Kantonalschwingfest
Gastredaktorin im Würgegriff der Schwinger

Gastredaktorin Marlies Czerny aus Österreich war am Kantonalschwingfest und liefert einen subjektiven Erlebnisbericht von der «Swingerparty der Schweizer».

Marlies Czerny *
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Stier Hercules, das Objekt der Begierde: Der Sieger durfte entweder ihn oder seinen Barwert von 4000 Schweizer Franken mitnehmen.

Stier Hercules, das Objekt der Begierde: Der Sieger durfte entweder ihn oder seinen Barwert von 4000 Schweizer Franken mitnehmen.

«Stopp! Aufhören! Du brichst ihm ja das Genick!» Die Solothurner Chantierwiese war gestern kein guter Platz für Menschen mit Helfersyndrom, für schwache Nerven – und schwache Gelenke. Beim kantonalen Schwingfest wird ein Schweizer Brauchtum auf Biegen und Brechen zelebriert, das ausserhalb der Staatsgrenzen kaum bekannt ist. Meine Besucherin aus Österreich weiss erst nichts mit Schwingen anzufangen. Ob ich sie in ein erotisches Etablissement entführen wolle ...? «Nein, ein Schwingfest hat doch nichts mit einer Swingerparty zu tun!» Mit dieser Antwort ist sie zufrieden: «Ah, das ist Sumo-Ringen der Schweizer! Ich bin dabei!»

Da liegt nun einer von 130 Schwingern im Ring, ganz wehrlos. Die Beine zappeln in der Luft, den hochroten Kopf presst sein Gegner in das Sägemehl – ist der Kopf überhaupt noch dran? «Ein Weichei darfst du nicht sein, das kann wehtun», erklärt Dagobert Cahannes, der als Speaker viele unsanft zu Boden gehen sah. Wehtut alleine das Zuschauen – die Hintergrundmusik von Alphornbläsern beruhigt wenig. Schnell wird klar, warum so mancher Schwinger einen «Polster» um die Hüfte trägt: Er dient als Knautschzone. Kampfgewicht ist in dieser Sportart kein Ballast, sondern ein Startvorteil, denn in Gewichtsklassen wird nicht unterteilt. Man ahnt es nicht auf den ersten Blick, aber sieht es auf den zweiten: Schwingen ist mehr als ein Hobby von vermeintlichen Bierbauchträgern, es ist eine schweisstreibende Lebenseinstellung.

Tradition zelebriert

Ihren Kulturschock erleben Englisch sprechende Passanten hinter dem Absperrgitter. «Look, they are dancing on their heads», ruft der eine. Auf dem Kopf tanzen sieht zwar anders aus, aber die Aussensicht beflügelt die Fantasie. Tradition wird beim Schwingen ohne Wenn und Aber zelebriert. Der Jodlerklub Hasenmatt tritt auf, auch die Alphorngruppe Solothurn. Ein VIP-Ticket heisst «Hosenlupf»-Package. Im Zeitalter des Schneller-Höher-Weiter-Wahns hält man bewusst an Beständigem fest. Dass nächstes Jahr in Burgdorf ein Schwingfest mit 52013 Besuchern und 20 Millionen Euro Budget auf die Beine gestellt werden soll, deswegen juchzen nicht alle vor Freude. Der Solothurner Steuerberater Thomas Zindel, der als aktiver Schwinger die Hosen seiner Gegner und als OK-Vizepräsident die Organisation im Griff hat, umschreibt: «Jeder Organisator ist für seine Veranstaltung verantwortlich.» Und erklärt: «Wir nennen es nicht VIPPackage, weil man VIPs mit weissen Tischtüchern verbindet. Und die Tischtücher gibt es bei uns nicht.»

Remo Stalder: Festsieger am Kantonalen in Solothurn
9 Bilder
Remo Stalder (Mümliswil) jubelt nach seinem Sieg beim Solothurner Kantonalschwingfest, rechts Platzkampfrichter Reto Stampfli.
Remo Stalder (Mümliswil) jubelt als Sieger des Solothurner Kantonalschwingfests.
Das Waschen nach Sieg oder Niederlage
Zuschauer hatten ihre helle Freude am Gebotenen
Zwei ganz Böse im Sägemehl
Alphornbläser
Siegermuni Hercules
So viel Schwingen gibt Durst

Remo Stalder: Festsieger am Kantonalen in Solothurn

Wolfgang Rytz

Wenn die «Mia san mia»-Mentalität den Fussballern von Bayern München nachgesagt wird – dann erlebt man die Schweizer Version am Tag nach dem Champions-LeagueFinale in Solothurn. Ein Raunen, wie in der Münchner Allianz Arena, geht über die volle Tribüne. «Abedrücke! Abedrücke», johlt hier einer, dort verliert ein anderer fast seine Nerven – und seine Stimme. Jeder der sechs Gänge und jeder Griff wird wie ein Frosch im Biologie-Unterricht seziert. Die Schweizer beten also doch einen König an – den Wenger Kilian aus dem Diemtigtal. Junge Mädchen und alte Frauen bitten den Schwingerkönig um ein Autogramm, sie wollen mit ihm fotografiert werden. «Schwingen erlebte in den letzten Jahren einen riesigen Boom», erklärt Beobachter Cahannes. Er versucht auch, Eindrücke abzuschwächen: «Junge, die hier sind, hören sich nicht die Jodler an, sie tragen Kopfhörer mit Rockmusik.»

Marlies Czerny auf der Regionalredaktion der az Solothurner Zeitung.

Marlies Czerny auf der Regionalredaktion der az Solothurner Zeitung.

AZ

Mein erster Gedanke? Der war wenig schmeichelhaft. «Das sind ja grosse Männer in noch grösseren Windelhosen!» Bitte schlagt mich nicht windelweich – aller Respekt ist vorhanden. «Das ist halt die Wahrnehmung einer Österreicherin», reagiert Thomas Zindel nicht böse, obwohl er einer von den ganz «Bösen» ist, wie die besten Schwinger ehrenvoll genannt werden. «Kein Schweizer sieht da Windelhosen.»

Auf meiner linken Seite legt gerade ein Schwinger einen Gegner auf das Kreuz, auf der rechten Seite wird Stier Hercules vorbeigeführt. Er ist der Preis, um ihn wird symbolisch gekämpft. «99 Prozent nehmen aber den Barwert mit heim, nicht den Stier mit dem Risiko», sagt Zindel. 4000 Schweizer Franken, das ist der Lohn für die beinharte Arbeit.

Mit Schwingerwürsten, jede 30 Zentimeter lang, Rösti oder Schweinshalssteaks verköstigen sich die offiziell 3000 Besucher. Junge Mütter mit Kinderwagen, eingefleischte Schwinger-Fans, Leute wie du und ich – das Publikum ist bunt. Wem das Sägemehl noch hinter den Ohren oder zwischen den Zähnen klebt, der ist ausgeschieden, schlüpft aus der Hose und in die Zuschauerrolle. «In der ganzen Wohnung findest du das Sägemehl später noch», erzählt ein Schwinger. Die Kämpfe hinterlassen Spuren. Ich wette, die Masseure in der Region, die haben heute alle Hände voll zu tun ...

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