Findlingsflora
Gefährdete Moos-Arten: Biologe will grüne Inseln schützen

Daniel Hepenstrick erforscht die Flora auf Findlingen. Diese ist im Mittelland einzigartig und gefährdet. Der Biologe will herausfinden, wie man sie erhalten kann.

Alice Guldimann
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 Daniel Hepenstrick arbeitet an seiner Doktorarbeit zur Naturschutzbiologie der Findlingsflora.
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Doktorarbeit zur Naturschutzbiologie der Findlingsflora
 Die Moose, die auf ihnen wachsen, sind im Mittelland einzigartig und teilweise gefährdet.
 Die Findlinge kamen wurden mit der letzten Eiszeit hierher transportiert und blieben am Jurasüdfuss liegen.
 Die Findlinge sind aus Granit, während die Gesteine des Jura vornehmlich kalkhaltig sind.
 Für seine Arbeit hat sich Hepenstrick mit Pro Natura zusammengetan, hier mit Vertreter René Amstutz zu sehen.
 Daniel Hepenstrick und René Amstutz untersuchen einen Findling, der für Hepenstricks Arbeit freigelegt wurde.

Daniel Hepenstrick arbeitet an seiner Doktorarbeit zur Naturschutzbiologie der Findlingsflora.

Michel Lüthi/bilderwerft.ch

Daniel Hepenstrick hält sein Auge ganz nahe an den moosbewachsenen Stein und blickt durch eine kleine Lupe, die er an einem Band um den Hals trägt. «Himbeer-Kissenmoos», erkennt er sofort. Seit vier Jahren beschäftigt sich Biologe Hepenstrick im Rahmen seiner Doktorarbeit mit der Flora auf Findlingen. Im Wald hinter Feldbrunnen-St. Niklaus liegt eines von acht Gebieten, die er genau untersucht. Hier gibt es hunderte Findlinge, 20 davon hat er ausgesucht, um ihren Bewuchs zu erforschen.

Die Granit-Findlinge sind wie kleine Inseln, auf denen Pflanzen wachsen, die es sonst im Mittelland nicht gibt. Hier sind die Gesteine kalkhaltig und so für viele Moos-Arten unbewohnbar. Obwohl die Findlinge seit vielen Jahrtausenden am Jurasüdfuss liegen, entspricht die Flora derjenigen der Alpen, wo sie ursprünglich herkommen. Warum genau das so ist, darauf hat die Wissenschaft noch keine abschliessende Antwort. Eine Theorie lautet, dass die Moose und Flechten sich durch Sporen aus der Luft angesiedelt haben, die aus dem Schwarzwald stammen könnten.

Der Trickder Moose

Diese einzigartige Flora ist gefährdet: Luftverschmutzung, Verdunkelung der Wälder, Freizeitnutzung der Findlinge und seit neustem der Klettersport setzen den Pflanzen zu. Hepenstrick will in seiner Arbeit aufzeigen, wie es um die Findlingsflora steht und wie man sie erhalten und fördern kann. Dafür hat er sich mit Pro Natura zusammengetan. In dem Waldgebiet bei Feldbrunnen-St. Niklaus hat er 75 Moosarten gefunden, acht davon sogenannte Findlingsmoose. Einige davon stehen auf der Liste für gefährdete Arten des Bundesamtes für Umwelt.

Hepenstrick zeigt auf einen Findling, der auf einer kleinen Lichtung der Sonne ausgesetzt liegt. Er ist Teil seiner Arbeit, ein Experiment. Gemeinsam mit dem Förster wurde der Stein freigelegt, um zu sehen, wie die Moose auf die veränderten Bedingungen reagieren. «Viele Findlingsmoose haben es gerne hell», so Hepenstrick. Und tatsächlich hat sich in den letzten drei Jahren etwas getan. Das Zypressen-Schlafmoos, das bei uns am häufigsten vorkommt, ist von dem Stein fast verschwunden. Grundsätzlich sind Moose aber äusserst resistent. Ihr Trick: Ohne Wasser können sie vollständig austrocknen, wenn es regnet aber problemlos weiterwachsen.

Ein paar hundert Meter weiter steht ein grosser Felsblock, den Kletterer zum Bouldern nutzen. Hepenstrick zeigt auf die Stellen, die geputzt wurden oder wo Magnesiumpulver genutzt wurde. Sie sind deutlich heller als der Rest des Findlings. «Moose sind sehr empfindlich für Umwelteinflüsse», so der Biologe. Es habe sich im Laufe seiner Arbeit gezeigt, dass alle untersuchten Moose, ausser das weitverbreitete Zypressen-Schlafmoos, negativ auf Magnesiumpulver reagieren. Werde aber nur auf kleinen Flächen geputzt, sollte das Bouldern kein Problem sein, so Hepenstrick. Wichtig sei, dass unter den Kletterern Aufklärung über die seltenen, teils gefährdeten Moose betrieben werde. Dafür ist er bereits in Kontakt mit dem Schweizer Alpenclub.

Beweise für die Eiszeit-Theorie

Hepenstricks Studienobjekte haben eine lange Reise hinter sich. Mit der letzten Eiszeit vor rund 25 000 Jahren kamen sie hierher. «Man muss sich vorstellen, vom Wallis bis hierher brauchte so ein Findling wohl 5000 Jahre», so der Biologe. Als sich die Eismassen dann zurückzogen, blieben sie am Jurasüdfuss liegen: Findlinge, erratische Blöcke oder Irrblöcke. Wie der Name sagt, passen die Granitblöcke überall, wo sie auftauchen, nicht so recht ins Bild.

Lange wusste man nicht, woher die Steine kommen. Man machte die Sintflut verantwortlich, später dachte man an vulkanische Aktivität. Im 19. Jahrhundert entwickelten unter anderem Schweizer Forscher wie Louis Agassiz, Ignatz Venetz und Jean de Charpentier die Eiszeittheorie, die Findlinge dienten dafür als Beweis.

Nächstes Jahr wird Daniel Hepenstrick seine Arbeit abschliessen. Er will einen Leitfaden erarbeiten, der dazu beitragen soll, die grünen Findlings-Inseln zu erhalten und den Verantwortlichen zu zeigen, wie sie mit ihnen umgehen müssen.

Findlinge und der Naturschutz in der Schweiz

Bevor die Herkunft der Findlinge in der Schweiz bekannt wurde, nutzte man ihr Gestein im Mittelland und im Jura gerne als Baumaterial, weil man das harte Gestein schätzte. Viele Findlinge wurden zerstört. Als man Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Bedeutung erkannte, regte sich dagegen Widerstand. Natur- und Heimatschützer kauften Findlinge auf, um sie vor der Zerstörung zu schützen.
Aus dieser Bewegung wurde der schweizerische Bund für Naturschutz gegründet, welcher heute Pro Natura heisst. Heute sind Findlinge in den meisten Kantonen als schützenswerte Objekte eingestuft, so auch im Kanton Solothurn. Findlinge stehen unter Naturschutz und dürfen nicht zerstört werden.

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