Die Wohnung, in welcher Veronika Thurneysen lebt, ist gross und hell. Das Haus umgeben von riesigen Bäumen und einem weitläufigen Park.

«Zuerst war ich Lehrerin, zwei Jahre davon an einer Privatschule in Hongkong. Erst mit 35 habe ich begonnen, Theologie zu studieren. Nicht weil ich Pfarrerin werden wollte, mich hat das Studium an sich fasziniert», erzählt die 86-Jährige und schmunzelt. Hebräisch, Griechisch und Latein musste sie lernen – und habe sogar Spass daran gehabt. Sie sei privilegiert gewesen: Ihr Vater, der selber auch Pfarrer war, habe sie immer machen lassen. Er habe gesagt: «Ihr könnt studieren, was ihr wollt, ich bin da, wenn ihr mich braucht». Wenn sie von ihrem Vater spricht, spürt man, dass sie ihm sehr verbunden war.

Nach 7 Jahren Studium und einem halben Jahr christlichem Friedensdienst in Palästina sei sie im Berner Münster ordiniert worden. «Dann bin ich als Pfarrerin in Solothurn gelandet. Das Pfarrhaus war natürlich viel zu gross für mich alleine, zum Glück durfte ich eine Wohngemeinschaft daraus machen», erinnert sich Vroni Thurneysen. Sie erzählt frei von der Leber weg, scheint sich an jedes Detail erinnern zu können und strahlt dabei eine tiefe Zufriedenheit aus.

Glaube ist etwas Freies

Sicher habe es auch Momente gegeben, in welchen sie sich ein Familienleben gewünscht habe. Aber einsam sei sie deshalb nicht gewesen: «Ich hatte immer gute Freunde um mich herum». Heute denke sie manchmal: «Wenn man alt ist und Kinder hat, ist immer jemand da, der sich um einen kümmert». Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: «Aber es ist, wie es ist». Sie lächelt verlegen.

Auf die Frage, was Glaube für sie bedeute, antwortet sie: «Für mich ist Glaube etwas Freies. In unserem eingeschränkten Denken versuchen wir stets, alles zu benennen und zu fassen». Damit habe sie aufgehört. Grundsätzlich bedeute es für sie einfach, dass jeder Mensch gut sei. «Dieser Grundsatz kam mir im Beruf wahnsinnig zugute», erzählt sie.

Keine Angst vor den Häftlingen

Mit «Beruf» meint sie nicht nur ihre Tätigkeit als Pfarrerin. In den letzten 15 Jahren vor ihrer Pensionierung war sie im Gefängnis Schöngrün als Seelsorgerin tätig. Zwei Halbtage in der Woche sei sie den Häftlingen zur Verfügung gestanden, manchmal sei sie auch noch am Abend vorbei gegangen. Die Häftlinge hätten sich bei ihr anmelden müssen und dann wurde sie einzeln mit ihnen eingeschlossen. Nur der Häftling und sie. Manchmal waren es kleinere Delikte, für die sie büssen mussten, manchmal Mord. Einmal habe einer zu ihr gesagt, als sie im Zimmer sassen: «Haben Sie eigentlich keine Angst? Wenn ich wollte, könnte ich Ihnen den Hals umdrehen.» Sie antwortete ihm, dass sie keine Angst habe und das sei auch so gewesen. Sie habe sich nur gedacht: «Wenn mich hier einer erstechen will, dann kann ich nichts dagegen tun».

Die Insassen seien froh gewesen, dass ihnen jemand zugehört und sie ernst genommen hat. Für Vroni Thurneysen gibt es keine schlechten Menschen – nur gute Menschen, die schlechte Dinge tun. Denn für sie ist klar, dass Gott keine schlechten Menschen schaffen würde. «Das hätte mir auch passieren können, dass ich kriminell geworden wäre», sagt sie und klopft sich dabei mit beiden Händen auf die Beine. Sie habe einfach nur Glück gehabt, dass sie in ein gutes Milieu hineingeboren wurde; das habe überhaupt nichts mit Gutsein zu tun.

«Ich hatte wunderbare und tiefgründige Gespräche im Gefängnis Schöngrün und möchte die Zeit um keinen Preis missen», sagt sie. Sie habe den Häftlingen immer erklärt: «Ihr könnt mir alles anvertrauen, aber ausserhalb des Zimmers kann ich nichts für euch tun.» Sie habe ja unter Seelsorgegeheimnis gestanden und durfte die Häftlinge weder entlasten noch beschuldigen. Nachdenklich blickt sie aus dem Fenster und meint: «Wissen Sie, keiner der Häftlinge hielt sich je für unschuldig. Nur einmal wurde einer von seiner Frau angeklagt, er habe sich an seinen Kindern vergangen. So, wie ich ihn kennen gelernt hatte, war das einfach nicht wahr. Sein Kind sagte gegen ihn aus und er wurde verurteil». Erst Jahre später sei herausgekommen, dass er die Tat nicht begangen hatte. Aber da sei es natürlich zu spät gewesen – der Mann sei in der Psychiatrie gelandet. «Das hat mich noch sehr lange beschäftigt», sagt sie. Schwierig sei manchmal gewesen, dass sie mit niemandem über das Erlebte sprechen durfte.

Jeder braucht einen Seelsorger

«Während neun Jahren hatte ich eine wunderbare Beziehung zu einem älteren Mann. Er war verwitwet, ihm konnte ich mich anvertrauen», erzählt sie. Dann springt sie beinahe von ihrem Sessel auf: «Deshalb finde ich es so wichtig, dass auch Pfarrer heiraten dürfen. Jeder braucht einen Seelsorger».

Auf die Frage, ob sie für die Zukunft noch etwas vor habe, reagiert sie gelassen. Sie müsse hier nichts mehr erleben oder erfahren, sei aber dankbar für alles, was sie noch erleben dürfe. «Im Sommer habe ich eine Reise geplant, aber wenn ich vorher sterbe, geht die Welt nicht unter. Ich kann auch ohne diese Reise leben. Also ich meine, ich kann auch sterben, ohne diese Reise zu erleben».

Plötzlich fängt sie verlegen an zu lächeln: «Wissen Sie, eigentlich habe ich keine Angst vor dem Tod. In der anderen Welt werde ich so viel mehr verstehen, als ich es in dieser tue».