Psychiatrie-Spitex

Gefangen in einem Netz voller Ängste – wenn der Alltag aus dem Ruder läuft

Der Lockdown kann Menschen mit Angsstörungen zusätzlich in eine Krise stürzen.

Der Lockdown kann Menschen mit Angsstörungen zusätzlich in eine Krise stürzen.

Die Psychiatrie-Spitex im Kanton Solothurn ist aktuell stark gefordert. Dennoch werden weniger Stunden als sonst geleistet.

Der Notstand ist für die ganze Gesellschaft eine beängstigende Situation. Am schlimmsten ist die Lage für diejenigen, die schon vorher mit Angststörungen und Überforderung zu kämpfen hatten, besonders, wenn sie allein leben oder alleinerziehend sind. Die Psychiatrie-Spitex hilft. Vorausgesetzt, die Klientinnen und Klienten öffnen den Angestellten noch die Tür. Stets bedrängt von Ängsten zu versagen, um ihre wirtschaftliche Existenz oder um die Zukunft der Kinder, werden solche Personen jetzt überwältigt. Die Angst, sich zusätzlich mit einer neuartigen Krankheit anzustecken, ist zu viel für sie.

«Gewisse Klienten scheuen seit dem Ausnahmezustand jeden Kontakt mit ihren Spitex-Betreuenden. Das gibt uns ein sehr ungutes Gefühl, denn wir spüren, dass ihr Bedarf an Hilfe zugenommen hat.» Das sagt Doris Neukomm, Geschäftsleiterin der Spitex Gäu. Diese Spitexorganisation hat im Kanton die grösste Abteilung der Psychiatrie-Spitex. Deren acht Angestellte erbringen auch Leistungen für die umliegenden Spitex-Regionen. Anders als bei der Körperpflege, bei welcher die Angestellten die Kundschaft jeden Tag sehen, kommt die Psychiatrie-Spitex in der Regel einmal pro Woche für eine Stunde vorbei.

Nachholbedarf nach dem Notstand erwartet

Die mehrheitlich betagte Kundschaft der «normalen» Spitex verarbeiten Ängste und Isolation nach Aussage von Neukomm mit Reden und wollen die Angestellten jetzt manchmal kaum mehr gehen lassen. Die Kundinnen und Kunden der Psychiatrie-Spitex sind hauptsächlich im erwerbstätigen Alter. Sie neigen im Krisenmodus dazu, Unterstützung auszusperren.

Bis letztes Jahr habe der Bedarf an Psychiatrie-Spitex-Leistungen zugenommen. Zuletzt seien es pro Monat bis zu 550 Stunden gewesen. Seit Februar sinken die Leistungsstunden, aktuell seien es monatlich noch etwa 300, sagt Neukomm. «Ich bin überzeugt, dass wir nach dem Notstand eine Menge Probleme aufarbeiten müssen. Dann dürfte der Bedarf in die Höhe schnellen und über Monate auf hohem Niveau verharren.»

Franziska Thomet, Leiterin Pflege und Pflegefachfrau Psychiatrie bei der Spitex Gäu, erklärt, dass die meisten Klientinnen und Klienten den ersten zwei Wochen der Krise gewachsen waren. Seit Anfang April laufe der Alltag bei vielen aus dem Ruder. «Je länger, desto schlimmer.» Allfällige Erwerbsarbeit, oft in der Gastronomie, ist weggebrochen, die Tagesstrukturen fehlen und einige Psychiater halten gemäss Thomet die Patientengespräche nur noch per Telefon ab. Dafür ist mit dem Fernunterricht der Kinder eine neue Herausforderung entstanden. Inzwischen schätzt sie, dass die Situation 30 bis 40 Prozent der Klientinnen und Klienten (es sind mehr Frauen als Männer) über den Kopf gewachsen ist.

Das Notfalltelefon läuft heiss

«Einerseits haben diese Leute die Tendenz, die Besuche von uns abzusagen oder sie weigern sich, neue Termine zu vereinbaren. Andererseits melden sie sich dann am Wochenende bei mir am Notfalltelefon, erschöpft, verzweifelt und gelegentlich in Tränen aufgelöst», sagt Thomet.

Was die Situation verschärft, sind die Grenzen der fernmündlichen Betreuung. «Aufgrund unserer strengen Datenschutz- und Vertraulichkeitsbestimmungen können wir Videotelefonie in Form von Skype oder Whatsapp nicht verwenden», erklärt Thomet. «Doch das Telefon, mit dem wir nun arbeiten, wenn der persönliche Besuch verweigert wird, zeigt ja kein Gesicht und damit keine Mimik.» Bei gewissen Klientinnen und Klienten klappe die telefonische Betreuung gut, bei anderen nicht.

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