Gastautor
Sind wir sicher, dass wir die nächste Krise nicht wollen?

Unser Gastautor macht sich seine eigenen Gedanken über die Energiestrategie in der Schweiz und in der Region. Er zweifelt, ob aus der aktuellen Krise die richtigen Lehren gezogen werden.

Markus Allemann
Markus Allemann
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Noch heute zeigt sich der Ortsbildschutz mitunter bei Solaranlagen skeptisch.

Noch heute zeigt sich der Ortsbildschutz mitunter bei Solaranlagen skeptisch.

Valentin Hehli

Im Jahr 2003 gab es den ersten Hitzesommer dieses Jahrtausends. Trotzdem nahmen seither die Flugkilometer, das Gewicht und die Kraft der Autos (SUV!), der Anteil der industriellen Landwirtschaft am CO2-Ausstoss zu. 2009 liess unsere Familie die ersten thermischen Solarpanels auf dem Dach anbringen. Warm duschen war jetzt erneuerbar.

Die Ortsbildkommission war nicht begeistert; der Verantwortliche liess es uns spüren, als wir ein paar Jahre später Lust auf eigenen Strom verspürten und ich den Antrag auf Solarzellen stellte. Die Botschaft: Ein verschandeltes Dach würde zur Nachahmung einladen, was die Arbeit der Kommission unnötig erschweren könnte. Verlangt wurde eine Revision des Projekts – mit dem Resultat, dass ziegelbraune Abdeckplatten die Leerstellen zwischen Panels, Dachfenstern und Kaminen maskieren mussten.

Inzwischen haben die Solarzellen in ihren fünf Jahren Laufzeit rund 36 MWh sauberen Strom geliefert, wovon gut 80 Prozent ins Netz eingespeist werden konnten. 14'000 kg CO2 konnten eingespart werden, ähnlich viel, wie wenn wir 420 Bäume gepflanzt hätten oder 3,5 Mal um die Welt fliegen würden ... Zusätzlich blieb von Mai bis September die Heizung ausgeschaltet – dank Solarpanels und Speichertank, die das Warmwasser zuverlässig liefern, auch wenn es zwischendurch einige Tage nass und kühl ist. Warum nur nutzen so wenige die Gratiswärme der Sonne?

2022 kam der Krieg in der Ukraine und sehr bald wurde klar, dass die Energie im nächsten Winter knapp und sehr teuer werden könnte. Die Regio Energie wirbt auf ihrer Homepage heute noch mit «Erdgas und Biogas – setzen Sie auf bewährte Energien, welche komfortabel, wirtschaftlich und umweltschonend als Energieträger eingesetzt werden». Unter der drohenden Klima- und Versorgungskrise sind solche Werbesprüche daneben.

Sicher, umweltschonend und auch im nächsten Winter noch zufrieden werden in der Region nur jene unterwegs sein, die in einer dem Fernwärmenetz angeschlossenen Überbauung wohnen, den Güsel nimmt uns niemand weg. Warum nur hängen einzig Grossbetriebe am Wärmenetz? Die Solothurner Gasstrategie zwingt den Kleinverbraucher praktisch ans Gasnetz, ausser er entscheidet sich für den Systemwechsel (Wärmepumpe, Holzpellets) und investiert mindestens das Doppelte.

Solothurn ist mit 65 Prozent angeschlossenen Haushalten schweizweit Gas-Spitzenreiter. Ein Fehler. Mein Freund, Einfamilienhausbesitzer, entschied sich für Holzpellets, nachdem ihm der Anschluss ans Wärmenetz verwehrt blieb. Die Leitung führte zwar praktisch bis vors Haus, denn die Siedlung nebenan wurde angeschlossen. Aber der lokale Energieanbieter wollte nicht.

In vier Monaten ist Winter. Unter der Hitze dieser Monate schwer vorstellbar. Wie können wir uns vorbereiten? Wir könnten Energie sparen – wie seit 30 Jahren, um das Klima zu schützen. Wir könnten jetzt noch die Speicherseen und Notlager füllen. Und Wärmedämmung einbauen, Heizungsersatz in Auftrag geben, Powerdächer planen, für später. Stattdessen steigen die Verkaufszahlen von mobilen Kühlgeräten, Elektro-Heizkörpern, Generatoren, Benzinkanistern.

Und die Regierung denkt darüber nach, 15 Prozent Einsparung beim Gas durch Heizöl zu ersetzen. Sind wir sicher, dass wir die nächste Krise nicht wollen?