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Ich spreche, also bist du

Ein Plädoyer für gendergerechte und politisch korrekte Sprache – und somit auch ein Plädoyer für einen respektvollen Umgang miteinander.

Dominique Lysser
Dominique Lysser
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Susann Basler

Es ist eine «unsinnige Diskussion», der «Genderwahn» «reine Symbolpolitik», die «Gendersprache» die « Zerstörung der Kultursprache». Wer Respekt vor der deutschen Sprache hat, verzichtet auf Sternchen und Zeichen. Und überhaupt, gibt es denn keine anderen Probleme punkto Gleichstellung? Die Diskurs­linien in den Kommentarspalten zum Thema gendergerechte Sprache nachzuzeichnen und die beliebtesten Argumentationsfiguren zusammenzufassen, ist keine schwierige Aufgabe. Diese Haltungen als inhaltlich fundierte, wissenschaftlich gestützte Diskussionsbeiträge ernst zu nehmen, hingegen schon.

Natürlich gibt es noch andere Probleme punkto Gleichstellung. Die Art, wie wir miteinander sprechen, ist allerdings Teil der Lösung und weit mehr als reine Symbolpolitik. Der deutsche Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch an der Freien Universität Berlin schreibt in seiner Streitschrift «Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen», dass Verhaltensänderungen zwar nicht allein durch Sprachreformen erwirkt werden können. Ein Bemühen um eine nicht diskriminierende Sprache ist aber ein wichtiges Zeichen dafür, dass wir überhaupt Gleichheit und eine gerechte Welt wollen. Die Welt, in der wir heute leben, ist eine androzentrische Welt: Männer sind Zentrum, Massstab und Norm unserer Gesellschaft. Diese Sichtweise schreibt sich als generisches Maskulinum in unseren Sprachgebrauch ein. Alternative Schreibweisen wie die Doppelnennung, das Gender-Sternchen oder partizipiale Personenbezeichnungen (zum Beispiel Studierende und Mitarbeitende) sind Strategien, die andere Hälfte der Weltbevölkerung ebenfalls sprachlich abzubilden.

Diese «Entmännlichung» der Sprache ist wichtig, weil die männliche Form nicht neutral ist. Wir interpretieren das generische Maskulinum nicht in seiner generischen Bedeutung. Das hat gesellschaftliche Konsequenzen. Zu diesem Ergebnis kommt Pascal Gygax, Leiter der Arbeitsgruppe Psycholinguistik und angewandte Sozialpsychologie am Departement für Psychologie der Universität Freiburg. Das von ihm mitverfasste Buch «Le cerveau pense-t-il au masculin?» (dt. «Denkt das Gehirn in männlichen Formen?») kondensiert 15 Jahre psycholinguistischer Forschung und beleuchtet Zusammenhänge zwischen Sprache und geschlechtsbezogenen sozialen Konstrukten. Das Fazit: Inklusive Formulierungen tragen dazu bei, dass sprachlich bedingte Vorurteile nicht reproduziert werden.

Sprachliche Sichtbarkeit ist eine Voraussetzung für gesellschaftliche Sichtbarkeit. Wie wir übereinander sprechen, zeigt, wie wir miteinander umgehen. Ein Plädoyer für gendergerechte und politisch korrekte Sprache ist ein Plädoyer für einen respektvollen Umgang miteinander, nicht mehr und nicht weniger. Was die in den Kommentarspalten sehr emotional geführten Diskussionen um die «Gendersprache» indes deutlich zeigen, ist, wer mit dieser Forderung nach Repräsentation und Respekt ein Problem hat. Dabei sollte uns nicht die «Zerstörung der Kultursprache» (was immer damit auch gemeint sein soll) Sorge bereiten, sondern die offensichtlich frauenfeindliche Haltung, die sich hinter solchen Positionen verbirgt.

Dominique Lysser ist Historikerin und Mitglied bei fem*so