Gastautorin
Was man als Amteischätzerin alles schätzen lernt

Die Gastautorin Myriam Frey Schär demissioniert nach zwölf Jahren als Amteischätzerin bei der Solothurner Gebäudeversicherung.

Myriam Frey Schär
Myriam Frey Schär
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Solothurner Gebäudeversicherung (SGV).

Solothurner Gebäudeversicherung (SGV).

Oliver Menge

Nach zwölf Jahren habe ich als Amteischätzerin bei der Solothurner Gebäudeversicherung demissioniert. Nicht, dass mir die Tätigkeit verleidet wäre, aber ich habe meinen ursprünglichen Beruf als Architektin an den Nagel gehängt und arbeite inzwischen ausschliesslich als Fachübersetzerin. Durch das Übersetzen von Architekturbüchern bleibe ich dem Thema zwar verbunden, aber eben nicht auf eine Art, die eine weitere Ausübung des Mandats rechtfertigen würde.

Als Schätzerin war ich Teil einer dreiköpfigen Kommission, die periodisch vorbeikommt, um sich zur Ermittlung des Kataster- und des Versicherungswerts jeden Winkel einer Liegenschaft anzuschauen. Was für ein Privileg, von Amtes wegen Zugang zu allen möglichen Bauwerken zu haben: zu Brückenköpfen, Wasserreservoirs, Kirchtürmen, Freilaufställen, Veterinärpraxen, Werkhallen! Über die Jahre erhielt ich auch Einblick in alle Wohnformen und damit einen Überblick, wie in unserer Amtei so gelebt wird. Dazu gehören das möblierte Studio mit Kochnische genauso wie die Villa mit eigener Tiefgarage, das Reihenhäuschen mit gepflegtem Gartenanteil, das nie ganz fertig werdende Selbstbauprojekt, bei dem immer irgendwo ein Stück Isolationsmatte herausquillt, das Kinderheim, die Alterssiedlung, die sozialtherapeutische WG oder das mehrstöckige Wohnhaus mit oder ohne Kleingewerbe im Parterre.

Und natürlich bin ich unzähligen interessanten Leuten begegnet, wenn auch meistens nur kurz; das Zeitfenster für den Besuch der Schätzungskommission ist selten länger als eine halbe Stunde. Trotzdem ist es immer etwas Besonderes, Menschen in ihrem privaten Umfeld anzutreffen; es ist viel persönlicher als ein Treffen im Büro oder im Restaurant. Und auch wenn mein Besuch jeweils dem Gebäude selbst und nicht so sehr den Menschen darin galt, so war ich doch darauf angewiesen und dankbar dafür, dass sie mich kurz in ihr Leben treten liessen, damit ich meine Arbeit machen konnte. Über die Jahre begegnete ich übernächtigten Eltern von Säuglingen, die noch keine Woche auf der Welt waren, trauernden Männern und Frauen, die berührend über den Verlust eines geliebten Familienmitglieds sprachen und strahlenden Paaren, deren Hochzeitsballone noch prall gefüllt an der Wohnzimmerdecke schwebten. Es gab auch heikle Situationen und Konflikte, aber diese Fälle kann ich selbst nach mehreren tausend Schätzungen an einer Hand abzählen. Die meisten Menschen, denen ich als Amteischätzerin begegnete, waren überaus zuvorkommend und grosszügig mit ihrer Zeit und ihrer Privatsphäre. Leider reichte es nur selten für einen Kaffee, obwohl uns unzählige Tassen angeboten wurden. Verschiedentlich wurde sogar Gebäck aufgedeckt – beispielsweise von dem freundlichen albanischen Paar, das frühmorgens vor der Arbeit eigens eine Wähe für uns gebacken hatte.

Ich bin froh um jede Begegnung, um jeden Einblick in Welten, die mir sonst verborgen geblieben wären, um jede Möglichkeit, andere Lebensentwürfe kennen zu lernen. Das wird mir fehlen.

Myriam Frey Schär ist aus Olten, Fachübersetzerin, Kantonsrätin Grüne.

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