sei, könne dies. Weniger Bedenken hatte der Gutachter. Die Zwischenfälle entstünden «situativ im Rahmen von Auseinandersetzungen und bei dauerhaften Anspannungen», sagte er. Dabei müsse nicht zwangsläufig jede Begegnung mit der Staatsmacht gefährlich sein. «Er ist ja in der Lage, eine solche Situation wie den Prozess heute hinzukriegen.» Und kaum Probleme sah der Gutachter bezüglich der Liebe zu Waffen von Kuno W. «Er hat keine Waffenaffinität, die wir als problematisch sehen. Es ist nicht zu befürchten, dass er sich mit Waffen vorbereitet, um ein Fanal zu setzen.»

«Sie haben einen enorm starken Willen», sagte Gerichtspräsident Markus Christ zum Angeklagten. «Sie könnten viel erreichen, wenn sie die negative Energie positiv aufwenden würden.»

Am Montag wird das Gericht weitere Zeugen anhören und die einzelnen Anklagepunkte durchgehen. Am Dienstag sind die Plädoyers. Die Urteilsverkündung ist für den 28. Februar vorgesehen.